O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Comic-Gewitter

VIAGGIO A REIMS
(Gioac­chino Rossini)

Besuch am
5. Februar 2017
(Premiere)

 

Theater Lübeck

Opern mit unsin­niger Handlung ist man gewöhnt – bei Il Viaggio a Reims handelt es sich hingegen um eine Oper (fast) ohne Handlung: eine Reise­ge­sell­schaft von einiger­maßen indivi­du­ellen Charak­teren auf dem Weg zu einer europäi­schen Krönungs­fei­er­lichkeit landet in einem Hotel in der Provinz und ergeht sich in Alltags- und Liebes­be­trach­tungen und ‑bezie­hungen sowie Liedern und Hymnen auf ihre europäi­schen Heimat­länder und das fried­liche Zusam­men­leben der Nationen. Am Schluss ertönt eine Hymne auf den neuge­krönten König Karl X, zu dessen Ehren das Werk kompo­niert wurde.

Die Oper wurde 1824 zur Krönung des Königs urauf­ge­führt und erlebte seinerzeit nur vier Auffüh­rungen. Rossini selbst hat das Werk zurück­ge­zogen und wesent­liche Teile in nachfol­genden Werken, insbe­sondere der Oper Le Comte Ory, verwendet.

In den 1980-er Jahren wurden Origi­nal­ma­te­rialien der Oper wieder­ent­deckt und in einer neuen kriti­schen Ausgabe heraus­ge­bracht, die auch der heraus­ra­genden CD-Aufnahme unter Claudio Abbado aus dem Jahr 1985 zugrunde lag.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Die inhaltlich und musika­lisch immer wieder um sich selbst kreisende Handlung und Musik bildet eine prächtige Grundlage für Regis­seure, die Geheim­nisse der Kunst­fer­tigkeit Rossinis auf immer neue Weise zu hinter­fragen und szenisch auszu­deuten. Den Anfang einer neuzeit­li­cheren Inter­pre­tation hat in den 80-er Jahren Jean-Pierre Ponnelle gemacht, der in ganzen Zyklen an verschie­denen Opern­häusern in der Welt seine Sicht­weise zu den Opern Rossinis experi­mentell weiter­ent­wi­ckelt hat. Viele sind gefolgt und haben die Inter­pre­ta­ti­ons­ge­schichte erfolg­reich fortge­setzt. Um nur zwei der letzten bedeu­ten­deren Produk­tionen zu nennen: Stefan Herheim mit Cenerentola in Oslo und Marthaler in Zürich mit eben Viaggio a Reims. Die scheinbare Absur­dität der Rossi­ni­schen Ensemble und Aktfinali erscheinen heute, je weiter die Zeit voran­schreitet, umso moderner und aktueller.

In Lübeck stellen sich dieser Aufgabe der Regisseur Pier Franceso Maestrini, für den Comicfilm Joshua Held, für die Ausstattung Alfredo Troisi; Video und Licht verant­worten Yannick Wernicke und Falk Hampel.

Wenn man aller­dings die Sogkraft der Musik szenisch lediglich mit dem Harndrang eines ganzen Ensembles umsetzt, das sich mit etlichen Köpfen den Platz in einem Plumpsklo streitig macht, dann ist, gelinde gesagt, quali­tativ Raum nach oben.

Das gilt ebenso für die unerbitt­lichen und unendlich lang erschei­nenden Szenen, in denen mit möglichst anzüg­licher exhibi­tio­nis­ti­scher Geste und paral­leler fanta­sie­voller Video­um­setzung – etwa durch lange Elefan­ten­rüssel – auf Großbild­leinwand Marco Stefani als Chevalier Belfiore seine Avancen macht. Mehr soll es nicht sein? Die unend­liche Freude am Ausspielen solcher szeni­schen Umset­zungen sagen am Ende mehr über die bigotte Sozia­li­sation des Regie­teams als über die Oper oder Rossini aus.

Foto © Oliver Fantitsch

Das Ganze spielt sich den gesamten Abend über im Mitein­ander von Comic­szenen, die per Video übergroß auf die Leinwand proji­ziert werden und dem Spiel realer Sänger und Darsteller davor ab. Dieses Arran­gement bringt zwar zunächst überra­schende Effekte zu Beginn, die sich aber – nachdem sie fortwährend inhaltlich sinnent­leert bleiben – rasch abnutzen.

Natürlich soll auch die Oper neue und ungewohnte Medien und Darstel­lungs­formen erproben – und ihr gelingt das auch immer wieder erfolg­reich – es sollte aller­dings dann ein Mindestmaß an Geschmack und inhalt­lichem Bezug herrschen. Ansonsten kann die Aufgabe mit Leich­tigkeit das hoch-kommer­zia­li­sierte Musical­theater übernehmen, und man kann sich die öffent­lichen Subven­tionen sparen.

Ein Grund für die wenigen Auffüh­rungen des Werkes zur Entste­hungszeit war die Notwen­digkeit einer großen Zahl von hochka­rä­tigen Solisten. Es ist erstaunlich, dass ein Stadt­theater mitten in Deutschland heute diese Partien überwiegend aus dem eigenen Sänger­stamm besetzen kann. Evmorfia Metaxaki, Wioletta Hebrowska, Emma McNairy, Andrea Stadel führen die Damen­riege an und bei den Herren bestechen neben Marco Stefani Daniel Jenz, Gerard Quinn, Taras Konosh­chenko, Stefan Kubach, Johan Hyunbong Choi sowie Seokhoon Moon. Die Leistungen sprechen für das Niveau der deutschen Opern­häuser, hier am Beispiel Lübecks. Alle Sänger geben auch darstel­le­risch ihr Äußerstes, um die Regieidee von der Bühne in den Zuschau­erraum zu tragen.

Der Chor unter der Leitung von Jan-Michael Krüger schlägt sich in seinen überhohen Verklei­dungen als Kammer­diener und Zofen tapfer, und das Philhar­mo­nische Orchester der Hanse­stadt Lübeck unter Daniel Carlberg kann die notwendige italie­nische Leich­tigkeit des Orches­ter­spiels durchaus überzeugend darbringen.

Wenige Leute verlassen das Haus während der Vorstellung, ein nicht kleiner Teil des Publikums amüsiert sich bombig und wird sich beim Besuch der nächsten billigen Effektshow sicherlich ebenso unter­halten. Bravorufe für die Sänger, unein­ge­schränkte Zustimmung für das Regieteam – erstaunlich! Die Insze­nierung ist kopro­du­ziert mit Kiel, wo kurz vorher Premiere war, und wird auch in Verona zu sehen sein.

Achim Dombrowski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: