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Auch diesmal mochte das Hamburger Leitungsteam für die neue Lulu-Inszenierung die dreiaktige, von Friedrich Cerha 1979 instrumentierte und unter Boulez und Chereau in Paris uraufgeführte und seither weitverbreitete Fassung nicht umsetzen. Nachdem bereits Ingo Metzmacher und Peter Konwitschny 2003 in Hamburg auch „nur“ die zweiaktige Version, allerdings mit „begleitender“ Musik aus den Symphonischen Stücken aus der Oper Lulu von Alban Berg dargeboten haben, entschlossen sich Kent Nagano und Christoph Marthaler in der Neuproduktion nunmehr für ein ganz eigenständiges Experiment.
Gespielt wird konsequent alles, was von Alban Berg selbst – wenn auch teilweise unvollendet und nur im Particell vorhanden – komponiert wurde. Das heißt konkret, dass mit dem Ende des zweiten Aktes das Philharmonische Staatsorchester gewissermaßen pausiert, während auf der Bühne und im Seitenraum zwei Klaviere und eine Violine in Teilen alleine oder zu Gesang und Spiel der Sänger auf der Bühne die vorhandenen Skizzen des dritten Aktes darbieten.
Doch bevor der Abend mit dem Schluss des dritten Aktes endet, kehrt das Orchester zurück, um zusammen mit Veronika Eberle als Solo-Geigerin auf der Bühne und integriert in die minimalistischen, stummen Bewegungsabläufe von vier Darstellerinnen und Lulu ein Bewegungs-Quintett bildend, das gesamte Violinkonzert wie ein Epilog und Requiem, quasi im Andenken an einen Engel zu spielen.
Ein dramaturgisch mehr als gewagtes Konzept. Insbesondere, nachdem das erste Bild des dritten Aktes pausenlos dem zweiten folgt, jedoch eine Pausenzäsur vor dem zweiten Bild, dem Untergang in London, ohne Orchesterklang, nur gestützt auf die wenigen Soloinstrumente seine Wirkung erzielen muss. Der Epilog des Violinkonzertes muss dann nach dem London-Bild ohne Gesang und lediglich mit einer stummen Choreographie wie aus dem Jenseits überzeugen. Der Kontrast ist umso stärker als bis zum Schluss des zweiten Aktes eine hochexpressive Musik die Handlung auf allen Ebenen zum Ausdruck bringt.
Dass das gleichwohl glänzend gelingt, beruht auf zwei wesentlichen, konstituierenden Elementen des Konzeptes: zum einen werden alle Handlungselemente von Anfang an stark dekonstruiert, Körperbewegungen wirken auf eigentümliche Art wie die Fortsetzung von Sprache und Sprachlosigkeit, textliche Inhalte verabschieden sich in die Abstraktion. Es herrscht eine Laboratmosphäre wie zur Erforschung von Randbereichen der Sprache und der menschlichen Kommunikation. Handlungselemente wirken sinnlos oder fallen durch ihre Umdeutung komplett aus dem inhaltlich-konzeptionellen, sprachlich-logischen Rahmen. So zum Beispiel, wenn die Personen der Handlung gleich zu Beginn des ersten Aktes wie zu einer Präsentation der Handlungsträger sauber aufgestellt werden, gleichzeitig akustische Vorrichtungen wie Mikrofone scheinbar widersinnig jedoch auf eine reine Audioübertragung hindeuten. Die Beispiele ließen sich vielfältig erweitern.
Für die Handlung, deren Inhalt im Kern die Negation von Begriffen wie Liebe, Treue, Dankbarkeit, Lebensinhalten und ‑wahrheiten bedeutet, bietet diese Umsetzung dem Zuschauer so die Erfahrung der Dekonstruktion auf allen darstellerischen und emotionalen Ebenen. Die widersprüchliche Durchdringung sprachlich-logischer und unbewusster Elemente, das Misstrauen gegenüber traditioneller, sinnentleerter Sprachnutzung, spiegelt auch die widerständige Atmosphäre gegen die bigotte Sexualrepression zur Entstehungszeit des Werkes. Einer Moral, die den Verlust aller bürgerlichen, menschlichen Rahmenbezüge gegen deren widersinnig behaupteter Existenz und Logik sowie eine Sprach- und Begegnungslosigkeit bewirkt.
Zum anderen erfolgt eine konsequente Rückführung des musikalischen Materials auf ausschließlich authentische musikalische Elemente, die Berg selbst – vollendet oder unvollendet – hinterlassen hat. Es gibt keine spekulative „Vervollständigung“ der Instrumentation der Oper, die vielerorts nach der Uraufführung der Cerha-Fassung 1979 gespielt wird, und die in musikwissenschaftlicher Hinsicht immer wieder auch kritisch hinterfragt wird. Das Team bekennt sich trotz der Länge – der dritte Akt und das Violinkonzert summieren sich zu etwa einer vollen Stunde Spielzeit – zu einem fragmentarischen Glasperlenspiel mit offenem Charakter.
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Marthalers große Kunst besteht nun darin, dass er wie kein anderer die Auflösung von Wert- und Moralbegriffen, parallel zum Verlust von sprachlich-logischen Orientierungskonzepten auf der Bühne physisch und psychisch spürbar machen kann. Das Bewegungsquartett im dritten Akt mit den unbestimmten, Lulu ähnelnden und sich gleichzeitig absetzenden Frauengestalten, das sich später durch die zunehmende Integration Lulus zum stummen Quintett weitet, scheint dem Violinkonzert wie Sphärenmusik von einem anderen Stern zu folgen, durchdrungen zu werden, Lulu schließlich als fünftes Element in sich aufzusaugen. Einzig die jenseitige Orientierung von Isoldes Liebestod bietet eine vergleichbare Empfindungsassoziation. Wagner, im Gegensatz zum Fragmentarischen dieser Berg-Performance, treibt zur Verdeutlichung dieser Entmaterialisierung jedoch einen großen, abgeschlossenen und kalkuliert-materiellen Orchester- und Gesangsaufwand.
Der gesamte Verlauf des Abends zielt darauf, den Zuschauer ins Fragmentarische zu verführen, ihn zumindest mit auf den Weg zu nehmen, so dass das Ausbleiben der Orchesterbegleitung und später des Gesanges keinen Verlust suggeriert, sondern neue Wahrnehmungswelten eröffnet, als ob der Komponist nie einen anderen Plan hatte – das Werk sehr wohl in diesem Sinne vollendet ist. Ein ungewisses Jenseits also, dessen Verankerung nicht im realen weltlichen Umfeld, sondern im ungewissen Schweben einer immer unwirklicheren Musik ruht.
Bühnenbild und Kostüme von der bei Marthaler seit Jahren unerlässlichen Anna Viebrock zusammen mit der fein abgestuften Lichtgestaltung von Martin Gebhardt unterstützen das Konzept vortrefflich. Die Szene vereint Elemente der Manege, des großbürgerlichen, häuslichen Ambientes, der Verlängerung des Zuschauerraums auf die Bühne und andere scheinbar disparate Bauelemente, die den offenen Charakter visuell begründen und allgegenwärtig halten.

Barbara Hannigan als Lulu steht im Zentrum der Inszenierung – auf sie ist eindeutig das gesamte Konzept abgestellt. Wenn schon Marlis Petersen in der vorangegangenen Hamburger Produktion 2003 mit akrobatischer Präzision und Singen beim Handstand verblüffte, so schlägt Hannigan mit ebenso akrobatischen Ganzkörperaktionen ihr Publikum in Bann – unfassbar, was körperlich noch möglich ist, obgleich die Gesangspartie allein schon den ganzen Menschen erfordert. Die perfektionierte, scheinbare Mühelosigkeit in Gesang und Spiel unterstreicht die Unwirklichkeit der Figur. Nie glaubt man, eine Umsetzung gesehen zu haben, durch die die Menschen und Ereignisse so hindurchscheinen und die im innersten von allem dermaßen unberührt bleibt.
Sie wird von einem ihr verfallenen, exzellenten Ensemble umgeben. Hervorzuheben die in ihrer schicksalsgetriebenen Hingabe, ihrem schlichten Spiel und ihrer warm-grundierten Stimme irrlichternde Geschwitz der Anne-Sophie von Otter.
Grandios auch Dr. Schön und Jack von Jochen Schmeckenbecher, der bei klarster gesanglicher Diktion der widersprüchlichen Elemente der Figur, also den Anspruch eines Herrenmenschen und die sexuelle Hörigkeit gegenüber Lulu, ineinander verschränkt und mit erschütternder Geste, teilweise lakonisch darstellt. Sergei Leiferkus als Schigolch geistert wirkungsvoll und umso unwirklicher unentwegt wie ein ewig Verfolgter und Lulu Verfolgender durch die Szene. Matthias Klink kann als Alwa stimmlich und darstellerisch uneingeschränkt überzeugen. Er läuft im Verlauf der Handlung in immer unmotivierteren Kreisen durch das Geschehen. Tierbändiger und Athlet von Ivan Ludlow, Maler und Neger von Peter Lodahl, Theatergarderobiere und Gymnasiast von Marta Swiderska sowie Dietmar Kerschbaum, der Schauspieler Martin Pawlowsky sowie Denis Velev runden das Ensemble auf höchstem Niveau mehr als angemessen ab.
Das präzis-klare Orchesterspiel des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg in allen Instrumentengruppen unter Kent Nagano hinterfragt die Expressivität der Musik durch eine klare Sachlichkeit und gelegentlich Lakonik. Mit der Solistin Veronika Eberle schwingt sich das Spiel im Violinkonzert in jenseitige Innigkeit empor.
Die Herausforderung an das Premierenpublikum wird an den nicht wenigen leeren Plätzen nach dem zweiten Akt deutlich. Die verbleibenden Zuhörer erleben ergriffen Fall und Requiem auf Lulu.
Bewegter, langanhaltender Applaus für alle Beteiligten, allen voran Bravorufe für Barbara Hannigan und Anne-Sophie von Otter – uneingeschränkte Begeisterung auch für das Inszenierungsteam. Hamburg hat eine großartige, experimentelle Weiterentwicklung der Lulu-Interpretation mit einem Ensemble auf Weltniveau zu bieten.
Achim Dombrowski