O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Handlung ohne Handlung

TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)

Besuch am
4. März 2017
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier,
Gelsenkirchen

Was Ensem­b­le­pflege und geist­reiche Programm­po­litik angeht, zählt das Musik­theater im Revier zu den stärksten Häusern der theater­reichen Region. Nach Raritäten wie Weinbergs Die Passa­gierin oder Nino Rotas Floren­tiner Hut ist es legitim, auch ein Schwer­ge­wicht wie Richard Wagners Liebes-Elegie Tristan und Isolde auf den Spielplan zu setzen, auch wenn es sich mit eigenen Kräften nicht stemmen lässt.

Hier zu sparen, wäre der falsche Weg. Und damit geht die Verpflichtung renom­mierter Gast-Stars wie Torsten Kerl und Catherine Foster für die Titel­partien auch an Ensem­ble­theatern wie der Gelsen­kir­chener Oper völlig in Ordnung. Die Bayreuth-erfah­renen Kräfte stehen Intendant Michael Schulz zwar nur für die ersten drei Auffüh­rungen zur Verfügung, aber mit Richard Siegel und Yamina Maamar dürfte sich auch die „Zweit­be­setzung“ hören lassen können.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Doch in der Premiere setzen zunächst Catherine Foster und der gebürtige Gelsen­kir­chener Torsten Kerl die vokalen Glanz­lichter der Neuin­sze­nierung, die Hausherr Michael Schulz höchst­per­sönlich besorgte. Proble­ma­tisch wird Schulz‘ Konzept, wenn es zu einseitig auf die Anzie­hungs­kraft und unbestrittene Qualität von Gästen ausge­richtet wird. Damit stellt sich die Frage, was von der Gelsen­kir­chener Produktion jenseits der grandiosen Leistungen der beiden Titel­helden haften bleiben dürfte. Außer der empha­ti­schen und stimm­starken Almuth Herbst als Brangäne nicht allzu viel. Urban Malmberg singt den Kurwenal kulti­viert, aber auch sehr zahm und Philip Ens hinter­lässt mit seinem arg brüchig klingenden König Marke wenig Eindruck. Von den ganz kleinen Partien ganz zu schweigen.

Auch Rasmus Baumann und die Neue Philhar­monie Westfalen können mit ihrer Mammut­aufgabe – noch – nicht restlos überzeugen. Etliche orches­trale Ungenau­ig­keiten werden sich im Verlauf der nächsten Auffüh­rungen gewiss begra­digen lassen. Und vielleicht findet auch noch GMD Baumann mit seinen Tempi zu einer ausge­wo­ge­neren Balance zwischen Still­stand und Hektik. Den drama­ti­schen Höhepunkten und Steige­rungen fehlt es nicht an nötigem Feuer. In den zarteren Passagen, angefangen mit dem zähen, durch überlange General­pausen zerris­senen Beginn des Vorspiels, verliert die Musik jedoch immer wieder ihren natür­lichen Fluss.

Somit geben Kerl und Foster eindeutig, im Grunde zu eindeutig, den Ton an. Darauf verlässt sich auch Schulz in seiner Insze­nierung, die von, gelinde gesagt, dezenter Zurück­haltung geprägt ist. Wagners handlungsarme „Handlung in drei Aufzügen“ deutet er als Seelen­schau und verzichtet wohlweislich auf aufge­setzten drama­ti­schen oder konzep­tio­nellen Klamauk. Schulz vertraut der Partitur. Dafür müssen wir uns mit etlichem Still­stand auf der Bühne begnügen, was angesichts des vokalen Niveaus der Stars kein Nachteil sein muss.

Foto © Pedro Malinowski

Inter­essant, dass Schulz die Frauen erheblich prägnanter charak­te­ri­siert als die Männer. Die kochende Wut Isoldes im ersten Akt wird genauso deutlich wie ihre Hingabe in den folgenden Aufzügen. Auch die Bedeutung Brangänes, die die Katastrophe schließlich entscheidend fördert, findet ihren Nieder­schlag. Mit den Männern kann Schulz offen­sichtlich erheblich weniger anfangen. Nicht nur die Rolle Kurwenals bleibt völlig rätselhaft. Zugegeben: Torsten Kerl als Tristan ist kein Bewegungs­wunder und die passive Zurück­haltung, die im ersten Akt noch vertretbar ist, müsste sich im Verlauf des Liebes­duetts verlieren. Keine schlechte Idee deshalb, die Sänger das Duett am Bühnenrand ungestört aussingen zu lassen, während zwei Statisten das Liebes­spiel im Bett zelebrieren. Aber auch eine proble­ma­tische Lösung: Kommt es denn im irdischen Leben tatsächlich zum sexuellen Vollzug? Oder gewinnt das Stück nicht dadurch seine vibrie­rende Spannung, indem die Erfüllung einer höheren, „transzen­dierten“ Existenz einem Land vorbe­halten bleibt, in dem „der Sonne Licht nicht scheint“: also dem Reich des Todes? Dass die Spannungs­kurve im dritten Akt dennoch nicht abreißt, dafür sorgt der beein­dru­ckende Auftritt Kerls, der den mörde­ri­schen Riesen-Monolog intensiv und stimmlich brillant gestaltet. Ein Höhepunkt, den Catherine Foster mit ihrem kongenial präsen­tierten Liebestod noch veredelt.

Eine Insze­nierung, die viele Fragen offen­lässt und zu deren Lösung Bühnen­bild­nerin Kathrin-Susann Brose nur auf den ersten Blick wenig beiträgt. So fein Schulz die Personen führt, so subtil setzt sie optische Signale. Sie zeigt eine zweige­teilte Welt auf, die im ersten Akt noch unspek­ta­kuläre Assozia­tionen an Schiff­decks weckt. Im zweiten Akt irren Tristan und Isolde durch eine Art Spiegel­ka­binett auf der Suche nach sich selbst und dem Partner, wobei sie immer wieder an Grenzen stoßen. Eine schlichte schwarze Wand trennt im dritten Akt die düstere Welt der Realität von einem strah­lenden Jenseits, das zeitweise sichtbar wird, wenn sich die Wand spalt­weise öffnet. Im Glanz dieses Lichts, das Tristans Vorstellung vom Toten­reich als Land ohne Sonne widerlegt, glänzt Isolde mit ihrem ergrei­fenden Schlussgesang.

Insgesamt ein beacht­licher Kraftakt für ein mittleres Haus mit hohem Diskus­si­onswert. Indis­ku­tabel aller­dings, wenn einige „Opern­freunde“ nicht einmal den zarten Schluss­akkord abwarten können, um applau­dieren zu müssen. Der Beifall des Premieren-Publikums fällt nahezu einhellig begeistert aus. Einige wenige Buh-Rufe richten sich gegen das szenische Team, das gegen die zeitgleiche Wieder­auf­nahme der fast legen­dären Insze­nierung von Barrie Kosky in der Nachbar­stadt Essen keinen leichten Stand haben dürfte.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: