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REQUIEM
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
31. Januar 2017
(Premiere am 26. Januar 2017)
Mensch und Pferd lernen gegenseitig voneinander – so lautet das Motto der 2003 von dem Franzosen Bartabas gegründeten Academie equestre nationale du domaine de Versailles. Dahinter steckt eine Philosophie des Zusammenlebens, die in einem flexiblen Lehrplan ohne feste Regeln mit einer umfassenden Ausbildung in Reiten, Tanz, Fechten, Gesang und traditionellem japanischen Bogenschießen umgesetzt wird. Hinter dem Künstlernamen Bartabas verbirgt sich eine vielseitige schillernde Künstlerpersönlichkeit. Pferdetrainer, Filmproduzent, Impresario passt auf seine vielen Aktivitäten, die auf die Schöpfung eines poetischen Gesamtkunstwerks ausgerichtet sind.
Zum zweiten Mal ist er mit seiner Pferdeakademie zu Gast in Salzburg, zum zweiten Mal gestaltet er gemeinsam mit Marc Minkowski, selbst seit seiner Jugend ein begeisterter Pferdefreund, eine effektvolle, breit angelegte künstlerische Umsetzung eines Werkes von Wolfgang Amadeus Mozart, die alle menschlichen Sinne anspricht. Musikalische Interpretation auf Originalinstrumenten, Gesang, choreografisch gestaltete Reitkunst, szenisch umgesetzte Regie unter Einbezug von Licht und Raum sind die Elemente, deren Zusammenspiel nicht ohne stimulierende Wirkung ist. Sicherlich kann man hier von einem neuen Format sprechen, das ein breites Publikum anspricht, wie der Verkaufserfolg zeigt.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Choreografie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Kaum betritt der Zuschauer die Felsenreitschule, passend für die Aufführung gewählt, sticht schon der Duft von Pferdemist zur Einstimmung in die Nase. Chor, Solisten und Musiker stellen sich in den drei übereinanderliegenden Säulengängen auf und bilden so bereits einen wirkungsvollen harmonischen Hintergrund. Pferde schnauben im Dunklen und werden zur Beruhigung im Kreis geführt. Marc Minkowski steigt auf das Dirigierpult, das sich am Bühnenrand direkt vor den Zuschauern befindet und beginnt mit dem Miserere für Alt, Tenor, Bass und Orgel von Wolfgang Amadeus Mozart. Der Cantus firmus ist erhaben, feierlich, ehrfurchtsvoll und leicht, die passende Einstimmung, gefolgt von der Begräbnismusik für Königin Caroline von Georg Friedrich Händel. Das Pferdeballett setzt mit einem Solo des Meisters Bartabas selbst ein. Im Spotlight dreht sich sein Rappe elegant um die eigene Achse, während der Reiter sich in seiner Trauer sein dunkles T‑Shirt über den Kopf zieht und langsam ausdrucksvoll seine Arme bewegt. Mit einem erhabenen Aufmarsch der acht Reiter, liegend über den Pferderücken, beginnt die reiterliche Interpretation von Mozarts Trauermusik, dem Kernstück des Abends. Die Choreografie vereint die Eleganz und Erhabenheit der edlen Tiere, ihre rhythmischen Bewegungen und die unterschiedliche Ausdruckskraft in den verschiedenen Gangarten. Die Bewegungsabläufe und Gesten der Reiterinnen fließen damit zusammen, ihre ausschließlich langen Haarmähnen werden zur Entpersonifizierung miteinbezogen. Gefühlt spielt nicht der Einklang der Bewegung mit dem Rhythmus der Musik die entscheidende Rolle, sondern die Interpretation des Gefühls, welches die Musik vermittelt. Übermäßige Ausschmückung oder überzogene Wildheit fehlt in dieser ruhigen, in ständiger Bewegung fließenden Darstellung, die den Betrachter mehr und mehr in den Bann zieht und in den Leichenzug aufnimmt. Reiterliche Zirkuseinlagen fehlen ebenso, sollen aber nicht die Ansprüche an die reiterliche Qualifikation schmälern. Bartabas bezieht alle Mitwirkenden in sein Spiel ein. Auch Mitglieder des Salzburger Bachchores finden sich mitten unter den Pferden und bilden natürliche Begrenzungen, um die sich die Pferde sicher und vorsichtig bewegen. Im abschließenden Ave Verum beweisen auch die Reiterinnen ihre Gesangsausbildung.

Marc Minkowski ist gemeinsam mit seinem 1982 gegründeten Musicien du Louvre für seine Erneuerung der historischen Aufführungspraxis bekannt geworden. Auf Originalinstrumenten hat er mit seinem Ensemble die Werke des Barocks und der Klassik wiederbelebt und neue Maßstäbe gesetzt. Schon in der breit angelegten Aufstellung der Musiker, die sich über den gesamten Bühnenhintergrund verteilen, entsteht der erste klangliche Effekt, der den Orchesterklang zerteilt und jedes Instrument sehr klar abgrenzend vernehmen lässt. Der kammermusikalische Effekt führt zu einer transparenten, leichten, in der Luft schwebenden Klangwolke, auf die sich Solisten und Chor engelsgleich draufsetzen. Neuartig ist dieses Gefühl, das sich so von Aufführungen in klassischen Konzertsälen oder insbesondere Kirchen unterscheidet. Die Todesschwere weicht erwartungsvoll einer Leichtigkeit des Lebens, die Düsternis einer Helligkeit des Seins.
Helligkeit verbreiten auch die feinen Stimmen der beiden Solistinnen, der Sopranistin Genia Kühmeier und der Altistin Elisabeth Kulman. Lebensfreude und Kraft gleich einer göttlichen Verehrung spiegelt der Gesang wieder, fest sitzen die Töne in den Höhen und Läufen, ähnlich fest wie die Reiterinnen im Sattel. Julien Behr fehlt die Durchsetzungskraft seiner Tenorstimme und Charles Dekeyser wirkt zurückhaltend mit seinem dunkel gefärbten Bass, vielleicht liegt es an den räumlich-akustischen Hindernissen.
Der Besucher dieser Aufführung ist auf alle Fälle gefordert, alles Gebotene vollumfänglich zu erfassen. Auge und Ohr werden mit meisterhaften Bildern und Tönen verzaubert, jedes für sich ein Kunstwerk. Langsam schwillt der Applaus entsprechend an und endet in einem Begeisterungssturm mit standing ovations des eleganten, internationalen Publikums.
Helmut Pitsch