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Ein Hauch von Bayreuther Festspielen weht an diesem Sonntag über dem Haus am Willy-Brandt-Platz. Es ist vier Uhr nachmittags, als der amerikanische Berlioz-Spezialist John Nelson den Musikern des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters das Einsatzzeichen zur Ouvertüre gibt. Gegeben werden Les Troyens von Hector Berlioz. Erzählt wird die Geschichte der Menschheit aus dem Nukleus der Antike, grandios in der Vermittlung der archaischen Mythen, bedrängend in der politischen und gesellschaftlichen Aktualität. Das Werk ist der kühne Versuch, der Urparabel von Eroberung, Flucht und Vertreibung mit den damals modernsten Mitteln des Musiktheaters Gestalt und Würde zu verleihen. Berlioz wird nachgesagt, er habe eine französische Ring-Fassung schaffen wollen, sich dabei aber auf eine Komposition zeitlich vergleichbar den Dimensionen der Götterdämmerung beschränkt. Für Nelson eine Gewissheit: „Es ist der französische Ring.“
Berlioz sieht sich in „glühender Leidenschaft“ der Musik verfallen, verschleudert allerdings einen großen Teil seiner Energie im Ringen um Anerkennung durch den etablierten Pariser Opernbetrieb. Der hält ihn, den rebellischen Außenseiter, auf Distanz. Die Rezeptionsgeschichte seiner Grand opéra in fünf Akten ist hierfür das beste Zeugnis. Eine vollständige szenische Aufführung gibt es erst 1969 an der Scottish Opera Glasgow. Auch die Uraufführung der Akte eins und zwei – Die Einnahme von Troja – findet nach dem Tod des Komponisten statt, 1879 konzertant am Théâtre du Châtelet. Kurios genug: Das Théâtre Lyrique Paris bringt die Akte drei bis fünf – Die Trojaner in Karthago – 1863 heraus, das Hoftheater Karlsruhe dann die gesamte Oper 1890 an zwei Abenden. Die Weigerung des Künstlers, sich dem Zeitgeist durch allzu große Zugeständnisse anzupassen, hat für Berlioz einen hohen Preis. Dabei weiß er sich spätestens mit seinen Trojanern mit Wagner in der Vorstellung eines radikal erneuerten Opernbetriebs einig. Wie dieser bricht er mit den Konventionen, fordert er das Musikdrama der Zukunft an Stelle der restaurativen Oper, die in Dekor und der Galanterie des Dekadenten erstarrt ist. Wie dieser traut er den Librettisten wenig und verfasst den Text zu seiner Komposition nach der Aeneis des römischen Dichters Vergil selbst.
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Nach mehr als 30 Jahren finden Die Trojaner nun den Weg zurück nach Frankfurt. 1983 wird in der von der DDR-Regisseurin Ruth Berghaus und dem Dirigenten Michael Gielen mit einer bravourösen Anja Silja als Cassandre realisierten Produktion noch deutsch gesungen. An diesem Sonntag demonstriert das weitgehend aus Hauskräften bestehende Ensemble ein Stück Weiterentwicklung in eigener Sache. Da ist die einfühlsame Affinität zur Originalsprache, die einmal mehr die Vorzüge des Französischen in der Oper sinnlich bewusst macht. Da ist das vitale Vermögen eines großen Apparats von Beteiligten, den epischen Bilderbogen von der Antike bis heute über veritable fünf Stunden in einer Qualität vorbeiziehen zu lassen, die immer fordert, jedoch nicht ermüdet. Da ist eine kluge Inszenierung zu besichtigen, die die Klammer zwischen den beiden Teilen und damit die heute weitgehend übliche Entscheidung, das Ganze an einem Abend zu präsentieren, einsichtig macht.
Ist diese Klammer in der Partitur mit den Motiven des trojanischen Marsches bereits angelegt, wird sie wie selten durch das Regiekonzept plausibel. Eva Maria Höckmayr, notabene wie 1983 eine Regisseurin, fokussiert das Geschehen auf den Typus der Frau, die sieht, erkennt, bewahren und lieben will. Einmal ist sie Seherin, zum anderen Lenkerin der Staatsgeschäfte. So unterscheiden sie sich eminent und verschmelzen doch psychologisch im finalen Scheitern. Zum Menschen hier wird alles Sein.
In der Heldensaga und damit der Oper flieht eine Gruppe von Trojanern, die die Zerstörung ihrer Festung überlebt haben, über das Mittelmeer in das wohlhabende Karthago. Ihr Anführer Énée erobert dort das Herz der Königin Didon, verlässt diese allerdings nach kurzer Zeit. Seine von den Schatten der Ahnen ihm auferlegte Bestimmung: die Begründung eines neuen Reiches und Geschlechts. Die Weiterreise führt nach Latium, wo Äneas die Stadt und das Reich Rom gründet. Der Zirkel schließt sich; Rom wird nicht nur das „neue Karthago“, sondern auch Zentrum eines frühen Imperialismus mit allen kriegerischen Folgen. Kein Entrinnen also aus der Spirale von Migration und Vertreibung?

Von Anfang an entzieht sich Höckmayr der Anbiederung an aktuelle Zustände und Debatten durch die radikale Auflösung aller natürlichen Schauplätze. Jens Kilian, der das Bühnenbild entworfen hat, und Kostümbildnerin Saskia Rettig haben eine Serie von heterogenen Tableaus geschaffen, in denen die Handelnden zu Figuren des Universellen stilisiert werden. Zu sehen gibt es etwa eine Säulenhalle in der Architektur mutmaßlich von Großbanken um 1930, besiedelt von Fauteuils der Großbourgeoisie, einen Bankettsaal mit weiß gedeckten Tischen, ein Stück Strand, dann einen Stapel zerschlagener moderner Bürostühle. Diese Schauplätze sind dank der Frankfurter Drehbühne häufig in Bewegung, was durch die visuellen Projektionen Bert Zanders bisweilen noch verstärkt wird. Braucht das Geschehen Ruhe, liefert die dann die Musik, ziemlich verlässlich. Was die Stilisierung hin ins Zeitlose auf frappierende Weise perfekt werden lässt, sind vor allem die annähernd 500 Kostüme, die Rettig allein für diese Produktion kreiert hat und die keinerlei Einheitlichkeit folgen. Die Trojaner irren nach dem Schock des Falls ihrer Stadt in kurzen Hosen umher, als seien sie sekündlich auf dem Sprung. Die griechischen Eroberer fallen in schwarzem Leder ein, was ihre auch gespielte Brutalität noch unterstreicht. In einem weißen Fantasiekostüm steckt Iopas, Dichter am Hofe Didons, die wiederum in einem Hosenanzug, wie er regelmäßig auch in TV-Bildern aus dem politischen Berlin zu sehen ist. Und der Mythos schlechthin, das Trojanische Pferd? Symbol des Krieges und der Kriegslist? Erhaben und dunkel überragt es die Szene, zum Schauen schön, aber auch zum Erschauern.
Berlioz hat sein Werk nach dem Volk der Trojaner benannt, nicht einer Titelfigur. Anders als bei den Favoriten auf den Spielplänen der Pariser Opernhäuser zu seiner Zeit oder in der Barockoper gilt seine künstlerische Empathie den Menschen, die ihre Verstrickung in die Irrungen der Herrschenden bestenfalls ausdrücken, aber nicht ändern können. Mehr als die Hälfte aller vokalen Szenen sind denn auch mit einem oder mehreren Chören besetzt. Wie in der antiken Tragödie schildert oder bewertet der Chor die Ereignisse, zeigt er Angst, Stolz, Freude. In Frankfurt schafft so der von Tilman Michael präzise einstudierte Chor und Extrachor große Momente gleich in Serie. Der Charakter dieser Aufführung aus dem Geist der griechischen Tragödie wird zudem noch durch den Einsatz von individuellen Balletttänzern in allerlei Masken unterstrichen. Die Regisseurin baut sie zusätzlich zu den in der Grand opéra obligaten Balletteinlagen in der Choreografie von Martin Dvořák wie eine weitere Deutungsinstanz ein. Geister, Nymphen und Harlekine umgarnen die Liebenden wie die Totgeweihten. So entsteht ein Begleiten und Kümmern, ein Wegweisen und Trösten, ein imaginärer Mantel des Schutzes. Mag dieses Spielerische im Spiel zwar nicht in jeder Szene willkommen sein, so schafft es doch eine bezwingende Atmosphäre. Einst tanzte ein Kongress. Hier tanzt der Krieg.
Mit dem Opern- und Museumsorchester nimmt sich Nelson des großen Bogens der Komposition mit all der Erfahrung an, die er bei diversen Aufführungen des Stücks von Genf bis Stuttgart gesammelt hat. Die Märsche und Jagdmusiken erklingen stürmisch und wild, die Begleitung der Prophezeiung Cassandres mit der robusten Force, die Berlioz gerade für diese Figur vorgeschrieben hat. Vollendet auch die idyllisch-sinfonischen Passagen, in die die vokalen Glanznummern von Énée und Didon eingebettet sind. Insbesondere Nuit d’ivresse, das atemberaubende schöne Notturno der beiden, das den Komponisten als einen der letzten großen Romantiker seiner Zeit ausweist.
Die Wendung, eine bestimmte Aufführung sei vor allem eine Ensembleleistung – sie gilt für diese Produktion ausnahmsweise voll und ganz. Alle Sängerinnen und Sänger geben ihr Rollendebüt. Irgendwie kaum nachvollziehbar unter dem famosen Eindruck, den Tanja Ariane Baumgartner als Cassandre und die Didon Claudia Mahnkes hinterlassen. So berührend in ihrer Verzweiflung angesichts der Ignoranz rundum die eine, so verzehrend in der Glut ihrer Leidenschaft die andere. Als Énée gewinnt Bryan Register im Verlauf des Abends an Form und Format. Unter den zahlreichen weiteren überzeugenden Sängerdarstellern der großen und kleineren Rollen seien pars pro toto Alfred Reiter als Narbal und Martin Mitterrutzner als Iopas genannt. Reiter besticht durch seine schwermütige Beschwörung des Schicksals, die er mit seinem großvolumigen Bass vorträgt. Mitterrutzners lyrisch-subtiler Tenor eignet sich ganz wunderbar für die gelungene Gestaltung der Hymne Ô blonde Cérès.
Das Publikum honoriert die Leistungen aller Beteiligten mit Verve. Der Jubel schlägt insbesondere über den Protagonistinnen zusammen, denen vor und hinter der Bühne. Allen voran Baumgartner und Mahnke, um einige Grade geringer dem Regieteam. Weiblich in mehrfacher Hinsicht inspiriert, ist diese Aufführung, die Oper entgegen mancher Genderskeptiker in den besten Händen. Und das Frankfurter Haus hat nun einen Berlioz im Repertoire, an den man sich erinnern wird, gewiss noch in neuerlich 30 Jahren.
Ralf Siepmann