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Über das luxuriöse Projekt der Berliner Philharmoniker, mit einer halbszenischen Darstellung von György Ligetis einziger Oper, Le Grand Macabre, auf Reisen zu gehen, wurde an dieser Stelle anlässlich der Premiere in der Berliner Philharmonie bereits berichtet.
Dass die aufwändige, musikalisch auf Hochglanz polierte und szenisch fragwürdige Produktion auch zu den Highlights des Aufenthalts der Berliner Philharmoniker im Ruhrgebiet zählen darf, ist zweifach bemerkenswert. Da fällt einerseits die Aufgeschlossenheit des Publikums ins Auge, das beide Aufführungen im Dortmunder Konzerthaus und in der Essener Philharmonie mit vollen Häusern goutierte und andererseits die Bereitschaft der beiden Konzertintendanzen, auf höchstem Niveau zusammenzuarbeiten, um das Spitzenorchester mit attraktiven Programmen, zu denen auch die Vierte und Sechste Symphonie Gustav Mahlers gehören, an die Ruhr zu locken.
Angesichts des Renommees der Berliner Philharmoniker ist der Begriff „RuhrResidenz“ in diesem Fall nicht zu hochgegriffen. Regionalpolitisch verbirgt sich dahinter der Versuch, mit gemeinsamen Projekten ein wenig den Gemeinschaftsgeist der Ruhrgebietsstädte zu stärken. Denn um den ist es trotz Initiativkreise und großer städteübergreifender Festivals wie der Ruhrtriennale und dem Klavierfestival Ruhr immer noch nicht gut bestellt. Das Kirchtumsdenken vieler Stadtväter in der mit über fünf Millionen Einwohnern reich bestückten Region ist noch längst nicht überwunden.
Keine Geringeren als die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Simon Rattle bringen also derzeit Glanz in die benachbarten Konzerthäuser. Nach der Premiere in der Berliner Philharmonie konnte man sich jetzt auch im Dortmunder Konzerthaus von den Qualitäten des bizarren Stücks überzeugen, bevor es in der Essener Philharmonie wiederholt wird. Für das Essener Publikum ist das 1978 uraufgeführte Werk kein Neuland. Vor zwei Jahren stand es im Aalto-Theater auf dem Programm. Und zwar in einer kompletten Inszenierung von Mariame Clémont, der Peter Sellars mit seiner halbszenischen Lösung nicht allzu viel entgegensetzen kann.
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Wenn dennoch von einer Sternstunde gesprochen werden kann, dann ist es dem erstklassigen Gesangsensemble, den Berliner Philharmonikern und natürlich Simon Rattle zu verdanken, der jede Schattierung der brillanten Partitur zum Leuchten und die stilistischen Wechselbäder mit entwaffnender Souveränität und äußerster Sensibilität zum Klingen zu bringen vermag. Ob die überwältigende Steigerung der Passacaglia, ob die weltentrückte Final-Fuge, ob die ätherischen Klänge des liebes- und todessüchtigen Liebespaars oder die bedrohliche Aggressivität der Mescalina. Die orchestrale Umsetzung ist ebenso sensationell wie das Niveau des ausnahmslos erstklassigen Ensembles.
Le Grand Macabre ist ein grotesker Totentanz „aus dem Breughelland“, basierend auf Michel Ghelderodes Schauspiel La Balade de Grand Macabre, entstanden im Sog des so genannten Dritten Reiches. Der Höllenfürst Nekrotzar entsteigt der Unterwelt, um den Menschen den Untergang der Welt anzukündigen. Er trifft auf eine illustre Gesellschaft, in der Macht, Alkohol, Aberglauben, Sexualität und Liebe kuriose Blüten treiben. Es entstehen Untergangsszenarien, aber die Welt kommt noch einmal davon. Der Untergang fällt zwar aus. Doch, so heißt es in der Schluss-Fuge: „Irgendwann kommt er, doch nicht heut. Und wenn er kommt, dann ist’s soweit. Lebet wohl so lang in Heiterkeit.“

Die Ambivalenz zwischen bedrohlicher Hintergründigkeit und slapstickhafter Bizarrie prägt die Atmosphäre der Vertonung. Peter Sellars hängt die Bedrohung der Welt an der Umweltverschmutzung auf und lässt im Hintergrund Bilder und Videos diverser Umweltkatastrophen über die Leinwand flimmern. Das Orchester ist von Giftfässern umstellt. Als Spielfläche steht nur ein schmaler Pfad an der Vorderbühne zur Verfügung. Die Welt befindet sich bei Sellars im Ausnahmezustand. Schutzanzüge und ein Klinikbett beherrschen die Optik. Dabei verliert Sellars freilich die grotesken Züge aus den Augen. Wenn die Geheimdienstchefin ihre dunklen Visionen im Krankenbett mit expressivem Nachdruck deklamiert, bekommt die Produktion eine pathetische Schlagseite, als beklage Amfortas seine Leiden. Dass das im Rahmen der atomaren Hochrüstung entstandene Werk als klingende Vertiefung der These Dürrenmatts zu verstehen ist, angesichts der selbstzerstörerischen Umstände käme uns „nur noch die Komödie“ bei, wird vernachlässigt. Im Kontext mit der Bilderflut auf den Leinwänden erhält das Stück einen geradezu dokumentarischen und damit alles andere als werkdienlichen Anstrich.
Dem gesanglichen Niveau tut das alles keinen Abstrich. Grandios Pavlo Hunka als großprotziger Nekrotzar, sehr kultiviert Peter Hoare als Piet vom Fass, virtuos der Countertenor Anthony Roth Costanzo als hasenfüßiger Fürst Gogo, belcantistisch schön singend das Liebespaar mit Anna Prohaska und Ronnita Miller, eindringlich Audrey Luna als Geheimdienstchefin und auf gleichem Niveau alle anderen Sänger, nicht zuletzt der Berliner Rundfunkchor. Weitere Details sind der Besprechung der Berliner Produktion zu entnehmen.
Das Publikum im nahezu ausverkauften Dortmunder Konzerthaus folgt der zweieinhalbstündigen Aufführung mit gebannter Konzentration. Nur wenige suchen in der Pause das Weite.
Pedro Obiera