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Mit Familienbetrieben kann sich die Stadt Bielefeld identifizieren. Schließlich sitzen hier – angeführt von einem Nahrungsmittel-Konzern – elf große Unternehmen in Familienhand. So ein Familienbetrieb ist nun die Basis für die Inszenierung von Maximilian von Mayenburg, der die heimliche Nationaloper Deutschlands, Webers Freischütz, in die Familienvilla des Unternehmers Kuno verlegt. Eigentlich bietet sich ja der Teutoburger Wald auf den ersten Blick wesentlich besser als Handlungsort an, aber schon während der Ouvertüre sieht man in alten Aufnahmen, wie Bäume gefällt werden, wie Explosionen die Natur erschüttern. Man sieht, wie Maschinen arbeiten, wie Kanonen gegossen werden. Wenn der Vorhang aufgeht, werden die Verhältnisse offengelegt: Der alte Firmenchef Kuno sitzt im Rollstuhl, neben ihm seine Tochter Agathe. Hinter ihm eine Dame, das Ännchen, im roten Kleid, ihre Hand in dieser feinen subtilen Kontrollgeste auf Kunos Schulter liegend. Auf jedem noch älteren Familienporträt ist diese Dame übrigens auch dabei. Das Modell „Schwarze Witwe“ bekommt hier einen wirklich teuflischen Charakterzug. Rechts und links, aber deutlich abgewandt, die beiden unglücklichen Ziehsöhne Kunos: Max, der an sich zweifelnde Schwiegersohn, und Kasper, der abergläubische, gezeichnete Ausgestoßene. Die wirklich gelungenen Kostüme von Gabriele Jaenecke sowie einige Radioeinspielungen verorten die Handlung dann deutlich an den Vorabend zum Zweiten Weltkrieg. Eine Zeit, die sich mit Ritualen und Volkstümlichkeit bestens verträgt.
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Wenn es einen Haken an Mayenburgs Inszenierung und der Dramaturgie von Jón Philipp von Linden gibt, dann sind es die kleinen Eingriffe in das Libretto und die Reibungen mit dem Text, wo zu oft von Natur die Rede ist, die nicht zu sehen ist. Denn über die drei Akte hinweg spielt die Oper in dem Saal von Kunos Villa, den ebenfalls Gabriele Jaenecke sehr detailliert entworfen hat. Das schöne Bild hat aber einen beachtlichen Makel: Dieses große Loch links am Rand, wo anscheinend irgendetwas im Keller explodiert ist, oder etwas oder jemand durch die Oberfläche gebrochen ist. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt und in der Wolfschlucht-Szene zeigt Mayenburg, dass ihm auch die metaphysische Ebene des Stückes wichtig ist. Wenn aus dem Loch gefallene Soldaten in den Saal hineinkriechen, dann wird es richtig schön schaurig. Zur Atmosphäre des Abends trägt auch enorm die Beleuchtung von Ralf Scholz bei.
Die vielen Details, mit der Mayenburg und sein Team konsequent und schlüssig eine Geschichte erzählen, kann man nicht aufzählen. Einer der größten Pluspunkte ist sicherlich, dass den Personen in einem scheinbar sehr schablonenhaften Gut-gegen-Böse-Plot differenzierte, ja sogar überraschende Charakterzüge verliehen werden. Allerdings wird schnell klar, dass unter diesen Umständen die Oper keinesfalls ein Happy End haben wird. Nur Agathe darf für einen Augenblick utopisch-träumend die Bodenhaftung verlieren, wenn sie auf einem Mond durch den Saal schwebt. Auch wenn es am Ende gelingt, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen, so lässt die SS-Uniform von Fürst Ottokar nichts Gutes erahnen und mit dem Eremiten mischt sich gar ein hohes Tier von der Gestapo ein. Der verbannte Max muss bleiben, denn mit dem Mann hat das System offensichtlich noch Pläne. Der Teufel lächelt zufrieden, das Geschäft mit dem Krieg geht weiter.
