O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Altbacken

THE FALL OF THE HOUSE OF USHER
(Philipp Glass)

Besuch am
10. März 2017
(Premiere)

 

Theater Koblenz

Das Theater Koblenz fragt mit einer Doppel­pre­miere nach den seeli­schen Zwängen, Ängsten und Projek­tionen, von denen die mensch­liche Psyche bestimmt wird. Mit The Fall of the House of Usher erweist das Haus zugleich Philip Glass wenige Wochen nach dessen 80. Geburtstag die Referenz. Ergänzend steht am Folgetag die deutsche Erstauf­führung von Sören Nils Eichbergs Kammeroper Glare auf dem Programm.

Die 1988 urauf­ge­führte musika­lische Drama­ti­sierung der Poeschen Kurzge­schichte um die inzes­tuöse, todge­weihte Liebe der Zwillinge Roderick und Madeline Usher verknüpft zentrale Motive der Schau­er­ro­mantik womöglich noch dichter als die litera­rische Vorlage: körperlich- seelische Auszehrung, morbiden Eros; eine schöne junge Frau, die sich aus dem Grab erhebt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Glass, der im Kalen­darium seiner Website akribisch jede Aufführung seiner Werke selbst an entle­gensten Orten regis­triert, scheint die Koblenzer Hommage entgangen zu sein.  Für die szenische Seite der Produktion ist das kaum zu bedauern.
Wenn ihr eines zu beschei­nigen ist, dann Vollstän­digkeit: Kein schwarz­ro­man­ti­sches Klischee wird ausge­lassen. Weder blutleerer Teint und tiefge­rändert-irre Blicke noch langsträhnige Männer­mähnen, weder Fetisch­püppchen noch drohend-überle­bens­große Silhou­etten, nicht zu vergessen Aufbahrung und obliga­to­ri­scher Leichenzug. Wen nach der Aufzählung weiterer Ingre­di­enzien verlangt, möge sich antiqua­risch orien­tieren und in Katalogen der Gothic-Szene aus den 80-er und 90-er Jahren des 20. Jahrhun­derts blättern. Kein Zweifel, die Glass- Oper wird spukig, brav und bieder als ein Produkt eben jener Zeit illustriert.

Waltraud Lehners Regie umreißt die Personen kaum im Ansatz. Zwar agieren die Figuren gestisch aufgeregt, fortwäh­rendes Outrieren entschädigt aller­dings keines­falls für die psycho­pa­tho­lo­gische Fallstudie, zu der die Oper doch Anlass bietet. Nicht selten stellt sich unfrei­willige Komik ein. Wenn William im wüsten Traum von rotpe­rückten Madeline-Klonen bedrängt wird, lässt sich über den harmlosen Verfüh­rungs­versuch noch müde lächeln. Wirft dann aber der über den Tod der Schwester erboste Roderick mit einem Spaghetti-Teller durchs gotische Gemäuer, driftet die Produktion in Trash-Zonen ab. Zudem fragt man sich, weshalb die Regis­seurin die hochero­tisch-inzes­tuöse Szene, in der Roderick der Zwillings­schwester zärtlich das Haar kämmt, an die Video­ab­teilung abtritt. Live ausge­spielt, böte sich beste Gelegenheit, dem Publikum kalte Schauder über den Rücken zu jagen. Für die szenische Umsetzung der Aktschlüsse verweigert die Regie entweder Lösungs­an­sätze oder lässt sie verpuffen: Das erste Finale sugge­riert dem ratlosen Publikum eine unfrei­willige Umbau­pause, das zweite wirkt unkon­zen­triert. Rodericks Abgang scheint eine Proben­si­tuation wieder­zu­geben, bei der Ensemble und Beleuchtung noch nicht so recht wissen, worauf die Regie hinaus möchte.

Foto © Matthias Baus

Das Bühnenbild Ulrich Fromm­holds arbeitet der Spiel­leitung nach Kräften zu. Mit Spitz­bo­gen­türen und Maßwerk­fenstern wird gotisiert, was das Zeug hält. Zu allem Überfluss krönt Frommhold die Räumlich­keiten auch noch mit Stummelzinnen. Hätte der Bühnen­bildner nur mehr Aufmerk­samkeit darauf verwandt, die von ihm offenbar weiträumig konzi­pierte Schloss­halle auch so erscheinen zu lassen. Daran aber hindern ihn die beschei­denen Maße der von ihm munter traktierten Drehbühne, der durchaus bekommen wäre, weniger exzessiv genutzt zu werden.

Katherina Kopps langschößig schwarze Fräcke und wie aus der Boutique für Gothic-Affine stammende Damen­gar­derobe bedienen die von Regie und Bühnenbild aufge­tischten Stereotype.

Die von Georg Lendorff verant­wor­teten Videos illus­trieren die Bühnen­vor­gänge mit meist grafi­schen Mitteln, tragen aber zur atmosphä­ri­schen Verdichtung nicht bei.

Das Ensemble zeigt sich durchweg spiel­freudig. Dennoch versöhnen einzig die musika­li­schen Meriten mit einer Produktion, die szenisch bereits am Premie­ren­abend zu verstauben droht.

Juraj Hollý besitzt für den sich seelisch zermar­ternden Schloss­herrn Roderick Usher das richtige tenorale Timbre: schlank, aber nicht dünn und warm gefärbt. Für die entschei­denden Augen­blicke wäre Hollý stärkere Durch­schlags­kraft zu wünschen. Der William von Nico Wouterse nimmt mit trefflich sitzendem, saalfül­lendem und exzellent fokus­siertem, bassba­ri­to­nalem Wagner-Organ für sich ein. Die wortlosen Vokalisen Madelines sind bei Ella Tyran bestens aufge­hoben. Die Tongebung ist eindringlich, mitunter leiden­schaftlich, dabei aber nie scharf, sondern durchweg gerundet. Von den comprimari beein­druckt der satte Bass des Dieners von Jongmin Lim. Junho Lee als Arzt singt rollendeckend.

Ganz eigene Qualität kommt dem Dirigat von Leslie Suganan­darajah zu. Unter seiner Leitung bietet das Staats­or­chester Rheinische Philhar­monie weniger das für Glass übliche meditative perpetuum mobile, sondern glut- und blutvolle Theater­musik. Glass mit Verve! Ein seltener Fall. Die bisweilen etwas überreizte Lautstärke wird in den Folge­auf­füh­rungen sicher reduziert, ebenso wird das Klangbild an Durch­hör­barkeit gewinnen. Der inter­pre­ta­to­rische Ansatz aber ist eine Klasse für sich.

Das Premie­ren­pu­blikum im ausver­kauften Haus applau­diert insgesamt wohlmeinend, den musika­li­schen Akteuren sogar herzlich. Dennoch stellt sich die Frage, wen diese museal anmutende Produktion künftig gewinnen kann: Mögli­cher­weise in die Jahre gekommene Gothic-Anhänger, die das szenische Retro-Ambiente an Zeiten erinnert, als man in wohliger Schwermut mitter­nächtlich auf Gruften und Grabsteinen hockte.

Michael Kaminski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: