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Foto © Sarah Jonek

Das Geschäft mit dem Krieg

DER FREISCHÜTZ
(Carl Maria von Weber)

Besuch am
4. März 2017
(Premiere)

 

Theater Bielefeld

Mit Famili­en­be­trieben kann sich die Stadt Bielefeld identi­fi­zieren. Schließlich sitzen hier – angeführt von einem Nahrungs­mittel-Konzern – elf große Unter­nehmen in Famili­enhand. So ein Famili­en­be­trieb ist nun die Basis für die Insze­nierung von Maximilian von Mayenburg, der die heimliche Natio­naloper Deutsch­lands, Webers Freischütz, in die Famili­en­villa des Unter­nehmers Kuno verlegt. Eigentlich bietet sich ja der Teuto­burger Wald auf den ersten Blick wesentlich besser als Handlungsort an, aber schon während der Ouvertüre sieht man in alten Aufnahmen, wie Bäume gefällt werden, wie Explo­sionen die Natur erschüttern. Man sieht, wie Maschinen arbeiten, wie Kanonen gegossen werden. Wenn der Vorhang aufgeht, werden die Verhält­nisse offen­gelegt: Der alte Firmenchef Kuno sitzt im Rollstuhl, neben ihm seine Tochter Agathe. Hinter ihm eine Dame, das Ännchen, im roten Kleid, ihre Hand in dieser feinen subtilen Kontroll­geste auf Kunos Schulter liegend. Auf jedem noch älteren Famili­en­porträt ist diese Dame übrigens auch dabei. Das Modell „Schwarze Witwe“ bekommt hier einen wirklich teufli­schen Charak­terzug. Rechts und links, aber deutlich abgewandt, die beiden unglück­lichen Ziehsöhne Kunos: Max, der an sich zweifelnde Schwie­gersohn, und Kasper, der abergläu­bische, gezeichnete Ausge­stoßene. Die wirklich gelun­genen Kostüme von Gabriele Jaenecke sowie einige Radio­ein­spie­lungen verorten die Handlung dann deutlich an den Vorabend zum Zweiten Weltkrieg. Eine Zeit, die sich mit Ritualen und Volks­tüm­lichkeit bestens verträgt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Wenn es einen Haken an Mayen­burgs Insze­nierung und der Drama­turgie von Jón Philipp von Linden gibt, dann sind es die kleinen Eingriffe in das Libretto und die Reibungen mit dem Text, wo zu oft von Natur die Rede ist, die nicht zu sehen ist. Denn über die drei Akte hinweg spielt die Oper in dem Saal von Kunos Villa, den ebenfalls Gabriele Jaenecke sehr detail­liert entworfen hat. Das schöne Bild hat aber einen beacht­lichen Makel: Dieses große Loch links am Rand, wo anscheinend irgend­etwas im Keller explo­diert ist, oder etwas oder jemand durch die Oberfläche gebrochen ist. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt und in der Wolfschlucht-Szene zeigt Mayenburg, dass ihm auch die metaphy­sische Ebene des Stückes wichtig ist. Wenn aus dem Loch gefallene Soldaten in den Saal hinein­kriechen, dann wird es richtig schön schaurig. Zur Atmosphäre des Abends trägt auch enorm die Beleuchtung von Ralf Scholz bei.

Die vielen Details, mit der Mayenburg und sein Team konse­quent und schlüssig eine Geschichte erzählen, kann man nicht aufzählen. Einer der größten Pluspunkte ist sicherlich, dass den Personen in einem scheinbar sehr schablo­nen­haften Gut-gegen-Böse-Plot diffe­ren­zierte, ja sogar überra­schende Charak­terzüge verliehen werden. Aller­dings wird schnell klar, dass unter diesen Umständen die Oper keines­falls ein Happy End haben wird. Nur Agathe darf für einen Augen­blick utopisch-träumend die Boden­haftung verlieren, wenn sie auf einem Mond durch den Saal schwebt. Auch wenn es am Ende gelingt, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen, so lässt die SS-Uniform von Fürst Ottokar nichts Gutes erahnen und mit dem Eremiten mischt sich gar ein hohes Tier von der Gestapo ein. Der verbannte Max muss bleiben, denn mit dem Mann hat das System offen­sichtlich noch Pläne. Der Teufel lächelt zufrieden, das Geschäft mit dem Krieg geht weiter.

