O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Geschichte in der Geschichte

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
10. Februar 2017
(Premiere am 27. Januar 2006)

 

Oper Leipzig

Zum 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart 2006 brachte die Oper Leipzig das Eifer­suchts­drama Die Entführung aus dem Serail in deutscher Sprache auf die Bühne. Elf Jahre nach der Premiere und nach langer Abwesenheit vom Spielplan wird mit der Wieder­auf­nahme dieser Oper die Aktua­lität von Anders­denken, von Tyrannei und Folter, aber auch von Liebe und Eifer­sucht dem Besucher drastisch vor Augen geführt. Als Auftragswerk des Kaisers Joseph II. ist Mozarts Werk der Versuch, der italie­ni­schen Oper eine eigen­ständige deutsch­spra­chige Alter­native zur Seite zu stellen. Die Premiere am 16. Juli 1782 am Wiener Burgtheater ist ein voller Erfolg. Protago­nisten sind die junge Spanierin Konstanze, ihre Zofe Blonde und deren Freund, der Diener Pedrillo. Die drei werden bei einem Überfall von Konstanzes Verlobtem Belmonte getrennt und an den vermeint­lichen Tyrannen Bassa Selim verkauft, der versucht, Konstanzes Liebe zu gewinnen. Belmonte macht sich auf die Suche nach den Entführten und verschafft sich Zugang zu Selims Palast. Die geplante Flucht der vier Liebenden misslingt und Bassa Selim beschließt ihre Hinrichtung. Schluss­endlich verzichtet er aber selbstlos auf die Ausübung seiner Macht und schenkt den zum Tode Verur­teilten die Freiheit. Regisseur Dietrich W. Hilsdorf verlagert die Szenerie aus dem Orient in ein fiktives, von den Türken besetztes Wien am 16. Juli 1782, dem Tag der Urauf­führung der Oper, und zeigt anstatt einer komischen Türkenoper ein verstö­rendes Drama. Histo­risch liegt der Szenerie die Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683 zugrunde. Hilsdorf verweist auf die Bruta­lität des Menschen, weniger als ein herkunfts­spe­zi­fi­sches Phänomen, vielmehr als ein allgemein mensch­liches. Zwar erscheint vorder­gründig in der Drama­turgie eine gewisse Aktua­lität zu islamis­ti­schem Terror zu erscheinen, doch geht es primär um die Bezie­hungs­ge­flechte zweier Paare, deren Liebe durch die Einflüsse von außen auf eine harte Zerreißrobe gestellt werden. Liebe und Eifer­sucht dominieren, und aus Liebe kann Verachtung werden, aus zurück­ge­wie­sener Begierde furchtbare Rache. Hilsdorf führt dem Zuschauer aber auch die Humanität der mensch­lichen Liebe vor Augen, die imstande ist, Grausamkeit zu überwinden.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Die Szenerie spielt in einem alten besetzten Wiener Palais, das konstante Bühnenbild von Dieter Richter zeigt einer­seits den Reichtum des alten Wiens, anderer­seits die Zerstö­rungswut der türki­schen Besatzer. Die Kostüme von Renate Schmitzer orien­tieren sich an der Wiener Zeit der Urauf­führung. Schon zu den Klängen der eigentlich heiteren Ouvertüre sieht man Folter und Ernied­rigung, zum Teil auf drastische Weise darge­stellt und kontra­punktiv zur Musik, die eher einen verherr­li­chenden Orien­ta­lismus verströmt.

Aber Hilsdorf will keine heitere Türkenoper, er möchte das Wechselbad mensch­licher Gefühle in extenso darstellen, von enttäuschter Liebe, über Begierde, Hass und Rache bis hin zur Todes­angst. Und das gelingt ihm über weite Strecken auch gut, wobei die Momente absoluter Stille, die er einfügt, teilweise zu lang geraten und der Spiel­fluss ins Stocken kommt, bis hin zu Anflügen von Lange­weile.  Das ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass das Stück ohne Pause gespielt wird, und bei 2 Stunden und 10 Minuten da schon einige Längen dabei sind, die dem Werk nicht nützen. Ein weiteres Manko ist die Textver­ständ­lichkeit der Sänger, die durch die Bank weg ganz schlecht zu verstehen sind. Gerade bei Mozart, wo sehr viel Text schnell zu singen ist, der dann noch durch Kolora­turen verziert wird, kommt es auf akkurate Betonung an. Das ist an diesem Abend leider nicht der Fall.

