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Ivo Schneider und Saskia Rudat - Foto © Christian Herrmann

Text trifft Theater

LIFFT
(Konglo­merat)

Besuch am
18. Februar 2017
(Urauf­führung)

 

Forum Freies Theater Düsseldorf,
Jahnstraße

Eine Gruppe von Düssel­dorfer Bürgern findet zusammen und beschließt nichts weniger, als das Theater neu zu erfinden, um es für die Zukunft aufzu­stellen. Das allein ist schon so großartig, dass das Forum Freies Theater (FFT) beschließt, sich an dieser Vision zu betei­ligen. Die Gruppe um Georg Schiller und Verena Meis, zu der auch Jürgen Mühle, Jan Grashof und Stephan Kaluza gehören, nennt sich Konglo­merat. „Uns verbindet das Interesse an neuen Formaten und innova­tiver Kraft“, lautet ihr Credo. Und mit diesem Anspruch tritt das Konglo­merat in den ehema­ligen Kammer­spielen in der Jahnstraße an, um LiFFT – Literatur im Forum Freies Theater zu präsen­tieren. Zugegeben, es mangelt ein wenig an der Origi­na­lität des Titels, aber es wird ein Abend, der es in sich hat. Viereinhalb Stunden lang – inklusive aller Verspä­tungen – werden hier sechs Auffüh­rungen à 20 Minuten sowie eine Instal­lation angeboten. Der Clou: Es handelt sich nicht etwa um Theater­stücke, sondern um Prosa-Texte, die die beauf­tragten Regis­seure zu verhandeln haben.

Allein, wer die Texte auswählt und nach welchen Kriterien, bleibt das Geheimnis der Gruppe. Anstatt in der Einführung aufzu­klären, die als eigener Programm­punkt mit 20 Minuten Verspätung beginnt, weil das FFT dem Publi­kums­an­sturm organi­sa­to­risch nicht gewachsen ist, wird das Vorwort aus dem Programmheft verlesen. Immerhin betont Schiller, dass den einzelnen Teams – hier werden sie tradi­ti­ons­ver­bunden Kollektive genannt – keinerlei Auflagen gemacht wurden. Ob sie also über die Texte oder mit den Texten arbeiten, bleibt offen. Auch für das Publikum. Oder zumindest für dieje­nigen, die die Texte von Umberto Eco, Stephan Kaluza, Maxim Biller, Sten Nadolny, Georg Schiller oder Haruki Murakami gerade nicht parat haben. Quellen­hin­weise oder gar Abdrucke finden sich im Programmheft nicht. Damit ist die große Chance des Abgleichs verschenkt. Der Besucher bleibt darauf angewiesen, die Aufführung als solche zu rezipieren. Im grafisch schön, weil formal streng gestal­teten Programmheft gibt es die üblichen Texte, die auf die Aufführung „neugierig machen sollen“, also auch hier auf breiter Front nichts Neues.

Ob budget- oder konzep­ti­ons­be­dingt, bleibt unklar, jeden­falls muss das „neue“ Format mit einem Minimum an Personal auskommen. Und wie erzählt ein einzelner Schau­spieler auf der Bühne eine Geschichte? Als Monolog. Also finden vier von sechs Texte ihre Umsetzung als Monolog. Das ist nicht nur für die Darsteller eine übermäßige Anstrengung, sondern auch für das Publikum. Da streicht manch einer vorzeitig die Segel. Auch der Hinweis, man müsse ja nicht alle Vorstel­lungen besuchen, greift ein wenig kurz.

Das FFT hat die Auffüh­rungen auf zwei Ebenen verteilt. So entsteht Abwechslung. Und Bewegung. Verwundert schaut die Obdachlose, die an diesem Abend im Gang vor den Kammer­spielen ihr Nacht­lager aufge­schlagen hat, auf die Menschen­menge, die sich abwech­selnd mal in das ehemalige Büro auf Erdge­schoss­ebene und dann wieder in den Keller zur Bühne begibt.

POINTS OF HONOR

Musik    
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Bei allen Schwächen in der Konzeption wird es ein eindrucks­voller Abend. Denn Regis­seure, Ausstatter, vor allem aber die Darsteller geben im herkömm­lichen Sinn ihr Bestes. Beginnend mit dem Umberto-Eco-Text unter dem Titel Insel des vorigen Tages, der als Monolog von Vincent Sauer unter Einbe­ziehung zahlreicher Requi­siten pseudo­phi­lo­so­phische Fragen zu beant­worten versucht. Vergeblich, erkennt­nislos, aber amüsant haben Carmen Schwarz und Anna Brand­stätter das in Szene gesetzt. In Stimme frisst nach Kaluza begeistert Elisabeth Sterzer in der Regie und Ausstattung von Sarah Schmid zu den zurück­haltend einge­fügten Klängen von Karsten Kuhlmann als Schau­spie­lerin, deren Stimme versagt. Auch sie spricht viel zum Publikum. Großartig gespielt, will sich auch hier kein rechter Sinn erschließen. Etwas konkreter wird es – jetzt wieder im Erdge­schoss – bei den beiden tanzenden Darstellern Saskia Rudat und Ivo Schneider, die in Ziggy Stardust nach einem Text von Maxim Biller zur Musik von David Bowie eine Liebes­ge­schichte erzählen, die es bei Anklängen belässt. Wenn Morgan Nardi als Regie-Idee viel Schatten auf die weiße Wand werfen lässt, muss das ja keinen Sinn ergeben, aber es eröffnet sich eben auch keine schlüssige Ästhetik.

Elisabeth Sterzer – Foto © Christian Herrmann

Regis­seurin Kathrin Herm schickt ihren Helden John Franklin, unter vollem Körper- und Stimm­einsatz eindrucksvoll darge­stellt von Martin Esser, mit No Fear of that nach Nadolny in Erinne­rungs­fetzen von Kindheit und Krieg. Neben dem Einsatz des Filmpro­jektors bleibt vor allem der choreo­gra­fierte Einsatz des Mikrofons als Erinnerung an die Bühne haften. Deftiger noch geht es in Kafara zu. Ein Bett, ein Nacht­tisch und Stell­wände bilden hier die Kulisse von Amelie Klimmeck für die Regie-Arbeit von Cornelia Maschner. Die Ausgangs­si­tuation im Text von Georg Schiller ist so aktuell wie bekannt. Ein „Glaubens­krieger“ – im Programmheft nicht apostro­phiert – wähnt sich in einer Welt, in der Gut und Böse klar getrennt sind. Erst als er einen Brief an seinen Vater schreibt, kommen ihm Zweifel. Tim-Fabian Hoffmann, der sich auf der Bühne auch entkleiden darf, Adrienne Leyko und Caner Sunar geben in wechselnden Rollen überzeugend die Wandlung von der puren Begeis­terung über erste Zweifel bis zum Eingreifen der Obrigkeit wieder. Bei Maschner darf gespuckt, mit Eis, dessen Markenname überflüssig oft erwähnt wird, gematscht und Glitter auf der Bühne verteilt werden. Das kennen wir, aber manchmal kann ja auch die Wieder­ent­de­ckung Neues bieten. Hier jeden­falls pulsiert ein wenig Leben im Stück, nach dem man bei den anderen Auffüh­rungen eher suchen muss.

Als Sound­collage schließlich wird Scheu­nen­ab­brennen nach einem Text von Haruki Murakami angekündigt. Und tatsächlich unterlegt Jan Hendrik Bleichert den Monolog von Karsten Kuhlmann mit zahlreichen Geräu­schen, die in ihrer Belie­bigkeit aber allen­falls als Unter­malung gelten können. Mögli­cher­weise wäre das Stück, für dessen Regie Kuhlmann und Jan Grashof verant­wortlich zeichnen, besser in der Intimität der Bühne aufge­hoben. In der eher kühlen Atmosphäre der Bürofläche geht viel von der angedachten Magie der Insze­nierung verloren. Schade auch, dass sich die Künstler nach dem Schluss­abgang der Bewertung durch das Publikum entziehen, indem sie nicht mehr auftauchen. Anders als Verena Meis, die zur Diskussion ihrer Instal­lation Sipho­no­phorae, die begleitend zu den Stücken läuft, den ganzen Abend zur Verfügung steht. In einem schwarz folierten Raum, der noch die Dämpfe des Materials ausatmet, wird das Video von Matthias Wittmann gezeigt, in dem Meis die Quallenart Auswüchsen menschlich geformter Archi­tektur gegenüberstellt.

Am Ende eines langen, erschöp­fenden Abends ist vor allem und durch­gängig die hervor­ra­gende Leistung aller Schau­spie­le­rinnen und Schau­spieler zu loben. Wirklich Neues – und das war ja der Anspruch – ist nicht zu entdecken, was die Idee, Prosa-Texte auf der Bühne zu verwirk­lichen, nicht schmälern kann. Es ist ein erster komplexer Versuch, und man wird sehen, ob es Konglo­merat gelingt, diesen Ansatz weiterzuentwickeln.

Michael S. Zerban

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