Diese Inter­pre­tation funktio­niert auch deshalb so gut, weil in Bielefeld ein hausei­genes Ensemble die Verbindung zwischen Schau­spiel und Oper herstellt. Das beginnt bei dem von Hagen Enke einstu­dierten Chor, der sich als Kunos Arbeiter und Diener­schaft im großar­tigen Dauer­einsatz befindet. Im Sopran wünscht man sich die Höhe ein bisschen runder, die Herren als wildes Heer etwas kräftiger. Der Jägerchor gelingt dagegen vortrefflich. Nahezu dämonisch sind die vier Braut­jungfern von Annika Brönstrup, Christine Enke-Mollnar, Orsolya Ercsényi und Franziska Hösli. Der Ohrwurm Schöner, grüner Jungfern­kranz wird in einer nerven­zer­rei­benden Dauer­schleife zelebriert, während Agathe in ihre Korsage geschnürt wird. Frank Dolphin Wong als Ottokar und Moon Soo Park als Eremit ziehen stimm­kräftig an einem Strang. Christian Oldenburg springt als Kilian zwei Tage vor der Premiere für den erkrankten Caio Monteiro ein und hat sich bestens in das auch für ihn umfang­reiche Konzept einge­ar­beitet. Lutz Laible drückt als Kuno glaubhaft die Sorge um den Fortbe­stand von Familie und Firma aus.

Foto © Sarah Jonek

Dem entfesselt aufsin­genden Yoshiaki Kimura gelingt das Kunst­stück, aus dem oft eindi­men­sional gezeigten Kasper eine zerrissene Gestalt zu formen. Melanie Kreuters Ännchen klingt passend zur Insze­nierung nicht lieblich schön, sondern inter­pre­tiert die Rolle mit schnei­denden Worten und einer fiesen Mimik. Daniel Pataky trans­por­tiert die Verzweiflung und Unsicherheit des Max, der sich technisch aber genau von der anderen Seite zeigt. Eine großartige Leistung des lyrischen Tenors, der sich in guter Verfassung präsen­tiert. Sarah Kuffner kann als Agathe auf ihre auf dem Körper sitzende Mittellage bauen, während sie in den Höhen noch etwas Respekt offenbart. Ihre in jeder Hinsicht gefühl­volle Inter­pre­tation, ihre weiten Legato-Bögen sind überzeugend und rollenkonform.

So gut die stimm­liche Seite der Aufführung zu bewerten ist, so kommt das Wunder des Abends aus dem Graben. Schon wie sich der erste Akkord der Ouvertüre dunkel-ahnungsvoll aufbaut, kündigt an, in welcher Dimension die Biele­felder Philhar­mo­niker den Abend bestreiten werden. So konzen­triert, so sicher hat man die wunderbare Musik schon lange nicht mehr gehört. Alexander Kalajdzic wählt einen recht zügigen Zugang, der aber noch genügend Spielraum für die Sänger und die vielen Nuancen in den Instru­menten lässt. Wenn man schon beim Zupfen der Geigen aufhorchen muss, dann läuft irgend­etwas richtig, richtig gut. Wem die Romantik auf der Bühne fehlt, der hört sie im Orchester in vielen Gesichtern. Mal eine sanfte Brise, mal ein wahrer Orkan und das perfekt abgestimmt mit der Bühne.

Dieser Freischütz ist ein neuer Höhepunkt in der Intendanz von Michael Heicks. Das Biele­felder Publikum weiß offen­sichtlich, dass es ganz klassisch und tradi­tionell hier nicht zugehen wird. Anfangs hört man hier und da noch einige Gespräche, dann aber wird es merklich ruhiger. Die Spannung auf der Bühne greift über. Das Ende der Oper sorgt für Diskus­sionen, für Nachfragen beim Regisseur. Dass es aber keine offenen Wider­sprüche gegen die Insze­nierung gibt, überrascht dann doch. Im Gegenteil: Auch das Regieteam bekommt einige deutliche Bravorufe ab, während der Applaus in der gleichen Inten­sität bleibt wie zuvor bei allen Musikern. Weidmanns Heil für die kommenden Vorstellungen!

Christoph Broermann

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