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DIE SIEBEN TODSÜNDEN
(Kurt Weill)
Besuch am
24. Februar 2017
(Eröffnungskonzert)
Beide heißen Anna. „Meine Schwester und ich stammen aus Louisiana.“ Und das Leben im heißen Süden von Amerika der 1930-er Jahre ist nicht einfach, Anna 1 und Anna 2 träumen vom Leben in der Stadt, sie sind überzeugt: „Nach sieben Jahren haben wir´s geschafft.“ Ihr mühsam verdientes Geld schicken sie an ihre Eltern „für ein kleines Haus in Louisiana“. Natürlich bleibt diese Absicht ein Traum. In bester Absicht und mit gutem Willen versuchen sie, die ihnen aus ihrer kleinbürgerlichen Welt vertrauten „sieben Todsünden“ wie Faulheit, Völlerei oder Habsucht zu vermeiden – und so wird aus ihren naiven Phantasien, aus ihrem einfachen Leben im Süden des großen Landes eine Ballade der Hoffnung.
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Im Stil seiner Drei-Groschen-Oper und der Stadt Mahagonny hat Kurt Weill hierzu eine einfache, bewegende Musik komponiert, die er als „gesungenes Ballett in neun Szenen“ untertitelte. Uraufgeführt am 7. Juni 1933 am Théâtre des Champs-Élysées, schuf George Balanchine die Choreografie für Pro- und Epilog. In Dessau wird konzertant aufgeführt. Zwischen Rezitativ, Sprechgesang, flottem Schlager und ungewohnten Jazzphrasen erzählen die zwei Anna-Schwestern ihre traurig-komische Geschichte, die immer wieder von der Familie kommentiert wird. Wie ihre Familie in Louisiana sind auch die beiden Annas überzeugt, „wer über sich selbst den Sieg erringt, der erringt auch den Lohn.“ Ihr Weg durch die großen Städte, durch Memphis, Philadelphia und San Francisco führt sie durch üble Spelunken, Kabaretts und zu zwielichtigen Männerbekanntschaften: Sie gehen allen Versuchungen aus dem Wege und passen auf sich auf, denn sie wollen mit aller Kraft zurück zum Mississippi und ihr kleines Haus bauen. „Bedenk, was geschieht, wenn du tätst, was dir läge.“

Angelika Kirchschlager ist eine perfekte Besetzung dieser Schwestern-Doppelrolle, die sie ganz selbstverständlich mit ihrem kräftigen Mezzosopran füllt. Ihr temperamentvoller Vortrag und das umfangreiche Volumen ihrer Stimme lassen auch längere Deklamationen nicht langweilig werden, sie trifft in eigener Interpretation den Charakter der neuen Songs von Weill, die den Einfluss amerikanischer Musik nicht leugnen. Die Songs erzählen die Geschichte. Im Unterschied zu Lotte Lenyas hohem Sopran, für den Weill viele seiner Songs komponierte, gibt Kirchschlager den Songs ein leicht melancholisches Timbre, doch die Stimmung dieser Weill-Musik bleibt locker und unterhaltsam. Mit je zwei Tenor- und Bassstimmen bringen Falk Hoffmann, Albrecht Sack, Matthias Hoffmann und Gun-Wook Lee die Familie auf die Bühne, ihre meist kurzen Einwürfe bilden einen frischen Kontrast zur Geschichte der beiden Annas. So ungewöhnlich und modern die von Weill komponierten Klänge sind, so einfach, frisch und originell sind viele Formulierungen in Bertolt Brechts Libretto. „Meine Schwester ist schön. Ich bin praktisch.“ – „Sie ist etwas verrückt, ich bin bei Verstand.“ – „Stolz ist etwas für reiche Leute.“ – „… sie wollen kein Nilpferd in Philadelphia … Fresssucht ist vom Übel.“ – Dann sind die sieben Jahre herum, „jetzt kehren wir zurück in unser kleines Haus am Mississippi-Fluß“. Schade, dass Die sieben Todsünden das letzte Werk sind, bei dem Brecht und Weill zusammenarbeiteten.
In großer Besetzung präsentieren Kristjan Järvi, zurzeit artist in residence in Dessau, und das MDR-Sinfonieorchester anlässlich des Eröffnungskonzertes zum 25. Kurt-Weill-Fest im Anhaltischen Theater Dessau zunächst Igor Strawinskys Symphony in C und zum Schluss Beethovens jubelnde Sinfonie Nr. 5 in c‑moll, die den Rahmen für Weills Ballettmusik bilden.
Ein begeistertes Publikum feiert ein großartiges Orchester und eine Weill-Interpretin, die die Amerika-Faszination zweier emigrierter Künstler ebenso authentisch vermittelt wie die Sehnsucht aus den Songs … und ein Schiff mit acht Segeln … oder Surabaya-Johnny, warum bist du so roh …, die die Geburt einer neuen „Venus vulgivava“ markieren.
Horst Dichanz