O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Stefan Walzl

Griff ins Klo

DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
4. Februar 2017
(Premiere)

 

Olden­bur­gi­sches Staatstheater

Immer wenn sich ein kleines Theater in Deutschland anschickt, das Mammut­projekt Der Ring des Nibelungen in Angriff zu nehmen, dann sind die Erwar­tungen groß. So auch jetzt am Olden­bur­gi­schen Staats­theater, wo man chrono­lo­gisch mit dem Rheingold beginnt. Die schöne Stadt in Nordseenähe mit einem noch schöneren Theater ist ja durchaus Ring-erfahren, was man angesichts der Größe kaum glauben sollte. Seit 1922 gibt Einzel­teile aus dem Ring hier zu erleben, zuletzt wurde 2011 während der Renovierung des Theaters im Ausweich­quartier die Walküre gespielt. Den Versuch, den ganzen Zyklus auf die Bühne zu stellen, gab es bisher nur ab dem Jahr 1970. Beginnend mit dem Rheingold folgten Siegfried und Götter­däm­merung, aber wie so oft wurde das wahre Leben tragi­scher als die Oper selbst. Die Sängerin der Brünn­hilde, Isabell Strauss, und der damalige General­mu­sik­di­rektor Fritz Janota verliebten sich inein­ander, waren aber beide schon familiär gebunden. Sie gingen gemeinsam in den Freitod, der Zyklus blieb unvollendet.

Jetzt im Jahre 2017 steht das Staats­theater unter neuer Leitung. Seit 2014 leitet Christian Firmbach die Geschicke, in der laufenden Saison stößt der neue GMD Hendrik Vestmann zum Leitungsteam dazu. Ein ortsan­säs­siger Sponsor mit vier Ringen im Logo steht auch bereit – also: wenn nicht jetzt, wann dann? Mit Paul Esterhazy und Mathis Neidhardt holt man sich ein Regieteam, von dem man einige schöne Impulse erwarten kann, und tatsächlich gibt es den ersten schon, noch bevor die Musik einsetzt. Eine hölzerne Hauswand liegt vor den Zuschauern offen und in ihrer Mitte ist eine Tür mit dem berühmten einge­schnit­tenen Herz darin. Das Plumpsklo der Alpen­region als Start­se­quenz für den Ring? Das ist frech und prompt sitzt Alberich während des Vorspiels auf der Toilette und verschafft sich Erleich­terung, welcher Art auch immer. Die drei Wasch­weiber – ehemals die Rhein­töchter – die sowohl Wäsche wie auch Leichen säubern, lassen ihn eiskalt abblitzen. Und so greift er, die Liebe verflu­chend, dahin, wo das Rheingold glänzt: tief ins Klo. Selten ist dieser Szene so sämtlicher Pathos genommen worden, und selten hat eine an sich so unpas­sende Bühnen­handlung so viel Sinn ergeben.

Man braucht eine Weile, um sich an diese degene­rierte, abgeschiedene Gesell­schaft zu gewöhnen, die Esterhazy, Neidhardt und die Drama­turgin Stephanie Twiehaus auf die Bühne gestellt haben. Hier ist kein großes Welten­drama angesagt, sondern nur das Scheitern eines sozialen Gefüges, das außerhalb jeder Kontrolle steht. In den Kostümen aus Wagners Zeiten und in den Masken der Darsteller finden sich alle Arten von Dorfbe­wohnern, mit vielen Defor­ma­tionen oder körper­lichen Gebrechen. Diese Detail­arbeit ist nicht schön in der Wahrnehmung, aber gelungen in der Ideen­findung. Irgendwann wundert man sich auch nicht mehr, dass die Götter­fa­milie von Freia gesäugt wird. Der katho­lische Kaplan namens Froh hat sich in dieses System gefügt, lässt alten Mythen den Vorrang vor seinem Glauben, auch wenn er sich alibi­mäßig eine Regen­bogen-Stola umhängt und die Berghütte segnet.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Selbst wenn der Gehstock längst ein abgenutztes Synonym für Wotans Speer ist, hat man selten so viele neue Einblicke in die Größen­ver­hält­nisse der verschie­denen Familien bekommen, wo es wirklich nichts gibt, was es nicht gibt. Dank einer genialen Drehbühne bekommt man einen raschen Perspek­tiv­wechsel in verschiedene Räume, wo die Bewohner eng aufein­ander hocken. Ernst Engel verleiht dem Ganzen meist eine diffuse Ausleuchtung. Das Unheim­liche ist immer greifbar. Wie sich diese Bilder­sprache mit Wagners Text und der bis heute allge­gen­wär­tigen Handlung verbindet, das nötigt Respekt ab. Stellen­weise ist bei so viel Einfalls­reichtum auch der Blick in das Programmheft notwendig, aber insgesamt ist die Arbeit aus sich heraus schlüssig und man kann sich nach dem Theater darüber austauschen.

Dazu gibt es viel Theater­zauber. Einiges ist grandios gelöst, wie die Verwand­lungen Alberichs. Anderes dagegen auch sehr ungeschickt, wie der Arm, der dem Alberich abgeschnitten wird. Das ist eben der Preis, den man für eine detail­lierte Arbeit zuweilen zahlt: Nicht immer läuft auf der Bühne alles hundert­pro­zentig glatt, und der leicht überstra­pa­zierte Einsatz der Drehbühne, die vielen Auf- und Abgänge geben der Insze­nierung einen hekti­schen Unterton. Dazu gibt es eine unfrei­willige Unter­stützung aus dem Orches­ter­graben, denn Hendrik Vestman dürfte wohl das schnellste Rheingold der Musik­ge­schichte erarbeitet haben. Vor allem in der Szene in Nibelheim bringt das Tempo viel Unruhe in die bis dahin so hohe Konzen­tration. Die Fehlein­sätze häufen sich und der GMD, der mit seinen Einsatz­zeichen alles andere als geizig ist, hat Mühe diese komplexe Musik­ma­schi­nerie wieder zusammen zu fügen. Das Olden­bur­gische Staats­or­chester tut sich mit dem schwe­benden Zusam­men­treffen der Harmonien und Motive noch etwas schwer, aber das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Denn das Engagement der Musiker hört man in jedem Takt und keine Aufführung von New York bis Bayreuth läuft bei dieser Musik fehlerfrei ab. Schon gar nicht, wenn man so auf Risiko spielen lässt wie jetzt Vestmann. Seine gefor­derte Dramatik ist mitreißend, da nutzt man als Hörer jede Ruhese­quenz zum Durch­schnaufen. Das Klangbild ist in diesem schönen, kleinen Theater mächtig, aber auch immer trans­parent genug für Feinheiten – beispiels­weise für die vier Harfen, die in den beiden Orches­ter­logen links und rechts positio­niert sind. Das Orchester macht angesichts dieser schwie­rigen Inter­pre­tation eine hervor­ra­gende Arbeit ebenso auch wie das Ensemble, das nur mit fünf Gästen ergänzt werden muss.

Foto © Stefan Walzl

Einer von ihnen ist der anfüh­rende Johannes Schwärsky als Alberich, ein intensiv aufsin­gender Charak­ter­ba­riton mit einer famosen Bühnen­präsenz. Besonders ihn bringt aber das schnelle Tempo in Schwie­rig­keiten, auch in der Intonation. Trotzdem: Eine geniale Charak­ter­studie durch und durch. Zu Lasten des Tempos geht auch die Aussprache, und dass man mit Übertiteln gearbeitet hat, kommt nicht nur Daniel Moon zugute. Der Bariton des Hauses fällt gegenüber Schwärsky deutlich im Farben­reichtum seiner Stimme ab, singt aber ansonsten einen guten Wotan mit am Ende noch kräftigen Höhen. Melanie Lang darf, von der Regie als verbit­terte, verhärmte Fricka angelegt, auch vokal so klingen, löst das aber stets mit einer kulti­vierten Stimme. Timothy Lang ist ein in Oldenburg gern gesehener Gast, und das wird nach seiner Leistung als Loge auch so bleiben: Windig und abwechs­lungs­reich vorge­tragen, trifft er den Kern der Rolle. Auch der stimm­mächtige Fasolt von Randall Jakobsh weiß zu begeistern. Dass Ill-Hoon Choung als sein Bühnen­bruder nicht über Jakobsh‘ Resonanzen verfügt, löst Choung geschickt, indem er den Fafner einfach etwas verschla­gener interpretiert.

Überhaupt ist das gesamte Ensemble sehr indivi­duell geprägt. Auch jede der Rhein­töchter wartet mit eigenem Charakter auf, die sich in den Stimmen von Sooyeon Lee, Anna Avakian und Julia Fayeln­bogen wider­spiegeln und zudem auch schön harmo­nieren. Sarah Tuttle befreit Freia von allen so oft gehörten Schärfen in den Höhen. Aarne Pelkonen besitzt als Donner Witz in der Darstellung und Kraft in der Stimme. Philipp Kapeller singt seine wenigen Phrasen als Froh sehr schön, bleibt als Figur auch immer präsent auf der Bühne. Timo Schabel teilt sich mit einem klein­wüch­sigen Statisten die Rolle des Mime. Ein schöner Bühnentrick und ein toller Tenor. Überhaupt wird mit vielen Statisten gearbeitet, deren Hinter­gründe sich nicht immer sofort erschließen. So sind auch mensch­liche Vertreter für das Pferd Grane und die Raben oft zu sehen. Auch die Mutter von Siegmund und Sieglinde, die Wölfin, taucht immer wieder, Wotan anhim­melnd, auf. In jedem Raum aber ist Erda präsent und wenn schließlich die Sängerin Ann-Beth Solvang mit in sich ruhendem Alt und erfüllt von großer Sorge das Ende der Götter prophezeit, dann ist die Gänsehaut im Publikum spürbar.

Am Ende zielt Wotan mit dem Schwert Nothung auf den Stamm der Esche, wo es in der Walküre, die für Ende 2017 angekündigt ist, stecken wird.

Der letzte Akkord ist kaum verklungen, da bricht die Begeis­terung los. Nicht übertrieben, aber dennoch hört man die stolzen Lokal­pa­trioten, die zufrie­denen Klassik­lieb­haber, die überraschten Ring-Freunde. Ablehnung gibt es gar keine an diesem Abend, nicht mal für das Regieteam trotz dieser nicht ganz so bequemen Inter­pre­tation. Die Musiker werden allesamt diffe­ren­ziert gefeiert. Beim Rausgehen gehen die Diskus­sionen los: „Der Schwärsky war klasse“, „Alles verstanden habe ich noch nicht“, „War gar nicht so schlimm, wie ich dachte“. Wenn das Niveau so bleibt, wird der Ring in Oldenburg noch höhere Wellen schlagen – so viel ist sicher.

Christoph Broermann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: