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Foto © Sven Serkis

Brandstifter zu Gast

BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER
(Max Frisch)

Besuch am
31. Januar 2017
(Premiere am 18. April 2015)

 

Konzert-Theater Coesfeld

In seiner zehnten Spielzeit können das Konzert Theater Coesfeld und sein Träger, die private Kurt-Ernsting-Stiftung, stolz auf ihre Kultur­arbeit sein. Mit einem bunten Bühnen­pro­gramm, das von Lesungen mit Eva Matthes, Lieder­abenden mit Maximilian Kramer und Michael Gees, über Kabarett­abend mit Hans-Werner Meyer oder einen Tschai­kowsky-Abend mit dem Staats­or­chester der Rheini­schen Philhar­monie oder Schau­spiel-Klassikern reicht, trifft das Theater-Programm den Geschmack eines breiten Publikums. Längst hat es sich auch Stamm­kunden aus dem benach­barten Münster gewonnen. Der Kontakt zu den Schulen wird gepflegt, ein beson­derer Programm­schwer­punkt sind Angebote für das junge Publikum, von den 5‑jährigen bis zu denen, die es wie bei „Zweikampf­hasen“ schrill lieben. Es ist kein Wunder, dass bei vielen Vorstel­lungen die gut 600 Plätze schnell ausver­kauft sind. Kenner wissen das und buchen früh. So auch beim Gastspiel Biedermann und die Brand­stifter, das das Deutsche Theater Göttingen zeigt.

Der geome­trisch eckig-weiße Parfüm­flakon mutiert vom Holzdia­manten über ein Lego-Element zur übergroßen Handgranate mit Abzugsring – hoppla, braut sich da etwas zusammen? Hat sich schon, wie das rosafarbene Krawall­blatt in großen Lettern berichtet und schon wieder Brand­stif­tungen in der Stadt meldet – und immer haben die Leute, die braven Bürger, Hausierer in ihr Haus gelassen, die dann zündeln. Vorsicht ist geboten nicht nur Hausierern gegenüber, nein, gegenüber allen, die fremd in der Nachbar­schaft sind, die man nicht kennt, die anders aussehen, die an der Tür klingeln. Wenn es dann an der Haustür von Bieder­manns klingelt, ist das Dilemma schon geschehen, ein, nein, der Hausierer steht vor der Tür, der sich darüber beschwert, immer für einen Brand­stifter gehalten zu werden, und der an Bieder­manns Mensch­lichkeit appel­liert. Ob es nur den Zuschauern auffällt, dass er und sein bald dazu kommender Kumpan teuflisch lange Finger­nägel tragen? Blick­wechsel zwischen Biedermann und Biederfrau Babette: „…nein, auf keinen Fall ..!“ Doch Gottlieb Biedermann lebt auch unter den Blicken seiner Nachbarn und hat einen Namen, seinen Ruf zu verlieren, „Ich bin doch kein Unmensch.“ Und schon sind die neuen Gäste auf dem Dachboden unter­ge­bracht, wo sie eine emsige, Brand­geruch tragende Aktivität entfalten.

POINTS OF HONOR

Musik   
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Herr Biedermann, zeitgemäß modisch in einen rosafar­benen Hausanzug gekleidet und mit einer Modepuppe namens Babette als Frau ausge­stattet, lebt gut, aber nicht überschwänglich. Der unerwartete Selbstmord eines entlas­senen Mitar­beiters wird zu einer „unter­neh­me­ri­schen Panne“, zum Kolla­te­ral­schaden – wo gehobelt wird … Gern greift Frau Babette in den Vorrats­schrank, um mit Schinken und Würsten beladen zurück zu kommen, die Gäste sind einge­laden. Läge da nicht dieser merkwürdige Klotz in der Wohnung, ob man ihn …?

Für ihre Insze­nierung verzichten Lucia Bihler und Josa Marx bei Bühnenbild und Kostümen auf einen bestimmten Zeitbezug. Knallig-schräge Kostüme, ein undefi­nier­bares Möbel und ein silbern glänzender Vorhang reichen aus, die Möglich­keiten des selbst­zu­frie­denen, behag­lichen und seines ungestörten Lebens sicheren Biedermann, der Bieder­männer anzudeuten. Es sind vor allem die Sprüche, die dieser Gottlieb unbeirrt absondert, wenn er sich und seinen Besitz in großer Selbst­zu­frie­denheit betrachtet und sich als einen „guten Menschen“ erkennt. Ganz zufrieden ist er aber noch nicht: „Wem gehört eigentlich die Luft?“ Das Dienst­mädchen Anna hat Bihler in ein vierbei­niges, sprach­loses Wesen verwandelt, ein Dalma­tiner-ähnliches Faktotum, das zum Haushalt gehört und die Brand­stifter-Gäste misstrauisch beschnüffelt. Aber das hilft nichts, denn zum Schluss reißt Biedermann doch den Abzugsring und jagt sich und die ganze Stadt mit ihrer Biederkeit in die Luft – und keiner hat etwas unternommen.

Foto © Sven Serkis

Max Frisch hat erste Entwürfe zum Biedermann als Burleske bezeichnet, je nach Insze­nierung kann es ebenso gut als Satire oder Farce durch­gehen. Wie das satte Bürgertum in der Schweiz, im Deutschland der Nachkriegs­jahre oder im heutigen Europa lässt Biedermann, schon den Benzin­geruch in der Nase, die Frage „Müssen wir etwas tun?“ an sich vorbei­ziehen. In einer Zeit, in der auch gewählte und demokra­tisch kontrol­lierte Regie­rungen nicht vor einer „Brand­stiftung“ zurück­schrecken, erträgt der Zuschauer dieses Werk, das „ein Lehrstück ohne Lehre“ sein soll, leichter, wenn es die Biederkeit unserer Zeit stark überdreht  präsen­tiert. Das gelingt Bihler in einer spritzig-überdrehten Insze­nierung mit knall­bunter Ausstattung hervorragend.

Karl Miller als Biedermann, Felicitas Madl als seine Frau Babette, Bardo Böhlefeld und Frederik Schmid in der Rolle der beiden teufli­schen Brand­stifter geben den Figuren einen surrealen Touch, der für viel Amüsement sorgt. Auch wenn der Hund „Anna“ akustisch wenig beizu­tragen hat, nutzt Moritz Schulze unter der Haube manche Gelegenheit für panto­mi­mische Beiträge. Ob es zarte musika­lische Stimmungen sind, die donnernde Ankün­digung der beiden Hausie­rer­teufel oder ein wunder­schönes Lied, Jacob Suske gibt der Aufführung eine musika­lische Stimmung, die gefällt.

Das Konzert-Theater Coesfeld hat ein weiteres Mal bei der Wahl eines Gastspiels eine sachkundige Hand bewiesen und dem Publikum einen Klassiker präsen­tiert, der leicht­füßig und witzig daher­kommt und begeistert. Nach diesem Theater­abend wird es für die anwesenden Schüler zahlreicher Deutsch-Leistungs­kurse ein Leichtes sein, den obliga­to­ri­schen Klassiker-Aufsatz zu Papier zu bringen und dabei noch Spaß zu haben. Die Zuschauer erleben einen Theater­abend, der ihnen einen vielfach gespielten Klassiker in einer modernen Insze­nierung mit hohem Unter­hal­tungswert bietet. Das Publikum bedankt sich mit ausführ­lichem Beifall.

Horst Dichanz

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