Diese Interpretation funktioniert auch deshalb so gut, weil in Bielefeld ein hauseigenes Ensemble die Verbindung zwischen Schauspiel und Oper herstellt. Das beginnt bei dem von Hagen Enke einstudierten Chor, der sich als Kunos Arbeiter und Dienerschaft im großartigen Dauereinsatz befindet. Im Sopran wünscht man sich die Höhe ein bisschen runder, die Herren als wildes Heer etwas kräftiger. Der Jägerchor gelingt dagegen vortrefflich. Nahezu dämonisch sind die vier Brautjungfern von Annika Brönstrup, Christine Enke-Mollnar, Orsolya Ercsényi und Franziska Hösli. Der Ohrwurm Schöner, grüner Jungfernkranz wird in einer nervenzerreibenden Dauerschleife zelebriert, während Agathe in ihre Korsage geschnürt wird. Frank Dolphin Wong als Ottokar und Moon Soo Park als Eremit ziehen stimmkräftig an einem Strang. Christian Oldenburg springt als Kilian zwei Tage vor der Premiere für den erkrankten Caio Monteiro ein und hat sich bestens in das auch für ihn umfangreiche Konzept eingearbeitet. Lutz Laible drückt als Kuno glaubhaft die Sorge um den Fortbestand von Familie und Firma aus.

Dem entfesselt aufsingenden Yoshiaki Kimura gelingt das Kunststück, aus dem oft eindimensional gezeigten Kasper eine zerrissene Gestalt zu formen. Melanie Kreuters Ännchen klingt passend zur Inszenierung nicht lieblich schön, sondern interpretiert die Rolle mit schneidenden Worten und einer fiesen Mimik. Daniel Pataky transportiert die Verzweiflung und Unsicherheit des Max, der sich technisch aber genau von der anderen Seite zeigt. Eine großartige Leistung des lyrischen Tenors, der sich in guter Verfassung präsentiert. Sarah Kuffner kann als Agathe auf ihre auf dem Körper sitzende Mittellage bauen, während sie in den Höhen noch etwas Respekt offenbart. Ihre in jeder Hinsicht gefühlvolle Interpretation, ihre weiten Legato-Bögen sind überzeugend und rollenkonform.
So gut die stimmliche Seite der Aufführung zu bewerten ist, so kommt das Wunder des Abends aus dem Graben. Schon wie sich der erste Akkord der Ouvertüre dunkel-ahnungsvoll aufbaut, kündigt an, in welcher Dimension die Bielefelder Philharmoniker den Abend bestreiten werden. So konzentriert, so sicher hat man die wunderbare Musik schon lange nicht mehr gehört. Alexander Kalajdzic wählt einen recht zügigen Zugang, der aber noch genügend Spielraum für die Sänger und die vielen Nuancen in den Instrumenten lässt. Wenn man schon beim Zupfen der Geigen aufhorchen muss, dann läuft irgendetwas richtig, richtig gut. Wem die Romantik auf der Bühne fehlt, der hört sie im Orchester in vielen Gesichtern. Mal eine sanfte Brise, mal ein wahrer Orkan und das perfekt abgestimmt mit der Bühne.
Dieser Freischütz ist ein neuer Höhepunkt in der Intendanz von Michael Heicks. Das Bielefelder Publikum weiß offensichtlich, dass es ganz klassisch und traditionell hier nicht zugehen wird. Anfangs hört man hier und da noch einige Gespräche, dann aber wird es merklich ruhiger. Die Spannung auf der Bühne greift über. Das Ende der Oper sorgt für Diskussionen, für Nachfragen beim Regisseur. Dass es aber keine offenen Widersprüche gegen die Inszenierung gibt, überrascht dann doch. Im Gegenteil: Auch das Regieteam bekommt einige deutliche Bravorufe ab, während der Applaus in der gleichen Intensität bleibt wie zuvor bei allen Musikern. Weidmanns Heil für die kommenden Vorstellungen!
Christoph Broermann