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DER KONSUL
(Gian Carlo Menotti)
Besuch am
8. Februar 2017
(Premiere am 4. Februar 2017)
Nicht nur in Amerika war Gian Carlo Menotti auf den Opernbühnen eine große Nummer. Das ist allerdings schon einige Zeit her. 1950 gelang ihm mit dem Flüchtlings-Drama Der Konsul ein besonderer Coup, der nach einer sensationellen Aufführungsserie in New York rasch den Weg nach Europa fand. 1952 gelang das Stück bereits an die Vereinigten Bühnen von Krefeld und Mönchengladbach. In Rheydt versucht man jetzt eine Wiederbelebung des weitgehend in Vergessenheit geratenen Werks. Eine richtige Entscheidung der Intendanz, auch oder gerade, weil Stück und Aufführung mehr Fragen aufwerfen, als sie lösen können. Die Darstellung menschlichen Elends in der der Oper überzeugt entweder mit einer visionären Aufbruchstimmung wie in Verdis Nabucco oder mit einer fröstelnd distanzierten Haltung wie in Bergs Wozzeck. Realistische Annäherungen führen dagegen zu Verharmlosungen oder Verklärungen.
Auf Menottis Konsul treffen beide Mängel zu. Dass das Werk heute einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, liegt an der Unentschlossenheit des Komponisten zwischen emotionaler Nähe und Distanz sowie dem spürbaren Bemühen, das Leid erträglich zum Ausdruck bringen zu wollen. Dass Menotti der Tonalität treu geblieben ist, ist nicht das Problem. Allerdings die Unart, in seichte Gefilde abzudriften, wenn sich gerade ein Anflug von kafkaesker Kälte einstellen will. So sammelt sich ein Konglomerat an Wiegenliedern und mehr oder weniger sentimentalen Arien an, das jeden Ansatz einer bedrohlich-kühlen Stimmung schmuseweich verzuckert. Vom Puccini-süßlichen Ende ganz abgesehen.
| Musik | ![]() |
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Dabei bietet das Libretto alle Chancen, sich eher an Kafka als an Puccini zu orientieren. Die Handlung in Kürze: Der Widerstandskämpfer John ist einer Razzia der Geheimpolizei entkommen und sieht sich gezwungen, in einem anderen Staat Zuflucht zu suchen. Seine Familie soll später folgen. Doch seine Frau Magda, das gemeinsame Kind sowie Johns Mutter brauchen dazu Visa, die im Konsulat eines benachbarten demokratischen Landes beschafft werden sollen. Statt menschlicher Zuwendung oder gar die Möglichkeit, bei dem unsichtbar im Hintergrund verharrenden Konsul persönlich vorsprechen zu können, wird sie, wie auch eine illustre Gesellschaft anderer Flüchtlinge, mit Formularen überhäuft. Die Zeit verrinnt, der Druck der Geheimpolizei auf die Familie nimmt zu, Kind und Mutter sterben, die Formularflut nimmt nicht ab. Auch die Versicherung der Sekretärin, Magda bei einem positiven Bescheid anzurufen, kann nicht verhindern, dass sich Magda vor Verzweiflung vergiftet. Als das Telefon endlich klingelt, fehlt ihr die Kraft, den Hörer abzunehmen.
Menotti verarbeitet eigene Erlebnisse mit Flüchtlingen, die in den 1950-er Jahren in den USA Zuflucht suchen wollten und dort auf ähnlich bürokratische Hemmnisse gestoßen sind. Und gerade wegen der weich gespülten Musik wäre es wichtig, szenisch harte Akzente und Kontrapunkte zu setzen. Doch das wagt die junge Regisseurin Katja Bening in ihrer ersten großen Eigenproduktion nicht. Bisher trat sie als Regieassistentin und Abendspielleiterin Theater Krefeld Mönchengladbach in Erscheinung und erzielte mit der Einstudierung von Tom Johnsons Vier-Ton-Oper im Studio Beachtung. Mit dem Konsul geht sie leider ebenso zaghaft um wie der Musiker Menotti. Keine Frage: Sie führt die Figuren präzise und vor allem die Gewissensqualen Magdas vermag sie mit großem Feingefühl und handwerklichem Können eindrucksvoll zu formen. Doch weder die Bedrohung durch das Terror-Regime noch die menschliche Kälte des „demokratischen“ Staats finden eine geeignete Umsetzung. Die Zimmertemperatur wird nicht unterschritten, die geisterhaften Erscheinungen der Verstorbenen versöhnen eher mit dem Elend, als aufrüttelnd zu wirken.
Wesentlichen Anteil an diesem harmlosen Eindruck tragen die Bühnenbilder von Udo Hesse. Die Wohnung Johns und Magdas könnte in ihrer Biederkeit in jedes Volkstheater passen, das Vorzimmer des Konsulats wirkt neutral und ausdruckslos. Das kommt davon, wenn man sich von Menottis zweifelhaften Klängen und nicht von der Schärfe des Themas leiten lässt.

Dem Dirigenten Diego Martin-Extebarria ist natürlich kein Vorwurf zu machen, wenn er die Partitur so genau wie möglich umsetzt und die fragwürdige Stoßrichtung des Stücks nicht umkehrt. Dass Menotti die Klangmöglichkeiten eines Orchesters nutzen konnte, dass er ein Gespür für dramatische Akzente hatte, das alles hört man dem rundum sauberen Dirigat an.
Bedenklicher steht es um die Besetzung. Allerdings mit einer großen Ausnahme: Izabela Matula, die ihren zahlreichen Erfolgen in Krefeld und Mönchengladbach, unter anderem als Katja Kabanová oder in Tschaikowskys Mazeppa, im Konsul als Magda Sorel einen weiteren Triumph hinzufügen kann. Sie vermag die inneren Qualen der Figur spürbar werden zu lassen, ohne zu opernhaften Gesten zu greifen, die hier völlig deplatziert wären. Sie wirkt wie eine aufrichtige Schwester von Wozzecks Marie: eine starke, letztlich aber desillusionierte Frau. Fassetten, die Izabela Matula mit ihrem prächtigen Sopran mühelos und rundum überzeugend ausspielen und singen kann.
Das trifft auf den Rest des Ensembles nicht in gleichem Maße zu, auch wenn man berücksichtigen muss, dass Menotti die Rolle der Magda mit besonderer Hingabe formte. Andrew Nolen bleibt als John Sorel schattenhaft blass. Satik Tumyan vermag den sanften Gesängen der Mutter nicht die stimmliche Wärme zu verleihen, die die Partie braucht. Dagegen lässt Janet Bartolova als Sekretärin die nötige Kälte ihrer Partie vermissen. Auch wenn sie mit einer kerngesunden Stimme besticht, wirkt sie für die Partie zu brav.
Verlässliche Leistungen der vielen Nebenrollen unterstreichen den Ensemblegeist der vereinigten Bühnen, die auch für die nicht rundum gelungene Produktion eines problematischen Stücks Anerkennung verdienen. Schließlich gehen sie ein Risiko ein, das man eher von finanzkräftigeren Häusern erwarten dürfte.
Dass eine solche Rarität keine ausverkauften Häuser einbringt, versteht sich. In der ersten Reprise ist das Haus immerhin zu drei Vierteln gefüllt. Keine schlechte Bilanz, zumal das Publikum der Aufführung mit großer Aufmerksamkeit folgt.
Pedro Obiera