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PHAIDRA – DIE VIRTUOSITÄT DES LEIDENS
(Cooperativa Maura Morales)
Besuch am
2. Februar 2017
(Premiere)
Nach der Stadt der Blinden waren die Erwartungen hochgesteckt. Jetzt präsentiert die Cooperativa Maura Morales ihr neues Stück Phaidra – Die Virtuosität des Leidens zum ersten Mal im Forum Freies Theater auf der Kasernenstraße. Und verabschiedet sich quasi in die entgegengesetzte Richtung. Es geht in die Antike.
Für diejenigen, die Euripides oder Seneca nicht gleich auf dem Plan haben: Phaidra ist die Ehefrau von Theseus. Der hat einen Sohn, Hippolyt. Zu dem fühlt sie sich hingezogen. Leider kann Hippolyt für seine Stiefmutter nichts empfinden und weist sie zurück. Damit ist der Rahmen für das dramatische Tanztheater aufgezogen.
| Musik | ![]() |
| Tanz | ![]() |
| Choreografie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Maura Morales und Philipp Zander haben eine aufwändige Bühne mit vielen Dekorationselementen gestaltet. Auf der hinteren Bühnenwand ist oben ein schwarzes Brett mit zwei Seilstücken aufgehängt, das keine offensichtliche Funktion aufweist. Darunter ist der Arbeitsplatz des Musikers aufgebaut. Rechts davon hängt eine Schaukel, auf der die Sängerin sitzt. Am rechten Bühnenrand liegt ein gewelltes Seil, ein weiteres hängt in der Mitte der linken Bühnenhälfte von der Decke herab.
Sandra Carrasco ist die Sängerin, die im Morgenmantel während der gesamten Aufführung auf der Schaukel sitzenbleibt und – elektronisch verstärkt – mit einer Stimme, die für den Fado bestimmt scheint, das Geschehen kommentiert. Die Sprache bleibt unverständlich, der Text von Euripides ist auf dem Abendzettel abgedruckt. „Wo riss es mich hin von der Bahn der Vernunft? Raste ich, strauchelte, durch Götter betört?“ Man weiß es nicht. Auf der Bühne verhandeln die Tänzer das. Da gibt es Chang Ik Oh, der als Theseus den Bodenständigen, mitunter fast Tumben, häufiger Hilflosen gibt, der weiß, dass er Phaidra liebt, aber keine Chance in der aktuellen Situation hat. Sein Solo zum Schluss des Stücks ist denn auch, gelinde gesagt, überflüssig und einfallslos. Hier versagt die Virtuosität des Leidens, die sich sonst allgegenwärtig durch die Choreografie zieht. Yotam Feied hat als Hippolyt den dankbareren Anteil. Er ist der Begehrte, der sich als Tänzer und Luftakrobat immer wieder in die Höhe des hängenden Seils zurückziehen darf, ehe er sein Leben aushaucht und reglos auf dem Boden liegen bleibt. Es ist ein Stück für Maura, die hier alle Register ihres Könnens ziehen darf. Sie bedient sich der Männer, gibt sich hin, verweigert sich, leidet mit gutturalen Lauten, Weinen und kann dabei zeigen, was ihre Arbeit so besonders macht.

Tanz ist für sie Körperlichkeit in beinahe letzter Konsequenz. Sie arbeitet sich an den Männern ab, schreckt vor dem Akrobatischen nicht zurück, windet sich oft millimetergenau unter Einsatz aller Kräfte, um dann Nacktheit als Rückenpartie zu präsentieren. Das irritiert und durchbricht die Unbedingtheit, Sinnlichkeit und Radikalität, die sie ansonsten zeigt.
Michio, der Musiker, sitzt derweil an seinem Arbeitsplatz, erzeugt einen Klangteppich, der bereits aus der Stadt der Blinden bekannt erscheint, komplettiert ihn immer wieder mit Effekten. Nur, dass er jetzt noch professioneller, aber auch routinierter wirkt.
Am Ende des Tages ist es allen Beteiligten gelungen, das Publikum über eine Stunde in seinen Bann zu ziehen. Phaidra blieb verwehrt, Hippolyt zu gewinnen, und ihre Beziehung zu Theseus scheint soeben noch gekittet. Obwohl, so ganz genau weiß man es nicht.
Ist dem Publikum auch egal. Es applaudiert heftig und überproportional lang. Spätestens am Ende, wenn man die zärtliche Dankbarkeit von Maura Morales erlebt, weiß man, dass man auch an diesem Abend wieder etwas ganz Besonderes erlebt hat. Das kann noch lange nachwirken.
Michael S. Zerban