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DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
10. Februar 2017
(Premiere am 27. Januar 2006)
Zum 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart 2006 brachte die Oper Leipzig das Eifersuchtsdrama Die Entführung aus dem Serail in deutscher Sprache auf die Bühne. Elf Jahre nach der Premiere und nach langer Abwesenheit vom Spielplan wird mit der Wiederaufnahme dieser Oper die Aktualität von Andersdenken, von Tyrannei und Folter, aber auch von Liebe und Eifersucht dem Besucher drastisch vor Augen geführt. Als Auftragswerk des Kaisers Joseph II. ist Mozarts Werk der Versuch, der italienischen Oper eine eigenständige deutschsprachige Alternative zur Seite zu stellen. Die Premiere am 16. Juli 1782 am Wiener Burgtheater ist ein voller Erfolg. Protagonisten sind die junge Spanierin Konstanze, ihre Zofe Blonde und deren Freund, der Diener Pedrillo. Die drei werden bei einem Überfall von Konstanzes Verlobtem Belmonte getrennt und an den vermeintlichen Tyrannen Bassa Selim verkauft, der versucht, Konstanzes Liebe zu gewinnen. Belmonte macht sich auf die Suche nach den Entführten und verschafft sich Zugang zu Selims Palast. Die geplante Flucht der vier Liebenden misslingt und Bassa Selim beschließt ihre Hinrichtung. Schlussendlich verzichtet er aber selbstlos auf die Ausübung seiner Macht und schenkt den zum Tode Verurteilten die Freiheit. Regisseur Dietrich W. Hilsdorf verlagert die Szenerie aus dem Orient in ein fiktives, von den Türken besetztes Wien am 16. Juli 1782, dem Tag der Uraufführung der Oper, und zeigt anstatt einer komischen Türkenoper ein verstörendes Drama. Historisch liegt der Szenerie die Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683 zugrunde. Hilsdorf verweist auf die Brutalität des Menschen, weniger als ein herkunftsspezifisches Phänomen, vielmehr als ein allgemein menschliches. Zwar erscheint vordergründig in der Dramaturgie eine gewisse Aktualität zu islamistischem Terror zu erscheinen, doch geht es primär um die Beziehungsgeflechte zweier Paare, deren Liebe durch die Einflüsse von außen auf eine harte Zerreißrobe gestellt werden. Liebe und Eifersucht dominieren, und aus Liebe kann Verachtung werden, aus zurückgewiesener Begierde furchtbare Rache. Hilsdorf führt dem Zuschauer aber auch die Humanität der menschlichen Liebe vor Augen, die imstande ist, Grausamkeit zu überwinden.
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Die Szenerie spielt in einem alten besetzten Wiener Palais, das konstante Bühnenbild von Dieter Richter zeigt einerseits den Reichtum des alten Wiens, andererseits die Zerstörungswut der türkischen Besatzer. Die Kostüme von Renate Schmitzer orientieren sich an der Wiener Zeit der Uraufführung. Schon zu den Klängen der eigentlich heiteren Ouvertüre sieht man Folter und Erniedrigung, zum Teil auf drastische Weise dargestellt und kontrapunktiv zur Musik, die eher einen verherrlichenden Orientalismus verströmt.
Aber Hilsdorf will keine heitere Türkenoper, er möchte das Wechselbad menschlicher Gefühle in extenso darstellen, von enttäuschter Liebe, über Begierde, Hass und Rache bis hin zur Todesangst. Und das gelingt ihm über weite Strecken auch gut, wobei die Momente absoluter Stille, die er einfügt, teilweise zu lang geraten und der Spielfluss ins Stocken kommt, bis hin zu Anflügen von Langeweile. Das ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass das Stück ohne Pause gespielt wird, und bei 2 Stunden und 10 Minuten da schon einige Längen dabei sind, die dem Werk nicht nützen. Ein weiteres Manko ist die Textverständlichkeit der Sänger, die durch die Bank weg ganz schlecht zu verstehen sind. Gerade bei Mozart, wo sehr viel Text schnell zu singen ist, der dann noch durch Koloraturen verziert wird, kommt es auf akkurate Betonung an. Das ist an diesem Abend leider nicht der Fall.
Ausnahme natürlich der Schauspieler Jonas Fürstenau, der die Sprechrolle des Bassa Selim mit großer Leidenschaft und Emotion darstellt und der Vorstellung seinen besonderen Stempel aufdrückt. Musikalisch ist die Aufführung dagegen bis auf kleine Defizite ein Genuss. Eleonore Marguerre verleiht der Konstanze eine aristokratische Aura, und singt die Arien mit großer Grandezza. Insbesondere die große Arie Martern aller Arten gelingt ihr großartig, auch die Koloraturen sind sauber gesungen, nur manchmal fehlt der letzte, strahlende Glanz in der Stimme. Danae Kontora gibt mit hellem Koloratursopran und keckem Spiel eine gar nicht so blonde Blonde, die das Eifersuchtsspiel zwischen Osmin und Pedrillo auf die Spitze zu treiben weiß. Sergei Pisarev gefällt als Belmonte mit schlankem, schönem Tenor, doch ist sein Spiel zu sehr an der Rampe fixiert, und an seiner Textverständlichkeit muss er noch arbeiten.
Dan Karlström als Pedrillo ist der Einzige der Sängergarde, der bei der Premiere vor elf Jahren mit dieser Rolle schon dabei war. Und aus Karlström ist in der letzten Dekade ein veritabler Charaktertenor geworden, der als Mime in Wagners Ring oder als Hexe in Hänsel und Gretel reüssiert. Hier hat sich seine Stimme so weiter entwickelt, dass sie zur Rolle und zum schlanken Mozarttenor nicht mehr so richtig passen will. Dieses Defizit kompensiert Karström aber mit engagiertem Spiel und großer Bühnenpräsenz.

Runi Brattaberg gibt den finsteren Osmin mit rauem und kräftigem, schwarzem Bass, aber auch hier mangelt es an der Textverständlichkeit. Und ein Osmin ist kein Hunding oder Hagen, hier fehlt etwas das Spezielle in der Stimme, was einen Mozartsänger ausmacht. Dadurch wird der sängerisch gute Eindruck dieser Aufführung etwas getrübt.
Der Chor, einstudiert von Alexander Stessin, ist stimmlich und darstellerisch gut präsent und bereitet dem Publikum ein homogenes Hörerlebnis, wie insgesamt das gesamte Ensemble durch spielerische Intensität überzeugt.
Das Gewandhausorchester unter der Leitung von Anthony Bramall spielt einen leichten, entschlackten und dennoch intensiven Mozart. Schon die Ouvertüre, schwungvoll und dynamisch, deutet auf musikalische Finessen hin, und die sinnlich erotisierende Musik Mozarts ist transparent mit schwungvollen Bögen und Phrasierungen und macht die Aufführung zu einem großen musikalischen Genuss, in dem die Sänger im Vordergrund stehen und das Orchester eine dienende Rolle einnimmt.
Das Publikum im nicht ausverkauften Leipziger Opernhaus findet Gefallen an dieser Darbietung. Ein einzelner Bravo-Rufer, der nach fast jeder Arie der Konstanze seiner Verehrung deutlichen Ausdruck verleiht, wirkt etwas aufgesetzt, auch wenn der große Szenenapplaus nach Martern aller Arten mehr als verdient ist. Am Schluss gibt es großen Applaus für alle Darsteller, gefeiert wird Eleonore Marguerre.
Was bleibt, ist ein schönes Stück über Liebe und Eifersucht, über Rache und Begierde, in historischem Gewand, mit einigen Längen, die den Kunstpausen des Regisseurs geschuldet sind. Das zum Chor der Janitscharen ein Reiter mit echtem Pferd auf der Bühne erscheint, ist sicher ein Hingucker, hat aber wenig Aussagekraft für das Werk. Von einer Kluft der Kulturen, von einer wirklichen Aktualität ist wenig zu spüren gewesen. Es ist mehr die Geschichte in der Geschichte.
Andreas H. Hölscher