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„America forever“

MADAMA BUTTERFLY
(Giacomo Puccini)

Besuch am
4. Februar 2017
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein
Duisburg

Dass seit wenigen Wochen ein Präsident die Verei­nigten Staaten regiert, der jedes klischee­hafte Vorurteil vom „hässlichen Ameri­kaner“ bestätigt, ist reiner Zufall. Juan Anton Rechis Konzept für die Neuin­sze­nierung von Giacomo Puccinis Oper Madama Butterfly steht seit langem fest, und Puccinis nicht gerade ameri­ka­freund­liche Oper hat mittler­weile schon 112 erfolg­reiche Jahre auf dem Buckel. Dass die Oper die rührselige, in einem niedlichen Bilderbuch-Japan angesie­delte Geschichte eines naiven Mädchens aus dem Fernen Osten sein soll, dieses Märchen entspringt schlechten Auffüh­rungen. Die Neupro­duktion der Deutschen Oper am Rhein präsen­tiert das Stück als eine Parabel über die Hybris einer Nation, die andere Länder und Menschen wie Spielzeug benutzt und bei Nicht­ge­fallen zerstört. Und das so drastisch und deutlich wie selten zuvor in einer Butterfly-Insze­nierung.

Bei Rechi und letztlich auch bei Puccini sind Japan und Nagasaki, der Schau­platz der Oper, fest in ameri­ka­ni­scher Hand. Das betrifft nicht nur den arrogant-lässigen Yankee-Habitus des US-Leutnants Pinkerton im Umgang mit der blüten­zarten Butterfly: Die ameri­ka­nische Allmacht hat in den eindrucks­vollen Bühnen­bildern von Alfons Flores nahezu alle Reste japani­scher Identität elimi­niert. Das luftige Landhaus, in dem sich der japanische Teenager sein Glück mit dem smarten Offizier erhofft, existiert nur als winziges Modell, das nie reali­siert wird. Gespielt wird vor aufdring­lichen US-Bannern zwischen den protzigen, NS-Archi­tek­turen entlehnten Säulen der US-Botschaft, die am Ende des ersten Akts von der verhee­renden Spreng­kraft einer Atombombe pulve­ri­siert wird. In den Trümmern errichtet sich Cio-Cio-San aus den Resten der US-Flagge eine armselige Bleibe, behält aber ihren Kimono an und versucht, einen beschei­denen japani­schen Garten anzulegen. Ein trost­loses Umfeld, in dem sie drei Jahre lang auf den untreuen Schür­zen­jäger wartet, bis es zur letalen Katastrophe kommt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne   
Publikum  
Chat-Faktor  

Dieser optischen Einöde setzt Rechi ein Spiel von packender Inten­sität entgegen. Nichts Rührse­liges schmälert die Drastik, mit der er die gedanken- und verant­wor­tungslose Arroganz des Ameri­kaners und vor allem die Seelen­qualen der Japanerin zeigt. Qualen, die das junge Mädchen zu einer starken Frau prägen, die bewusst ihren spekta­ku­lären Freitod insze­niert. Den wieder­holten Vorwurf an den Kompo­nisten, mit der scheinbar naiv-dümmlichen Cio-Cio-San eine schwache, senti­mentale Figur zum Handlungs­träger erhöht und damit die drama­tische Schlag­kraft des Stücks verwässert zu haben, durch­kreuzt Rechi auf ganzer Linie.

Foto © Hans Jörg Michel

Detail­liert formt der Regisseur auch jede Figur, die allesamt ihre Mitschuld an der Tragödie tragen. Dem Konsul Sharpless billigt er Reste von Mitgefühl zu, der den verhäng­nis­vollen Heiratspakt dennoch zulässt und sich zum Komplizen Pinkertons macht. Eine erfreulich wichtige Rolle nimmt Cio-Cio-Sans Dienerin Suzuki ein, die in die Heirats­ver­mittlung mit einge­bunden wird. Mit schlechtem Gewissen, aber der übermäch­tigen Nation letztlich hilflos ausge­liefert. Die Zerstörung der japani­schen Tradi­tionen ist so weit fortge­schritten, dass sogar der Bonze Goro und Fürst Yamadori westliche Kleidung angelegt haben. Lediglich Cio-Cio-San und ihre Sippe bleiben noch ihren tradi­tio­nellen Trachten treu, wobei sich die Verwandt­schaft bei ihrem Auftritt zu einer eindrucks­vollen Traube, einge­hüllt in ein Meer aus japani­schen Sonnen­schirmen, zusam­men­rottet, als müsse sie sich vor einem imagi­nären Feind schützen.

So kraftvoll wie auf der Bühne geht es auch musika­lisch zu. Der gerade einmal 28-jährige Kapell­meister Aziz Shokha­kimov trifft mit den wiederum in Hochform aufspie­lenden Duisburger Philhar­mo­nikern den drama­ti­schen Pulsschlag des Stücks punkt­genau und versteht es, mit beein­dru­ckender Flexi­bi­lität in lyrischere Gangarten umzuschalten. Ein mitrei­ßendes, bisweilen etwas ruppiges Dirigat, dem klanglich noch einige impres­sio­nis­tisch gefärbte Nuancen fehlen. So grell er die Zitate der ameri­ka­ni­schen Hymne und das Motto American forever ertönen lässt, so leuchtend das Orchester erklingt, wenn sich die Leiden Cio-Cio-Sans in Stärke umwandeln, so zärtlich geht er den Gefühlen der Titel­heldin nach.

Angesichts des insgesamt forschen Dirigats bedarf es adäquater Protago­nisten. Vorbildlich, wie Liana Aleksanyan in der Titel­rolle in diesem Umfeld die ganze Palette von mächtiger Kraft­ent­faltung bis zu sensi­belsten Tönen entfalten kann. Auch wenn sie nicht dem Idealbild eines 15-jährigen, zerbrech­lichen „Schmet­ter­lings“ entspricht, wirkt ihre intensive Darstellung gerade im zweiten Teil, in dem das Mädchen zur Frau gereift ist, rundum überzeugend. Ihr ameri­ka­ni­scher Traummann Pinkerton alias Eduardo Aladrén glänzt mit einem metal­lisch strah­lenden Tenor, singt freilich mit solchem Dauer­druck, dass feinere Zwischentöne zu kurz kommen. Hier könnte sich der Dirigent helfend zurückhalten.

Grandios Stefan Heidemann als skeptisch-nachdenk­licher Sharpless, der die Rolle mit seinem volumi­nösen Bariton wohltuend aufwertet. Und besondere Aufmerk­samkeit verdient die junge Mezzo­so­pra­nistin Maria Kataeva, die in Gesang und Darstellung die Suzuki vom Ruch einer größeren Kompar­sen­rolle befreit.

Sorgfältig besetzt sind auch die restlichen Rollen. Auch der Chor lässt keine Wünsche offen, so dass Puccini-Freunde, die auch deftigere Klänge goutieren, voll auf ihre Kosten kommen. Entspre­chend begeistert fällt der Beifall des Premieren-Publikums im ausver­kauften Duisburger Theater aus.

Pedro Obiera

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