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Opern mit unsinniger Handlung ist man gewöhnt – bei Il Viaggio a Reims handelt es sich hingegen um eine Oper (fast) ohne Handlung: eine Reisegesellschaft von einigermaßen individuellen Charakteren auf dem Weg zu einer europäischen Krönungsfeierlichkeit landet in einem Hotel in der Provinz und ergeht sich in Alltags- und Liebesbetrachtungen und ‑beziehungen sowie Liedern und Hymnen auf ihre europäischen Heimatländer und das friedliche Zusammenleben der Nationen. Am Schluss ertönt eine Hymne auf den neugekrönten König Karl X, zu dessen Ehren das Werk komponiert wurde.
Die Oper wurde 1824 zur Krönung des Königs uraufgeführt und erlebte seinerzeit nur vier Aufführungen. Rossini selbst hat das Werk zurückgezogen und wesentliche Teile in nachfolgenden Werken, insbesondere der Oper Le Comte Ory, verwendet.
In den 1980-er Jahren wurden Originalmaterialien der Oper wiederentdeckt und in einer neuen kritischen Ausgabe herausgebracht, die auch der herausragenden CD-Aufnahme unter Claudio Abbado aus dem Jahr 1985 zugrunde lag.
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Die inhaltlich und musikalisch immer wieder um sich selbst kreisende Handlung und Musik bildet eine prächtige Grundlage für Regisseure, die Geheimnisse der Kunstfertigkeit Rossinis auf immer neue Weise zu hinterfragen und szenisch auszudeuten. Den Anfang einer neuzeitlicheren Interpretation hat in den 80-er Jahren Jean-Pierre Ponnelle gemacht, der in ganzen Zyklen an verschiedenen Opernhäusern in der Welt seine Sichtweise zu den Opern Rossinis experimentell weiterentwickelt hat. Viele sind gefolgt und haben die Interpretationsgeschichte erfolgreich fortgesetzt. Um nur zwei der letzten bedeutenderen Produktionen zu nennen: Stefan Herheim mit Cenerentola in Oslo und Marthaler in Zürich mit eben Viaggio a Reims. Die scheinbare Absurdität der Rossinischen Ensemble und Aktfinali erscheinen heute, je weiter die Zeit voranschreitet, umso moderner und aktueller.
In Lübeck stellen sich dieser Aufgabe der Regisseur Pier Franceso Maestrini, für den Comicfilm Joshua Held, für die Ausstattung Alfredo Troisi; Video und Licht verantworten Yannick Wernicke und Falk Hampel.
Wenn man allerdings die Sogkraft der Musik szenisch lediglich mit dem Harndrang eines ganzen Ensembles umsetzt, das sich mit etlichen Köpfen den Platz in einem Plumpsklo streitig macht, dann ist, gelinde gesagt, qualitativ Raum nach oben.
Das gilt ebenso für die unerbittlichen und unendlich lang erscheinenden Szenen, in denen mit möglichst anzüglicher exhibitionistischer Geste und paralleler fantasievoller Videoumsetzung – etwa durch lange Elefantenrüssel – auf Großbildleinwand Marco Stefani als Chevalier Belfiore seine Avancen macht. Mehr soll es nicht sein? Die unendliche Freude am Ausspielen solcher szenischen Umsetzungen sagen am Ende mehr über die bigotte Sozialisation des Regieteams als über die Oper oder Rossini aus.

Das Ganze spielt sich den gesamten Abend über im Miteinander von Comicszenen, die per Video übergroß auf die Leinwand projiziert werden und dem Spiel realer Sänger und Darsteller davor ab. Dieses Arrangement bringt zwar zunächst überraschende Effekte zu Beginn, die sich aber – nachdem sie fortwährend inhaltlich sinnentleert bleiben – rasch abnutzen.
Natürlich soll auch die Oper neue und ungewohnte Medien und Darstellungsformen erproben – und ihr gelingt das auch immer wieder erfolgreich – es sollte allerdings dann ein Mindestmaß an Geschmack und inhaltlichem Bezug herrschen. Ansonsten kann die Aufgabe mit Leichtigkeit das hoch-kommerzialisierte Musicaltheater übernehmen, und man kann sich die öffentlichen Subventionen sparen.
Ein Grund für die wenigen Aufführungen des Werkes zur Entstehungszeit war die Notwendigkeit einer großen Zahl von hochkarätigen Solisten. Es ist erstaunlich, dass ein Stadttheater mitten in Deutschland heute diese Partien überwiegend aus dem eigenen Sängerstamm besetzen kann. Evmorfia Metaxaki, Wioletta Hebrowska, Emma McNairy, Andrea Stadel führen die Damenriege an und bei den Herren bestechen neben Marco Stefani Daniel Jenz, Gerard Quinn, Taras Konoshchenko, Stefan Kubach, Johan Hyunbong Choi sowie Seokhoon Moon. Die Leistungen sprechen für das Niveau der deutschen Opernhäuser, hier am Beispiel Lübecks. Alle Sänger geben auch darstellerisch ihr Äußerstes, um die Regieidee von der Bühne in den Zuschauerraum zu tragen.
Der Chor unter der Leitung von Jan-Michael Krüger schlägt sich in seinen überhohen Verkleidungen als Kammerdiener und Zofen tapfer, und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter Daniel Carlberg kann die notwendige italienische Leichtigkeit des Orchesterspiels durchaus überzeugend darbringen.
Wenige Leute verlassen das Haus während der Vorstellung, ein nicht kleiner Teil des Publikums amüsiert sich bombig und wird sich beim Besuch der nächsten billigen Effektshow sicherlich ebenso unterhalten. Bravorufe für die Sänger, uneingeschränkte Zustimmung für das Regieteam – erstaunlich! Die Inszenierung ist koproduziert mit Kiel, wo kurz vorher Premiere war, und wird auch in Verona zu sehen sein.
Achim Dombrowski