Ausnahme natürlich der Schau­spieler Jonas Fürstenau, der die Sprech­rolle des Bassa Selim mit großer Leiden­schaft und Emotion darstellt und der Vorstellung seinen beson­deren Stempel aufdrückt. Musika­lisch ist die Aufführung dagegen bis auf kleine Defizite ein Genuss. Eleonore Marguerre verleiht der Konstanze eine aristo­kra­tische Aura, und singt die Arien mit großer Grandezza. Insbe­sondere die große Arie Martern aller Arten gelingt ihr großartig, auch die Kolora­turen sind sauber gesungen, nur manchmal fehlt der letzte, strah­lende Glanz in der Stimme. Danae Kontora gibt mit hellem Kolora­tur­sopran und keckem Spiel eine gar nicht so blonde Blonde, die das Eifer­suchts­spiel zwischen Osmin und Pedrillo auf die Spitze zu treiben weiß. Sergei Pisarev gefällt als Belmonte mit schlankem, schönem Tenor, doch ist sein Spiel zu sehr an der Rampe fixiert, und an seiner Textver­ständ­lichkeit muss er noch arbeiten.

Dan Karlström als Pedrillo ist der Einzige der Sänger­garde, der bei der Premiere vor elf Jahren mit dieser Rolle schon dabei war. Und aus Karlström ist in der letzten Dekade ein veritabler Charak­ter­tenor geworden, der als Mime in Wagners Ring oder als Hexe in Hänsel und Gretel reüssiert. Hier hat sich seine Stimme so weiter entwi­ckelt, dass sie zur Rolle und zum schlanken Mozart­tenor nicht mehr so richtig passen will. Dieses Defizit kompen­siert Karström aber mit engagiertem Spiel und großer Bühnenpräsenz.

Foto © Andreas Birkigt

Runi Brattaberg gibt den finsteren Osmin mit rauem und kräftigem, schwarzem Bass, aber auch hier mangelt es an der Textver­ständ­lichkeit. Und ein Osmin ist kein Hunding oder Hagen, hier fehlt etwas das Spezielle in der Stimme, was einen Mozart­sänger ausmacht.  Dadurch wird der sänge­risch gute Eindruck dieser Aufführung etwas getrübt.

Der Chor, einstu­diert von Alexander Stessin, ist stimmlich und darstel­le­risch gut präsent und bereitet dem Publikum ein homogenes Hörerlebnis, wie insgesamt das gesamte Ensemble durch spiele­rische Inten­sität überzeugt.

Das Gewand­haus­or­chester unter der Leitung von Anthony Bramall spielt einen leichten, entschlackten und dennoch inten­siven Mozart. Schon die Ouvertüre, schwungvoll und dynamisch, deutet auf musika­lische Finessen hin, und die sinnlich eroti­sie­rende Musik Mozarts ist trans­parent mit schwung­vollen Bögen und Phrasie­rungen und macht die Aufführung zu einem großen musika­li­schen Genuss, in dem die Sänger im Vorder­grund stehen und das Orchester eine dienende Rolle einnimmt.

Das Publikum im nicht ausver­kauften Leipziger Opernhaus findet Gefallen an dieser Darbietung. Ein einzelner Bravo-Rufer, der nach fast jeder Arie der Konstanze seiner Verehrung deutlichen Ausdruck verleiht, wirkt etwas aufge­setzt, auch wenn der große Szenen­ap­plaus nach Martern aller Arten mehr als verdient ist. Am Schluss gibt es großen Applaus für alle Darsteller, gefeiert wird Eleonore Marguerre.

Was bleibt, ist ein schönes Stück über Liebe und Eifer­sucht, über Rache und Begierde, in histo­ri­schem Gewand, mit einigen Längen, die den Kunst­pausen des Regis­seurs geschuldet sind. Das zum Chor der Janitscharen ein Reiter mit echtem Pferd auf der Bühne erscheint, ist sicher ein Hingucker, hat aber wenig Aussa­ge­kraft für das Werk. Von einer Kluft der Kulturen, von einer wirklichen Aktua­lität ist wenig zu spüren gewesen. Es ist mehr die Geschichte in der Geschichte.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: