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HARRY/MONO LISA/KOSMOS
(Barak Marshall, Itzik Galili, Andonis Foniadakis)
Besuch am
12. Februar 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Einmal mehr ist die Stadthalle Neuss am Sonntagabend ausverkauft. Längst hat sich das hohe Niveau der Internationalen Tanzwochen Neuss herumgesprochen, und mittlerweile neigt sich die Ausgabe 2016⁄17 auch schon wieder dem Ende zu. Die vorletzte Aufführung bestreiten Les Ballets Jazz de Montreal, seit 1998 unter der künstlerischen Leitung von Louis Robitaille. Ende März wird dann die Richard Alston Dance Company aus London die Saison abschließen.
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Robitaille schickt drei Stücke nach Neuss. Harry von Barak Marshall aus dem Jahr 2012, Mono Lisa von Itzik Galili aus 2015 und Kosmos von Andonis Foniadakis aus 2014. Und gleich zu Beginn gibt es einen fulminanten – und ungewöhnlichen – Auftritt. Nach einer einleitenden Tanzsequenz erhebt das Corps de Ballet im Chor das Wort. Unglücklicherweise reicht die Textverständlichkeit nur für die vorderen Reihen des Saals. Übertitel scheinen in Neuss überflüssig. Es geht irgendwie um Harry, seine Tode und die Liebe. Und um eine Weltsicht. Während Harry immer wieder zu Grabe getragen wird, die Kriege um ihn herum immer größere Opfer verlangen, rücken die Grabreden überholte Ansichten zurecht. Wenigstens sei Harry in Ehre gestorben. Oh, weist die Tänzerin ihr Gegenüber zurecht: Ist es nicht völlig egal, wie er gestorben ist, er ist tot. Aber, heißt es an anderer Stelle, wenigstens ginge er an einen besseren Ort. Ob er, empört sich die Tänzerin erneut, wirklich an ein Leben nach dem Tode glaube? Solchen Schwachsinn wolle sie nicht mittragen. Ihr Leben finde hier und jetzt statt. Und einen besseren Ort gebe es ohnehin nicht. Jetzt und hier passiert alles, hernach nichts. In großen Corps-Szenen finden sinnloses Morden und Kriege statt. Ann-Marie Veevaete hat die Tänzerinnen und Tänzer dabei in Kostüme eingekleidet, die am ehesten an die 1960-er Jahre erinnern. Die Waffen sind rote Luftballons, die zum Platzen gebracht werden und Talkum versprühen. Im Licht von Daniel Ranger flittert Konfetti durch die Luft, wenn die letzten sterben. Das Geschehen der dreiviertelstündigen Aufführung findet in Szenen statt, die von unterschiedlichster Musik begleitet werden. Bei mir bist du schön erklingt ebenso wie O mio babbino caro von Maria Callas, ein Sirtaki, der klingt, als werde er gerade in New Orleans zum Karneval vorgetragen. Mit dem Danke schön von Wayne Newton verabschiedet sich das Corps. Schon in diesem ersten Teil hat es sich meisterhaft präsentiert. Synchroner Tanz, der bei anderen Compagnien als überholt oder nicht notwendig angesehen wird, gehört hier zum selbstverständlichen Geschehen. So muss zeitgenössisches Ballett sein, findet aber das Neusser Publikum und applaudiert zu jeder Szene.

Gab es im ersten Stück viel Grund zur Freude, entflammt das Publikum beim nächsten Stück zu wahren Begeisterungsstürmen, Zwischenstöhnen inklusive. Es ist der Pas de deux Mono Lisa von Itzik Galili. Hier zeigt Céline Cassone als Primaballerina der Compagnie, die sich ansonsten eher im Hintergrund hält, was Ballett heute kann. Atemberaubend nicht nur der Spitzentanz, sondern vor allem ihre Sprünge ins Spagat. Das ist ganz alte Schule, formvollendet in die Neuzeit übersetzt. Gallili selbst hat dazu ein geniales Licht gefunden, Nastasja Lansen steckt Tänzer und Tänzerin in Kostüme, die die Wirkung der Sprünge und Hebungen unterstreichen. Das acht Minuten dauernde Stück bekommt selbstverständlich eine eigene Musik von Thomas Höfs und Itzik Galili. Es ist der absolute Höhepunkt des Abends.
Und damit auch gleichzeitig der Abgesang auf die dritte Choreografie. Satte 35 Minuten müssen die Tänzerinnen und Tänzer für Kosmos einplanen. Und dabei wird ein rasantes Tempo vorgegeben. Statt raffinierten Lichtdesigns gibt es hier die altbekannte Verdunkelungstaktik von James Proudfoot, der die Bühne zunehmend verdunkelt. In Kosmos herrscht zu den typisch kontemporären Klängen von Julien Tamide ein einfarbiges Wuseln, das schließlich in einer filmartigen Sequenz mit Bildstörungen endet. Längst sind die Augen ermüdet und man wünschte sich, dass das Stück als erstes stattgefunden hätte, um es hinter sich gebracht zu haben. Dass Philippe Dubuc hier mit den offenherzigsten Kostümen des Abends agiert, rettet das kleinmolekuare Treiben dann auch nicht mehr.
Dem Publikum gefällt’s trotzdem. Weil Les Ballets Jazz de Montreals in der Gesamtleistung einfach überzeugen. Da wird mit den Füßen getrampelt und langanhaltend geklatscht. Dass die Tänzerinnen und Tänzer die Blumen, die in einem Korb auf die Bühne gestellt werden, an das Publikum verteilen, steigert die Sympathie einmal mehr. Da kommt Freude auf ein Wiedersehen auf.
Michael S. Zerban