O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
MADAMA BUTTERFLY
(Giacomo Puccini)
Besuch am
4. Februar 2017
(Premiere)
Dass seit wenigen Wochen ein Präsident die Vereinigten Staaten regiert, der jedes klischeehafte Vorurteil vom „hässlichen Amerikaner“ bestätigt, ist reiner Zufall. Juan Anton Rechis Konzept für die Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper Madama Butterfly steht seit langem fest, und Puccinis nicht gerade amerikafreundliche Oper hat mittlerweile schon 112 erfolgreiche Jahre auf dem Buckel. Dass die Oper die rührselige, in einem niedlichen Bilderbuch-Japan angesiedelte Geschichte eines naiven Mädchens aus dem Fernen Osten sein soll, dieses Märchen entspringt schlechten Aufführungen. Die Neuproduktion der Deutschen Oper am Rhein präsentiert das Stück als eine Parabel über die Hybris einer Nation, die andere Länder und Menschen wie Spielzeug benutzt und bei Nichtgefallen zerstört. Und das so drastisch und deutlich wie selten zuvor in einer Butterfly-Inszenierung.
Bei Rechi und letztlich auch bei Puccini sind Japan und Nagasaki, der Schauplatz der Oper, fest in amerikanischer Hand. Das betrifft nicht nur den arrogant-lässigen Yankee-Habitus des US-Leutnants Pinkerton im Umgang mit der blütenzarten Butterfly: Die amerikanische Allmacht hat in den eindrucksvollen Bühnenbildern von Alfons Flores nahezu alle Reste japanischer Identität eliminiert. Das luftige Landhaus, in dem sich der japanische Teenager sein Glück mit dem smarten Offizier erhofft, existiert nur als winziges Modell, das nie realisiert wird. Gespielt wird vor aufdringlichen US-Bannern zwischen den protzigen, NS-Architekturen entlehnten Säulen der US-Botschaft, die am Ende des ersten Akts von der verheerenden Sprengkraft einer Atombombe pulverisiert wird. In den Trümmern errichtet sich Cio-Cio-San aus den Resten der US-Flagge eine armselige Bleibe, behält aber ihren Kimono an und versucht, einen bescheidenen japanischen Garten anzulegen. Ein trostloses Umfeld, in dem sie drei Jahre lang auf den untreuen Schürzenjäger wartet, bis es zur letalen Katastrophe kommt.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Dieser optischen Einöde setzt Rechi ein Spiel von packender Intensität entgegen. Nichts Rührseliges schmälert die Drastik, mit der er die gedanken- und verantwortungslose Arroganz des Amerikaners und vor allem die Seelenqualen der Japanerin zeigt. Qualen, die das junge Mädchen zu einer starken Frau prägen, die bewusst ihren spektakulären Freitod inszeniert. Den wiederholten Vorwurf an den Komponisten, mit der scheinbar naiv-dümmlichen Cio-Cio-San eine schwache, sentimentale Figur zum Handlungsträger erhöht und damit die dramatische Schlagkraft des Stücks verwässert zu haben, durchkreuzt Rechi auf ganzer Linie.

Detailliert formt der Regisseur auch jede Figur, die allesamt ihre Mitschuld an der Tragödie tragen. Dem Konsul Sharpless billigt er Reste von Mitgefühl zu, der den verhängnisvollen Heiratspakt dennoch zulässt und sich zum Komplizen Pinkertons macht. Eine erfreulich wichtige Rolle nimmt Cio-Cio-Sans Dienerin Suzuki ein, die in die Heiratsvermittlung mit eingebunden wird. Mit schlechtem Gewissen, aber der übermächtigen Nation letztlich hilflos ausgeliefert. Die Zerstörung der japanischen Traditionen ist so weit fortgeschritten, dass sogar der Bonze Goro und Fürst Yamadori westliche Kleidung angelegt haben. Lediglich Cio-Cio-San und ihre Sippe bleiben noch ihren traditionellen Trachten treu, wobei sich die Verwandtschaft bei ihrem Auftritt zu einer eindrucksvollen Traube, eingehüllt in ein Meer aus japanischen Sonnenschirmen, zusammenrottet, als müsse sie sich vor einem imaginären Feind schützen.
So kraftvoll wie auf der Bühne geht es auch musikalisch zu. Der gerade einmal 28-jährige Kapellmeister Aziz Shokhakimov trifft mit den wiederum in Hochform aufspielenden Duisburger Philharmonikern den dramatischen Pulsschlag des Stücks punktgenau und versteht es, mit beeindruckender Flexibilität in lyrischere Gangarten umzuschalten. Ein mitreißendes, bisweilen etwas ruppiges Dirigat, dem klanglich noch einige impressionistisch gefärbte Nuancen fehlen. So grell er die Zitate der amerikanischen Hymne und das Motto American forever ertönen lässt, so leuchtend das Orchester erklingt, wenn sich die Leiden Cio-Cio-Sans in Stärke umwandeln, so zärtlich geht er den Gefühlen der Titelheldin nach.
Angesichts des insgesamt forschen Dirigats bedarf es adäquater Protagonisten. Vorbildlich, wie Liana Aleksanyan in der Titelrolle in diesem Umfeld die ganze Palette von mächtiger Kraftentfaltung bis zu sensibelsten Tönen entfalten kann. Auch wenn sie nicht dem Idealbild eines 15-jährigen, zerbrechlichen „Schmetterlings“ entspricht, wirkt ihre intensive Darstellung gerade im zweiten Teil, in dem das Mädchen zur Frau gereift ist, rundum überzeugend. Ihr amerikanischer Traummann Pinkerton alias Eduardo Aladrén glänzt mit einem metallisch strahlenden Tenor, singt freilich mit solchem Dauerdruck, dass feinere Zwischentöne zu kurz kommen. Hier könnte sich der Dirigent helfend zurückhalten.
Grandios Stefan Heidemann als skeptisch-nachdenklicher Sharpless, der die Rolle mit seinem voluminösen Bariton wohltuend aufwertet. Und besondere Aufmerksamkeit verdient die junge Mezzosopranistin Maria Kataeva, die in Gesang und Darstellung die Suzuki vom Ruch einer größeren Komparsenrolle befreit.
Sorgfältig besetzt sind auch die restlichen Rollen. Auch der Chor lässt keine Wünsche offen, so dass Puccini-Freunde, die auch deftigere Klänge goutieren, voll auf ihre Kosten kommen. Entsprechend begeistert fällt der Beifall des Premieren-Publikums im ausverkauften Duisburger Theater aus.
Pedro Obiera