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AUFSTIEG UND FALL
DER STADT MAHAGONNY
(Kurt Weill)
Besuch am
26. Februar 2017
(Premiere)
Unter die langsam einströmenden Besucher mischen sich dunkel gekleidete Personen, die eine Urne vor sich hertragen – mit ernstem Gesicht, gemessenen Schrittes, in langsamen Bewegungen. Ein gleißend-weißes Licht verbreitet eine kalte Atmosphäre. Kurz vor Beginn der Aufführung nimmt die Zahl der Urnenträger zu, durch beide Seiteneingänge schreiten sie herein, es werden immer mehr, fast wie eine Versammlung. So viele Urnen, so viele Tote – eine Katastrophe, eine Seuche? Die Versammlung der Urnenträger nimmt schweigend in einer großen Gedenkhalle Platz, in deren Mitte ein überdimensionales Podest steht, der Platz für das Orchester. Regieanweisung an die Besucher: „Erheben Sie sich.“ Weitere Texteinschübe folgen, es bleibt unklar, ob es Textpassagen aus dem Libretto oder Regieanweisungen sind.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Im Laufe des Spiels wird dem Zuschauer langsam klar: Die Bewohner von Mahagonny sind ideologisch erstickt, haben sich überfressen, sich tot gehurt, weil sie endlich, endlich alles durften. Ja, einmal alles dürfen dürfen. Keine Verbote, keine Eingrenzungen, keine Verzichte, keine Entsagungen, nur: „Ich will, ich kann.“ – bis zum Überdruss, bis zur ideologisch-politischen Totalverstopfung. Bis hin zu „America first.“ Die Mahagonians können, sollen die schlimmste aller „Freiheiten“ erleben, alles dürfen zu können. „Genieße das süße Leben.“ Wer sein erfülltes Leben finden will, für den wird „Genuss … zur Pflicht“ – so lange man ihn bezahlen kann. Nur eines ist verboten: Kein Geld zu haben.
Und die Stadt Mahagonny, ist sie nun leer? Sie ist eine Vision, ist virtuell, es gibt sie gar nicht, also gibt es hier auch kein „erfülltes Leben“, kann es gar nicht geben. Was als neue Lebensphilosophie gedacht war, gerät zur finster-realen Drohung. Für diese neu gegründete Stadt in der Wüste, in der Goldsucher, Prostituierte und Kriminelle, Goldgräber und Glücksritter ihr Glück suchen und ihr Geld verlieren sollen, gibt es nur ein Gesetz: „Vor allem aber achtet scharf / Daß man hier alles dürfen darf.“
Jim Mahoney, von Ralf Ertel gekonnt flippig gespielt, singt und folgt diesem Gesetz bis zum Exzess, was genauer heißt: Bis zur Pleite. Neben Ertel bringen mit viel Spiellust Ines Lex die Jenny, Svitlana Slyvia die Begbich, Philipp Werner Fatty, den Prokuristen, und Ki-Hyun Park den Dreieinigkeitsmoses als schräge Typen auf die Bühne.

Ob Mahoney das Geld meint, wenn er sich mehrmals beklagt „Etwas fehlt“, bleibt offen. Schließlich fehlen dem Antihelden nicht nur die Dollars, um seine Schulden zu bezahlen, es fehlt ihm jede Hilfe, als er schließlich, von den Kugeln einer wilden Soldateska durchsiebt, zu Boden geht. Der angekündigte Hurrikan wird zum Chaos, dissonante Trompetensignale verkünden nahes Unheil. Offen bleibt der Zusammenhalt der häufig wechselnden Kurzszenen, an denen Chor und Extrachor mitwirken. Eine „konzeptionelle Folgerichtigkeit“ der verschiedenen Episoden ist nicht zu erkennen. Das gilt auch für ein buntes, wildes Sammelsurium von Videosequenzen, die fast eine halbe Stunde lang auf der Leinwand über der Bühne flimmern und bald langweilig werden. Schon in den ersten beiden Akten ist erkennbar, dass sich Brechts und Weills Sicht der amerikanischen Wirklichkeit gewandelt hat, sie entlarven die vermeintliche Freiheit dieser Jeder-darf-alles-Gesellschaft als Druck, als Zwang. Die gesellschaftliche Grundregel, dauernd diese Freiheit nutzen zu müssen, stellt sich als gesellschaftlicher Widerspruch heraus, das Paradoxon überholt sich selbst und ähnelt verdächtig Gewohnheiten der heutigen Gesellschaft. Sie ist wohl vor allem gemeint, wenn Regisseur Michael von zur Mühlen von seiner Inszenierung als einem „Passionsspiel über den Kapitalismus“ spricht.
Kern und treibende Kraft dieser Aufführung ist die Weillsche Musik, die Christopher Sprenger mit der Staatskapelle Halle und dem erweiterten Chor der Oper Halle stilsicher, flott und mit immer wieder wechselnden Rhythmen präsentiert. Nicht ohne Grund trägt die Komposition den Untertitel „Songspiel“, und so nimmt mancher Zuhörer den Klang vom „Alabama Song“ gern mit auf den Heimweg. Ein gespaltenes Publikum entschließt sich sehr zögerlich zu einem sparsamen Schlussbeifall, der vor allem den Musikern und Sängern des Abends gilt. Längst nicht alle Zuschauer haben diesen Schluss abgewartet.
Horst Dichanz