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Foto © Ida Zenna

Spiel mit dem Bösen

DER FREISCHÜTZ
(Carl Maria von Weber)

Besuch am
4. März 2017
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Der Freischütz hat seine Wurzeln in Leipzig. 1810 erschien hier die gleich­namige Novelle von August Apel, der mit dem späteren Libret­tisten der Oper, Johann Friedrich Kind, die Leipziger Thomas­schule besuchte. 1816 lernte Kind dann den Kompo­nisten Carl Maria von Weber kennen, und der Grund­stein für die erste große deutsche roman­tische Oper wurde gelegt. In dem Werk, das 1821 mit großem Erfolg urauf­ge­führt wurde, manifes­tieren sich die Ängste und Sehnsüchte einer ganzen Generation. Ursprünglich war die Geschichte in der Zeit nach dem Dreißig­jäh­rigen Krieg angelegt. Geplant war die Urauf­führung jedoch für die Zeit nach der Völker­schlacht, doch die damalige Zensur verhin­derte das.

In der Neuin­sze­nierung an der Oper Leipzig verortet Regisseur Christian von Götz die Geschichte um den Jägers­bur­schen Max, seiner Verlobten Agathe und den unheim­lichen Kaspar in das Jahr 1919, also kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die Folgen nach einem langen Krieg sind für den Regisseur ein emotio­naler, geistiger und mensch­licher Kahlschlag. Es ist eine Welt, in der Aberglaube und mensch­liche Abgründe und Schreck­lich­keiten möglich sind. Von Götz stellt Ängste und Aberglauben der Figuren in den Vorder­grund, die sich in ihrem Handeln vom Glauben an Gott und Teufel beein­flussen lassen. Er beschreibt eine bürger­liche Gesell­schaft mit bürger­lichen Idealen, unter deren Dekoration das Grauen lauert. Eine Gesell­schaft, die durch den Einbruch des Aberglaubens und der Angst vor dem Bösen einen Rückschritt erleidet. Die Romantik des Freischütz wird auf verschie­denen Ebenen betont: In der Natur­ro­mantik des Jäger­lebens, der Liebes­ro­mantik zwischen Agathe und Max und der Schau­er­ro­mantik der Samiel-Handlung, dabei ist dem Regisseur ein ausge­wo­genes Verhältnis von märchen­hafter Zauberei und kriti­schen Gesell­schafts­bildern wichtig.

Und so übersetzt von Götz die Geschichte in einen magischen Realismus, deren psycho­lo­gisch realis­tische Sequenzen durch magische Dinge unter­wandert werden. Vor dem vermeintlich glück­lichen Ausgang der unheim­lichen Geschichte über Versa­gens­ängste, gesell­schaft­liche Zwänge und indivi­duelle Glücks­an­sprüche tun sich Abgründe auf, und die Macht des Bösen scheint zu triumphieren.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie   
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Da ist Max, von dessen tradi­tio­nellem Probe­schuss seine ganze bürger­liche Existenz und sein Liebes­glück abhängen und der den allei­nigen Ausweg im Pakt mit dem Teufel sieht. Von Götz charak­te­ri­siert ihn als bipolare Persön­lichkeit, ein Außen­seiter und Grenz­gänger, der kein helden­hafter Jägers­bursche ist, sondern ein gehemmter, verängs­tigter, ja fast paranoid wirkender Einzel­gänger. Den Pakt mit dem Teufel hat Kaspar längst geschlossen, desil­lu­sio­niert und trauma­ti­siert von Lebens­er­fah­rungen und Kriegs­er­leb­nissen, die einen jungen Menschen überfordern müssen. Und auch die Max verspro­chene Agathe muss ebenso wie ihr Bräutigam mit der bangen Frage leben: „Verfiel ich in des Zufalls Hand?“ Daher versucht auch sie verzweifelt, sich nicht völlig den Irrungen und Wirrungen des Schicksals ausge­liefert zu sehen. Sie scheint die einzige zu sein, die realis­tisch die Situation erfasst und Stärke aus ihrem unerschüt­ter­lichen Glauben zieht, während Ännchen mit ihrer naiven, aber stets optimis­ti­schen Stimmung den Kontra­punkt setzt. Im Mittel­punkt der Insze­nierung aber steht Samiel, der Teufel, stets auf der Suche nach neuen Opfern, neuen Seelen. Darge­stellt durch die grandiose Schau­spie­lerin und Choreo­grafin Verena Hierholzer, die als Samiel omnipräsent ist, die Fäden zieht, Kasper und Max für sich einnimmt, aber am Schluss gegen die Macht der geweihten Rosen den Kürzeren ziehen muss. Das Spiel mit dem Bösen, vielleicht auch das Spiel mit dem Weiblichen im Bösen, macht den beson­deren Reiz dieser Insze­nierung aus, auch die Angst des Mannes vor dem Weiblichen. Samiel ist ein weiblicher Dämon, der vor allem den Wahnvor­stel­lungen eines kaputten Kaspars entspringt, aber für die anderen nicht sichtbar ist. Immer wieder lässt von Götz die Szene einfrieren, nur Samiel, Kaspar und Max scheinen wie in einer anderen Welt zu existieren.

Dem Regisseur gelingt es mit einem unglaub­lichen Feingefühl, die einzelnen Charaktere in ihrer Tiefe heraus­zu­ar­beiten und so ein Psycho­gramm seeli­scher und morali­scher Abgründe aufzutun. Unter­stützt wird das Regie­konzept kongenial durch das Bühnenbild von Dieter Richter, der die Drehbühne nutzt und die Szenerie auf zwei Ebenen spielen lässt. Da ist einmal das Jagdhaus, ungemütlich und kalt, wie ein großer Gasthof, wo die Burschen nach dem langen Krieg endlich wieder feiern können, und gleich­zeitig Setting für die große Szene in der Wolfs­schlucht, die wiederum als magischer Realismus gezeigt wird. Und da ist als Kontra­punkt Agathes große Kammer im Jugendstil, mit einem Bett als einziges Requisit in der Mitte. Die Schlichtheit einer­seits, aber die Ausdrucks­stärke und die Größe dieser zwei Bilder machen das Bühnenbild zu einem Faszi­nosum, das durch die schau­erlich-schöne Licht­regie von Michael Münster besonders gut zur Geltung kommt. Die Kostüme von Jessica Karge zeigen einen typischen Landhausstil mit dunklen Jäger­trachten und langen Kleidern, die der Szenerie einen roman­tisch ländlichen Realismus zu Beginn des 20. Jahrhun­derts verleiht.

Foto © Ida Zenna

Die Sänger­dar­steller veredeln die starke Insze­nierung, da sie dem Regie­konzept unein­ge­schränkt folgen und teilweise Seelen­pro­sti­tution betreiben. Thomas Mohr, dem Leipziger Publikum durch seine großar­tigen Vorstel­lungen als Loge und Götter­däm­me­rungs-Siegfried hinlänglich bekannt, zeigt mit der Partie des Max eine weitere Facette seines Könnens. Aus dem Bariton-Fach kommend, hat er die Tiefen für diese Partie, um auch das Schwarze, das Dämonische heraus­zu­stellen. Gleich­zeitig hat er aber die strah­lende Höhe eines Helden­tenors, um auch die drama­ti­schen Ausbrüche in der großen Arie zu stemmen, ohne dabei auch nur einen Hauch zu wackeln. Die große Arie des Max, jeder Liebhaber dieses Werkes hat sie im Kopf, gesungen von den größten Tenören des letzten Jahrhun­derts. Mohr muss diesen Vergleich nicht scheuen. Doch spiele­risch ist Mohr nicht der jugend­liche Drauf­gänger, mehr der zurück­hal­tende kopfge­steuerte Analy­tiker, was sein Spiel manchmal etwas schwer­fällig erscheinen lässt. Kongenial sein Widerpart Tuomas Pursio als Kaspar. Mit unbän­diger Kraft tritt er auf, versprüht eine dämonische Aura um sich, und leidet so tief in dieser Rolle, dass man in der Wolfs­schlucht-Szene fast  Angst um ihn bekommt. Sein Bass-Bariton, als Wotan gereift, hat die richtige Schwärze und Ausdrucks­kraft, die diese Partie abver­langt. Ganz klar die Ideal­be­setzung der Rolle.

Gal James gibt die Agathe mehr träume­risch, schwer­mütig, und überzeugt vor allem mit zarten Piano-Tönen in ihrer großen Arie, während sie spiele­risch insgesamt etwas blass bleibt. Ganz anders das Ännchen von Magdalena Hinterd­obler, die vor Energie und Spielwitz nur so sprüht und mit ihrem schlanken Sopran beim Publikum groß abräumt. Runi Bratta­bergs später Auftritt als Eremit ist wie ein Erdbeben. Schon seine dominante physische Ausstrahlung ist bezeichnend, und sein dröhnender schwarzer Bass macht die Eremi­ten­szene zu einem beson­deren musika­li­schen Ereignis. Jonathan Mitchie gibt den Ottokar mit aristo­kra­ti­scher Noblesse und Arroganz, während Jürgen Kurth als Kuno und Patrick Vogel als Kilian das großartige Sänger­ensemble abrunden.

Der Chor der Oper Leipzig, der in zwei Wochen seinen 200. Geburtstag feiern wird, hat mit seinen großen Szenen schon mal einen Vorge­schmack auf das große Festkonzert gegeben. Voller Spielwitz und Engagement, im Jägerchor am Anfang etwas zu schnell, aber ansonsten sehr diffe­ren­ziert gesungen und mit viel Spielwitz agiert. Alexander Stessin hat hier exzellent einstu­diert. Die vier Solis­tinnen des Chores, die die Braut­jungfern singen, bewäl­tigen die so scheinbar leichte Aufgabe großartig, deshalb ein Extralob für Katrin Bräunlich, Estelle Haussner, Eliza Rudnicka und Teresa Maria Winkler.

Wieder einmal heraus­ragend an diesem Abend das Gewand­haus­or­chester und mit ihm Kapell­meister Christoph Gedschold, der mit seiner ersten großen Eigen­pro­duktion an der Oper Leipzig zu Recht vom Publikum bejubelt wird. Schon die ersten Töne der Ouvertüre, langge­zogen und düster, lassen das Unheil ahnen, das da kommen wird. Die Leitmotive, soweit man sie so bezeichnen darf, werden dominant heraus­ge­ar­beitet, und das Tempo erscheint langsam, dafür intensiv und atemraubend. Gedschold geht nicht oberflächlich über die Partitur drüber, sondern wühlt in den dunklen Tiefen und betont die Dämonie der Noten. Dabei ist sein Schlag präzise, sein Dirigat sänger­freundlich und unprätentiös.

Das Publikum spendet großen Applaus, besonders umjubelt werden Tuomas Pursio und Magdalena Hinterd­obler sowie Christoph Gedschold, während das Regieteam lediglich mit freund­lichem Applaus bedacht wird. Schade eigentlich, nach diesem Meister­stück dürfte der Jubel ruhig etwas stärker und länger ausfallen. Der Leipziger Freischütz reiht sich nahtlos ein in die Erfolgs­ge­schichte der Intendanz von Ulf Schirmer und dürfte das Zeug zu einem Dauer­brenner haben.

Andreas H. Hölscher

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