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Dreistündiger Stillstand

ASCHEMOND
ODER THE FAIRY QUEEN

(Helmut Oehring)

Besuch am
3. Februar 2017
(Premiere am 29. Januar 2017)

 

Opernhaus Wuppertal

So erfreulich die Karriere Helmut Oehrings seit der Wende im Westen verläuft, so sehr man dem gebür­tigen Ost-Berliner nach demüti­genden Erfah­rungen in der ehema­ligen Deutschen Demokra­ti­schen Republik die Erfolge auch gönnen mag: Oehring läuft Gefahr, angesichts immer höherer Ansprüche an sich selbst die ästhe­tische Orien­tierung und die Bindung an die Theater-Realität zu verlieren. Davon zeugt sein monumental aufge­blähtes Konstrukt AscheMOND oder The Fairy Queen, das er nach der Berliner Urauf­führung 2013 für die Wupper­taler Neupro­duktion noch erwei­terte und damit zu einem drama­tur­gi­schen Abstraktum von nahezu dreistün­digem Still­stand kreierte. Weshalb das Werk in Wuppertal als „Teil-Urauf­führung“ angekündigt wird.

Als „Hymne auf die Vergäng­lichkeit“ wird die „Oper“ im textreichen, aber wenig erhel­lenden Programm­blatt gepriesen. Seelen- und Gefühls­zu­stände auf Kosten einer klaren, rational erfass­baren Handlung in den Mittel­punkt zu stellen, das ist nicht neu und trifft auch nicht das Haupt­problem des Stücks. So schlug bereits Claude Debussy mit der Adaption von Maeter­lincks Drama Pelléas et Mélisande unter diesem Aspekt ein neues Kapitel der Opern­ge­schichte auf, Luigi Nono ging mit dem Prometeo ähnliche Wege wie auch Helmut Lachenmann mit dem Mädchen mit den Schwe­fel­hölzern und Salvatore Sciarrino mit seinen Flüster-Opern. Aber Debussys Oper enthält wenigstens einen Handlungskern, Nono dachte mit seinem „Hör-Theater“ erst gar nicht an eine szenische Umsetzung und bei Lachenmann und Sciarrino stehen Substanz und Länge in einem ausge­wo­genen Verhältnis.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Nichts davon trifft auf Oehrings Werk zu. Ohne dessen Verdienste und Talente schmälern zu wollen: Die musika­lische Inspi­ration reicht zumindest in AscheMOND nicht annähernd an die der genannten Liga heran. Oehrings musika­li­scher Beitrag erschöpft sich in einer mehr oder weniger willkürlich anmutenden Geräusch­ku­lisse, die Henry Purcells Music for a while düster einfärbt. Für den Gag wird ein eigenes Barock-Ensemble im Orches­ter­graben instal­liert, um das sich das Wupper­taler Sinfo­nie­or­chester und ein Duo mit Kontrabass und E‑Gitarre gruppieren. Ein Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Ertrag steht und auch keinen Sinn erkennen lässt.

Die barocken Klänge Purcells zielen auf die tröstende Wirkung der Musik ab, die Oehring mit seinen Klängen in hoffnungslose Depres­sionen stürzt. Die Textflut des Librettos von Stefanie Wördemann mit zusam­men­ge­wür­felten Beiträgen von Shake­speare, Heine, Stifter und Oehring selbst verstärkt die Konfusion. Der Auftritt der Gebär­den­so­listin Kassandra Wedel in der Doppel­rolle der Fairy Queen und des Monds beein­druckt durch seine expressive Inten­sität, trägt aber zur konzep­tio­nellen Orien­tierung dieser „Hymne an die Vergäng­lichkeit“ ebenso wenig bei wie etliche symbo­lis­tisch chiffrierte Anspie­lungen an Jahres­zeiten und Sternen­läufe. Ein undurch­schau­bares Labyrinth abstrakter Leere.

Foto © Wil van Iersel

Die szenische Füllung dieses drama­tur­gi­schen Still­stands bleibt dem Regisseur überlassen. Claus Guth konstru­ierte 2013 als Leitfaden die Suche eines Mannes nach sich selbst. Immo Karaman zeigt eine in tristem Büro-Outfit vor sich hinsie­chende Gesell­schaft in einem entmensch­lichten Wartesaal. Eine Reihe mehr oder weniger verständ­licher Episoden unter­schied­licher zwischen­mensch­licher Begeben­heiten zeugt von der Fantasie des renom­mierten Regis­seurs, die aber das abstrakte inhalt­liche Vakuum nicht über die Distanz von fast drei Stunden füllen kann. Einzig die Auftritte von Kassandra Wedel in weißem Gewand, die angesichts der mensch­lichen Tristesse wiederholt in Verzweiflung ausbricht, und die schönen Solo-Gesänge Purcells sorgen für kontras­tie­rende Licht­blicke. Der Hinter­grund des von Aida Guardia und dem Regisseur gestal­teten Bühnen­bilds öffnet sich im Laufe des Abends zu einem großen, tiefschwarzen Kreis, düster wie eine gleich­zeitige Mond- und Sonnenfinsternis.

Schade um den immensen Einsatz des musika­li­schen Personals. Johannes Pell leitet geschickt und umsichtig durch die Geräusch­ku­lisse, Michael Cook hält das Barock­ensemble zu einem stilge­rechten Vortrag an und die Solisten entschä­digen für manchen Leerlauf. Neben der charis­ma­ti­schen Gebär­den­so­listin Wedel präsen­tiert sich Counter­tenor Hagen Matzeit in den Purcell-Gesängen in Höchstform. Auf gleichem Niveau, wenn auch nicht mit immer so dankbaren Aufgaben bedacht, empfehlen sich die Sopra­nis­tinnen Ralitsa Ralinova und Leonora Amaral sowie die Mezzo­so­pra­nistin Catriona Morison, der Tenor Christian Sturm und die Baritone Simon Stricker und Hak-Young Lee. Die gespro­chenen Texte rezitiert Manfred Böll mit profes­sio­neller Ausdruckskraft.

Das zu zwei Drittel gefüllte Opernhaus leert sich nach der Pause weiter. Die stand­haften Besucher bedanken sich mit großem Beifall bei den vorzüg­lichen Inter­preten, die nicht für die Substanz­armut des Stücks verant­wortlich sind. Wieso Intendant Berthold Schneider dem Stück ernsthaft Reper­toire-Chancen einräumt, dürfte sein Geheimnis bleiben. Zumal das Vertrauen in die Publi­kums­wirk­samkeit in Grenzen bleibt, wenn angesichts des enormen Aufwands ganze vier Auffüh­rungen vorge­sehen sind.

Pedro Obiera

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