Gruß aus Pristina

CARLA DEL PONTE …
(Jochen Roller)

Besuch am
10. Februar 2017
(Premiere)

 

Forum Freies Theater Düsseldorf,
Jahnstraße

Wer das Gefühl braucht, am Puls der Zeit zu leben, ist in Düsseldorf gut aufge­hoben. Im Dezember kam das Stück mit dem umständ­lichen Titel Carla del Ponte trinkt in Pristina einen Vanilla Chai Latte in Pristina zur Urauf­führung, jetzt, kaum einen Monat später, präsen­tiert das Forum Freies Theater in der Jahnstraße die deutsche Erstauf­führung. In der Vorankün­digung ist bereits vermerkt, dass das Stück in Englisch gezeigt wird. Was nicht daran liegt, dass hier Kosten für eine Übersetzung einge­spart werden, sondern Autor Jeton Neziraj das Stück in Englisch verfasst hat. Wenn die Sprachwahl bewusst als Stilmittel einge­setzt wird, verbietet sich in der Tat die Übersetzung.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang     
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Neziraj erzählt vor dem Hinter­grund der histo­ri­schen Ereig­nisse im Kosovo eine unglaublich erschei­nende Geschichte. Im Mittel­punkt steht Carla del Ponte, Schweizer Juristin und Diplo­matin. Weltbe­rühmt wurde sie als Chefan­klä­gerin des Inter­na­tio­nalen Straf­ge­richts­hofes in Den Haag. Sie klagte die Kriegs­ver­brechen im ehema­ligen Jugoslawien und den Völkermord in Ruanda an. Ihre Unerbitt­lichkeit brachte ihr den Spitz­namen Carlita, die Pest ein. Zur persona non grata wurde sie, als sie umfang­reiches Material über angeb­liche Organ­schmuggel-Aktivi­täten von Kosovo-Albanern präsen­tierte. 2010 veröf­fent­lichte der Europarat einen Bericht, in dem der kosova­ri­schen „Befrei­ungs­armee“ UÇK Verwick­lungen in illegalen Organ­handel, Betei­ligung an Auftrags­morden und anderen Verbrechen vorge­worfen werden. Ruhe um del Ponte gibt es deshalb nicht. Bis heute gilt die inzwi­schen 70-jährige Dame im Kosovo als äußerst umstrittene Person.

Der Autor und der Choreograf Jochen Roller entwi­ckeln daraus eine Textcollage. Auf der komplett schwarzen Bühne gibt es ein paar Stehlampen, zwei Tische links und rechts im Hinter­grund, die Platz für wenige Requi­siten bieten und zwei Aschen­becher für die dauer­rau­chenden Protago­nis­tinnen. Marek Lamprecht und Denis Berisha lassen die Bühne im farbig wechselnden Licht der Stehlampen aufleuchten, konzen­trieren sich ansonsten auf Weißlicht-Wechsel. Das gelingt stimmungsvoll. Oft aus dem Halbdunkel treten die Damen an die Rampe, um Texte zu präsen­tieren. Witzig noch ein Dialog zwischen Mutter Theresa und Bill Clinton, deutlich die Botschaften. Das Feindbild der Welt steht, damit ist die Agenda gesetzt. Änderungs­ver­suche sind nicht erwünscht.

Foto © Atdhe Mulla

Es wird ständig ermüdender, weil einfach nichts passiert. Gewiss, es gibt ein paar Tanzein­lagen, die sich in ihrer Einför­migkeit bald erschöpfen. 90 Minuten lang wartet man auf eine Weiter­ent­wicklung, die nicht statt­findet. Fünf attraktive Schau­spie­le­rinnen, konser­vativ-festlich einge­kleidet von Sebastian Ellrich, dekla­mieren Texte, Texte, Texte. Allen gemein sind die schwarzen Schuhe, die silber­grauen Strumpf­hosen, die häufiger nachge­zupft werden müssen – wenigstens das – darüber Silberg­lit­zerndes oder Mäntel, die festge­zurrt am Körper haften. Sich ständig wieder­ho­lende Positionen tragen eher zur Ermüdung bei. Als die Jagd um die Organe beginnt, endlich eine Verän­derung, weil die Damen mit einer beleuch­teten Plastikbox über die Bühne laufen, in der sich eine Niere befindet. Damit ist dann auch der Höhepunkt der Veran­staltung erreicht.

Die Schau­spie­le­rinnen Vjosa Abazi, Agnesa Nokshiqi, Alketa Sylaj, Lyra Xhoci und Donike Ahmeti geben sich größte Mühe, die Textmengen zu bewäl­tigen, dabei wunderbare Grimassen zu ziehen und ihre Tanzschritte synchron zu gestalten.

Bei der dazuge­hö­rigen Musik, die aus den Lautspre­chern mal instru­mental, mal mit Text schallt, handelt es sich um That Man von Caro Emerald, einem nieder­län­di­schen Pop-Sänger, der das Lied 2010 als Download veröf­fent­lichte. Ein textlicher Zusam­menhang erschließt sich dabei nicht. Aber es ist halt flott und nett anzuhören.

Am Ende des Abends bleibt das Publikum etwas ratlos zurück. Immerhin ist klarge­worden, warum Carla del Ponte ein Lifestyle-Getränk in Pristina zu sich nehmen muss – weil es genauso schmeckt wie anderswo auf dieser Welt. Und Norma­lität ist auch im Kosovo ein wichtiger Begriff – und Zustand. Dünner, kurzer Applaus beschließt Aufführung.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: