O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Hoffmann dreifach plus

LES CONTES D’HOFFMANN
(Jacques Offenbach)

Besuch am
15. Februar 2017
(Premiere am 2. Oktober 2015)

 

Komische Oper Berlin

Jede Insze­nierung von Les Contes d’Hoffmann steht vor einer grund­sätz­lichen Heraus­for­derung. Jacques Offenbach stirbt 1880 während der Vorbe­rei­tungen zur Urauf­führung. Er hinter­lässt ein fragmen­ta­ri­sches Konvolut von sieben Jahren Arbeit an der Kompo­sition nach einem Libretto von Jules Barbier nach dem gleich­na­migen Drama von Jules Barbier und Michel Carré. Hinter­lassen hat Offenbach eine Klavier­fassung der ersten vier Akte.

Damit besteht seit der Urauf­führung 1881 ein Dilemma. Aus der Fülle von Offen­bachs musika­li­schen Ideen, die im Wechsel von Wahn-Fantasien und Wirklichkeit mitein­ander verschränkt sind, ein Substrat zu extra­hieren und dieses in eine Insze­nierung umzusetzen, öffnet ein weites Feld von Möglichkeiten.

„Jede Neuin­sze­nierung von Les Contes d’Hoffmann ist eine neue, ganz eigene Reise ins Ungewisse“, gibt Barrie Kosky zu seiner Insze­nierung an der Komischen Oper Berlin zu Protokoll.

Mit Stefan Soltesz am Pult des Orchesters der Komischen Oper Berlin weiß Kosky bei seiner Hoffmann-Expedition einen gewieften Partner an seiner Seite. Soltesz und das Orchester brauchen geraume Zeit, bis sie mit den Musik-Fragmenten von Koskys Materi­al­auswahl des Offen­bach­schen opus magnum eine musika­lische Resonanz erzeugen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor    

Katrin Lea Tag hat für Kosky eine mobile Spiel­ebene gebaut, die sich ständig wechselnd hebt und senkt. Dabei verbindet sich das Schwarz des Bühnen­raumes mit der ebenso schwarzen Spielfläche.

Der Regisseur nimmt die Tatsache, dass der Komponist und der Mensch Jacques Offenbach vieles mit den unheim­lichen Welten des Schrift­stellers E.T.A. Hoffmann teilt, als eine Grund­kon­stante für die Drama­turgie seiner Insze­nierung. Beide, der Dichter und der Komponist, haben eine Neigung zu schwarzem Humor und groteskem Horror, die sie in ihren Werken wie mit einem unsicht­baren Band mitein­ander verbindet.

Dass sowohl Offenbach als auch E.T.A. Hoffmann begeis­terte Mozart-Fans sind – Hoffmann verändert sein Vorna­men­kürzel in absoluter Verehrung für Amadeus Mozart, indem er kurzerhand seinen dritten Vornamen Wilhelm in Amadeus übersetzt – verbindet sie zudem in roman­ti­scher Verklärung. Mozarts Donna Anna aus Don Giovanni wird in Les Contes d’Hoffmann zur Muse, durch die sich Hoffmanns Fantasien in irratio­nalen Verlust­ängsten verlieren.

Kosky bietet sich bei seiner Suche nach den Wurzeln der Kompo­sition in Offen­bachs hinter­las­senem Zettel­kasten eine reiche Fundgrube. Die aufge­fun­denen Belege zeigen, dass Offenbach den Hoffmann ursprünglich als Bariton gedacht und ihn für die ersten zwei Akte auch so kompo­niert hat.

Das war den Initia­toren der Wiener Urauf­führung suspekt. Da es nicht dem damaligen musika­li­schen Zeitgeist­ge­schmack entsprach, trans­po­nierte Offenbach auf massive Inter­vention der Impresari hin die ursprüng­liche Bariton-Stimme in einen Tenor.

Kosky überträgt diese Intention Offen­bachs in seine Konzeption und geht dabei noch einen Schritt weiter. Er teilt entspre­chend konse­quent die Hoffmann-Figur dreifach auf: in einen Bariton für die zwei Akte bis zur Pause und in zwei Tenöre ab dem dritten Akt. Mit der Multi­pli­kation des Hoffmann nimmt er damit die roman­tische Figur des Doppel­gängers auf und kontras­tiert sie mit dem Fragmen­ta­ri­schen, dem Unvoll­stän­digen, des Bruch­stück­haften der Contes d’Hoffmann.

Den überbor­denden Wust an Ergän­zungen, Zufügungen und Weglas­sungen der 100-jährigen Werkre­zeption beiseite zu räumen, um Offenbach selbst sprechen zu lassen, ist eigentlich ein respek­tabler, konstruk­tiver Ansatz im Kontrast zu den Praktiken des Regietheaters.

