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LUCIA DI LAMMERMOOR
(Gaetano Donizetti)
Besuch am
1. Februar 2017
(Premiere am 21. Januar 2017)
Auf den melodischen Süßstoff von Gaetano Donizettis Belcanto-Reißer Lucia di Lammermoor möchte kein Opernhaus verzichten, auch wenn er szenisch wenig hergibt und nur durch eine überragende Besetzung seine verführerische Wirkung erzielen kann. Vor mittleren oder gar kleineren Häusern türmen sich diese Probleme wie unüberwindliche Barrikaden auf. Dass das Theater Hagen diesen Husarenritt dennoch wagt, zeugt freilich nicht nur von der gewohnten Risikobereitschaft des scheidenden Intendanten Norbert Hilchenbach. Mit der Sopranistin Cristina Piccardi gehört dem Ensemble eine junge Sängerin mit herausragenden vokalen Talenten und einer überwältigenden jugendlichen und exotischen Ausstrahlung an, die die Titelpartie nicht nur stemmen, sondern auch erfüllen kann. Dass sie in einem ansonsten allenfalls mittelmäßigen vokalen Umfeld zur musikalischen Retterin der Produktion aufsteigt, spricht für die Brasilianerin, nicht unbedingt für die Belcanto-Tugenden des Ensembles.
| Musik | ![]() |
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Regisseur Thomas Weber-Schallauer vertraut der Kraft der Musik und hält sich mit überdrehten Ideen zurück. Das Stück lebt nicht von hyperdramatischen Aktionen, sondern von Arien und Ensembles, die vor allem Einblicke in die Seelen der Figuren geben. Dass viel herumgestanden wird, kann auch Weber-Schallauer nicht vermeiden. Muss er aber auch nicht. Dass er dennoch nicht nur am Text entlang inszeniert, zeigt sich in etlichen, oft eher unscheinbaren Details. Lucias Leidensfähigkeit wird immer wieder durch Trotzgesten der äußerst jugendlich wirkenden Sängerin unterbrochen. Hier lehnt sich ein Teenager, keine abgeklärte Frau gegen den Verlust seines Lebensglücks auf. Auch ihr Bruder Enrico wird nicht nur als egoistischer Finsterling dargestellt, sondern lässt auch zärtliche Regungen erkennen. Erwähnenswert ist die Aufwertung der Nebenfiguren, etwa Lucias Vertraute Alisa zur willfährigen Gehilfin Enricos. Lucias Erzieher Raimondo im Priesterornat entpuppt sich als bigotter katholischer Eiferer, der Lucia auch gern einmal das Kruzifix zwischen die Beine schiebt. Und die Wahnsinns-Szene der Titelfigur überzeugt durch eine nachvollziehbare, eher von Visionen als von pathologischem Wahn durchsetzte Gestik ohne übertriebene Schüttelkrämpfe.
Das alles spielt in einem dunklen, von kühlen Säulen umgebenen Saal, der ebenso wenig Wärme ausstrahlt wie die Gefühle von Enricos Hofschranzen. Dabei setzt Bühnenbildner Jan Bammes die Wände und Decken so flexibel ein, dass sie stellenweise Lucia zu erdrücken drohen. Eine durchweg überzeugende Lösung.

Mihhail Gerts, Erster Kapellmeister am Theater Hagen, bereitet den Solisten mit dem sauber musizierenden Philharmonischen Orchester einen lyrisch weich fließenden, dynamisch zurückhaltenden, also insgesamt äußerst dankbaren und entgegenkommenden Nährboden, auf dem sich die Sänger mühelos tummeln könnten. So richtig überzeugen kann allerdings nur Cristina Piccardi in der Titelrolle. Sie lässt die inneren Spannungen der Rolle spüren, entfaltet berückend schöne lyrische Bögen, erfüllt die blitzsauber polierten Koloraturen mit innerem Leben und lässt sich durch keinen noch so unbequemen Spitzenton in Verlegenheit bringen. Ihrem hellen, jugendlichen Timbre mag vielleicht noch ein wenig dunkleres „Unterfutter“ fehlen. Dennoch: Ihre Wahnsinns-Arie mit der von Donizetti vorgesehenen, wie aus einer anderen Welt tönenden Glasharmonika als instrumentalem Dialogpartner erzeugt geradezu Gänsehaut.
Das gelingt auch ihrem Partner Keija Xiong als Edgardo, wenn auch nicht vor Spannung, sondern durch eine Leistung, die nicht einmal Minimalanforderungen an einen lyrischen italienischen Tenor erfüllt. Ein Sänger, der im Charakterfach Meriten sammeln könnte, im Belcanto-Lager jedoch völlig fehlbesetzt ist. Das kann man von Kenneth Mattice als Enrico zwar nicht behaupten, dennoch bleibt seine stimmliche Leistung hinter seiner darstellerischen Intensität zurück. Ansonsten herrscht durchweg Mittelmaß. Da konnte man sich von den Ensemble-Qualitäten des Hagener Theaters schon wesentlich stärker beeindrucken lassen. Und das in vokal auch nicht gerade simplen Stücken wie dem Rosenkavalier oder der Hochzeit des Figaro.
Das Publikum im immerhin zu drei Vierteln gefüllten Theater findet sichtlich Gefallen an der musikalischen Schönheit des Stücks sowie der überragenden Leistung der Titelheldin und zollt allen Mitwirkenden freundlichen bis begeisterten Beifall.
Pedro Obiera