O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER
(Max Frisch)
Besuch am
31. Januar 2017
(Premiere am 18. April 2015)
In seiner zehnten Spielzeit können das Konzert Theater Coesfeld und sein Träger, die private Kurt-Ernsting-Stiftung, stolz auf ihre Kulturarbeit sein. Mit einem bunten Bühnenprogramm, das von Lesungen mit Eva Matthes, Liederabenden mit Maximilian Kramer und Michael Gees, über Kabarettabend mit Hans-Werner Meyer oder einen Tschaikowsky-Abend mit dem Staatsorchester der Rheinischen Philharmonie oder Schauspiel-Klassikern reicht, trifft das Theater-Programm den Geschmack eines breiten Publikums. Längst hat es sich auch Stammkunden aus dem benachbarten Münster gewonnen. Der Kontakt zu den Schulen wird gepflegt, ein besonderer Programmschwerpunkt sind Angebote für das junge Publikum, von den 5‑jährigen bis zu denen, die es wie bei „Zweikampfhasen“ schrill lieben. Es ist kein Wunder, dass bei vielen Vorstellungen die gut 600 Plätze schnell ausverkauft sind. Kenner wissen das und buchen früh. So auch beim Gastspiel Biedermann und die Brandstifter, das das Deutsche Theater Göttingen zeigt.
Der geometrisch eckig-weiße Parfümflakon mutiert vom Holzdiamanten über ein Lego-Element zur übergroßen Handgranate mit Abzugsring – hoppla, braut sich da etwas zusammen? Hat sich schon, wie das rosafarbene Krawallblatt in großen Lettern berichtet und schon wieder Brandstiftungen in der Stadt meldet – und immer haben die Leute, die braven Bürger, Hausierer in ihr Haus gelassen, die dann zündeln. Vorsicht ist geboten nicht nur Hausierern gegenüber, nein, gegenüber allen, die fremd in der Nachbarschaft sind, die man nicht kennt, die anders aussehen, die an der Tür klingeln. Wenn es dann an der Haustür von Biedermanns klingelt, ist das Dilemma schon geschehen, ein, nein, der Hausierer steht vor der Tür, der sich darüber beschwert, immer für einen Brandstifter gehalten zu werden, und der an Biedermanns Menschlichkeit appelliert. Ob es nur den Zuschauern auffällt, dass er und sein bald dazu kommender Kumpan teuflisch lange Fingernägel tragen? Blickwechsel zwischen Biedermann und Biederfrau Babette: „…nein, auf keinen Fall ..!“ Doch Gottlieb Biedermann lebt auch unter den Blicken seiner Nachbarn und hat einen Namen, seinen Ruf zu verlieren, „Ich bin doch kein Unmensch.“ Und schon sind die neuen Gäste auf dem Dachboden untergebracht, wo sie eine emsige, Brandgeruch tragende Aktivität entfalten.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Herr Biedermann, zeitgemäß modisch in einen rosafarbenen Hausanzug gekleidet und mit einer Modepuppe namens Babette als Frau ausgestattet, lebt gut, aber nicht überschwänglich. Der unerwartete Selbstmord eines entlassenen Mitarbeiters wird zu einer „unternehmerischen Panne“, zum Kollateralschaden – wo gehobelt wird … Gern greift Frau Babette in den Vorratsschrank, um mit Schinken und Würsten beladen zurück zu kommen, die Gäste sind eingeladen. Läge da nicht dieser merkwürdige Klotz in der Wohnung, ob man ihn …?
Für ihre Inszenierung verzichten Lucia Bihler und Josa Marx bei Bühnenbild und Kostümen auf einen bestimmten Zeitbezug. Knallig-schräge Kostüme, ein undefinierbares Möbel und ein silbern glänzender Vorhang reichen aus, die Möglichkeiten des selbstzufriedenen, behaglichen und seines ungestörten Lebens sicheren Biedermann, der Biedermänner anzudeuten. Es sind vor allem die Sprüche, die dieser Gottlieb unbeirrt absondert, wenn er sich und seinen Besitz in großer Selbstzufriedenheit betrachtet und sich als einen „guten Menschen“ erkennt. Ganz zufrieden ist er aber noch nicht: „Wem gehört eigentlich die Luft?“ Das Dienstmädchen Anna hat Bihler in ein vierbeiniges, sprachloses Wesen verwandelt, ein Dalmatiner-ähnliches Faktotum, das zum Haushalt gehört und die Brandstifter-Gäste misstrauisch beschnüffelt. Aber das hilft nichts, denn zum Schluss reißt Biedermann doch den Abzugsring und jagt sich und die ganze Stadt mit ihrer Biederkeit in die Luft – und keiner hat etwas unternommen.

Max Frisch hat erste Entwürfe zum Biedermann als Burleske bezeichnet, je nach Inszenierung kann es ebenso gut als Satire oder Farce durchgehen. Wie das satte Bürgertum in der Schweiz, im Deutschland der Nachkriegsjahre oder im heutigen Europa lässt Biedermann, schon den Benzingeruch in der Nase, die Frage „Müssen wir etwas tun?“ an sich vorbeiziehen. In einer Zeit, in der auch gewählte und demokratisch kontrollierte Regierungen nicht vor einer „Brandstiftung“ zurückschrecken, erträgt der Zuschauer dieses Werk, das „ein Lehrstück ohne Lehre“ sein soll, leichter, wenn es die Biederkeit unserer Zeit stark überdreht präsentiert. Das gelingt Bihler in einer spritzig-überdrehten Inszenierung mit knallbunter Ausstattung hervorragend.
Karl Miller als Biedermann, Felicitas Madl als seine Frau Babette, Bardo Böhlefeld und Frederik Schmid in der Rolle der beiden teuflischen Brandstifter geben den Figuren einen surrealen Touch, der für viel Amüsement sorgt. Auch wenn der Hund „Anna“ akustisch wenig beizutragen hat, nutzt Moritz Schulze unter der Haube manche Gelegenheit für pantomimische Beiträge. Ob es zarte musikalische Stimmungen sind, die donnernde Ankündigung der beiden Hausiererteufel oder ein wunderschönes Lied, Jacob Suske gibt der Aufführung eine musikalische Stimmung, die gefällt.
Das Konzert-Theater Coesfeld hat ein weiteres Mal bei der Wahl eines Gastspiels eine sachkundige Hand bewiesen und dem Publikum einen Klassiker präsentiert, der leichtfüßig und witzig daherkommt und begeistert. Nach diesem Theaterabend wird es für die anwesenden Schüler zahlreicher Deutsch-Leistungskurse ein Leichtes sein, den obligatorischen Klassiker-Aufsatz zu Papier zu bringen und dabei noch Spaß zu haben. Die Zuschauer erleben einen Theaterabend, der ihnen einen vielfach gespielten Klassiker in einer modernen Inszenierung mit hohem Unterhaltungswert bietet. Das Publikum bedankt sich mit ausführlichem Beifall.
Horst Dichanz