Anderer­seits ist die Insze­nierung dem histo­ri­schen E.T.A. Hoffmann verpflichtet. Kosky  besetzt mit dem Sänger-Schau­spieler Uwe Schönbeck den Hofmann I und mit Philipp Meier­höfer den Peter-Schlémil-Erzähler. Mit Schönbeck wird das Doppel­gänger-Motiv durch sein umwerfend komödi­an­ti­sches Spiel erweitert. Sprachwitz, gepaart mit einer gestisch körper­lichen Wandlungs­fä­higkeit, greift er kommen­tierend sowie mitspielend in das Geschehen ein. Seine Rollen­ge­staltung ist mit den deutschen Texten gleich­zeitig auch der Counterpart zum Franzö­sisch der Singstimmen.

Im Unter­schied zu dieser Schau­spieler-Ergänzung, die ständig das alptraumhaft Verworrene der Handlung unterhält, geht die Bariton-Besetzung bei Kosky nicht wirklich auf. Philipp Meier­höfer sucht die Essenz der Figur, findet sie aber nicht wirklich. Das liegt weniger an seiner Stimme, statt an einer partiell merkwürdig unent­schieden bleibenden Insze­nierung im ersten Teil bis zu Pause. Meier­höfer singt kulti­viert und ambitio­niert die Ballade vom Zwerg Kleinzack, bleibt aber in der Insze­nierung insgesamt mehr Stich­wort­geber als nachhaltig gestal­tender Protagonist.

Foto © Monika Rittershaus

Dabei schafft die Insze­nierung in der Szene mit der mecha­ni­schen Puppe Olympia einen außer­or­dent­lichen sänge­ri­schen und spiele­ri­schen Höhepunkt.  Die Sopra­nistin Nicole Chevalier zieht in der Arie Les oiseaux dans la chamille alle Register einer exzel­lenten Sänger-Schau­spie­lerin. Sie singt schel­misch lachend mit kicksendem und gurgelndem Diskant, durch­misst den Klangraum ihrer Stimme in clownesken Slapstick-Fallhöhen. Verborgen in einem Schrank mit vielen Fächern – wechsel­weise werden ihr grotesk verdrehter Kopf, ihre künstlich extrem verlän­gerten Hände oder ihre tänzelnden Füße sichtbar – skizziert sie mit ihrem Gesang die Automaten- Olympia.

Chevalier glänzt nicht nur als Olympia, sondern auch als Antonia, die sich zu Tode singt, sowie als Giulietta, die ihren Liebhabern, auch Hoffmann, ihr Spiegelbild stiehlt. Aber Chevalier ist zugleich auch eine brillante Stella, die in Hoffmanns Wahnvor­stel­lungen alle drei Frauen in sich vereint. Hoffmann verzehrt sich nach Stella.

Aus diesem Geist entwi­ckelt Kosky mit La Muse als drama­tur­gi­schem Fixpunkt, der Karolina Gumos ihren sanft­weichen, aber auch scharf­kantig artiku­lie­renden Sopran leiht, ein surreal anmutendes Spiel. Sujets, die an Bilder von Max Ernst oder Salvador Dali sowie an die laut schep­pernden Meta-Maschinen von Jean Tinguely erinnern, werden von einem tempe­ra­mentvoll engagierten Chor ausgemalt.

Katrin Lea Tag hat den Chor, von David Cavelius perfekt vorbe­reitet, in Rokoko-Kostüme gesteckt, die sich wechsel­weise in schräges Zivil verwandeln. Als Hoffmanns Fantasien letztlich in Angst­träumen versinken, sind die Münder der Chorsänger grotesk vergrößert.

In der Rolle des Hoffmann II zündet der Tenor Alexander Lewis mit dem Duett C’est une chanson d’amour in konge­nialer Partner­schaft mit Nicole Chevalier sänge­rische und spiele­rische Glanzlichter.

Tom Erik Lie als Hoffmann II gewährt Kosky nur wenig Raum, seinen aufgeraut klingenden Tenor zur Geltung zu bringen.

Die Les Contes d’Hoffmann bevöl­kernden Nacht­ge­stalten wie den Olympia-Konstrukteur Spalanzani sowie den Augen­händler Coppelius bis zum teufli­schen Docteur Miracle vereint Dimitry Ivash­chenko mit sonor verschlagen klingendem Bass.

Das letzte Wort hat Schönbeck. Verschlossen in einem Sarg, klagt seine Stimme: Um zwei Uhr nachts starb Stella.

Nach nur zaghaftem Szenen­ap­plaus während der Aufführung fällt der Beifall am Ende mäßig verhalten aus.

Peter E. Rytz

Teilen Sie O-Ton mit anderen: