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Das Theater Koblenz fragt mit einer Doppelpremiere nach den seelischen Zwängen, Ängsten und Projektionen, von denen die menschliche Psyche bestimmt wird. Mit The Fall of the House of Usher erweist das Haus zugleich Philip Glass wenige Wochen nach dessen 80. Geburtstag die Referenz. Ergänzend steht am Folgetag die deutsche Erstaufführung von Sören Nils Eichbergs Kammeroper Glare auf dem Programm.
Die 1988 uraufgeführte musikalische Dramatisierung der Poeschen Kurzgeschichte um die inzestuöse, todgeweihte Liebe der Zwillinge Roderick und Madeline Usher verknüpft zentrale Motive der Schauerromantik womöglich noch dichter als die literarische Vorlage: körperlich- seelische Auszehrung, morbiden Eros; eine schöne junge Frau, die sich aus dem Grab erhebt.
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Glass, der im Kalendarium seiner Website akribisch jede Aufführung seiner Werke selbst an entlegensten Orten registriert, scheint die Koblenzer Hommage entgangen zu sein. Für die szenische Seite der Produktion ist das kaum zu bedauern.
Wenn ihr eines zu bescheinigen ist, dann Vollständigkeit: Kein schwarzromantisches Klischee wird ausgelassen. Weder blutleerer Teint und tiefgerändert-irre Blicke noch langsträhnige Männermähnen, weder Fetischpüppchen noch drohend-überlebensgroße Silhouetten, nicht zu vergessen Aufbahrung und obligatorischer Leichenzug. Wen nach der Aufzählung weiterer Ingredienzien verlangt, möge sich antiquarisch orientieren und in Katalogen der Gothic-Szene aus den 80-er und 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts blättern. Kein Zweifel, die Glass- Oper wird spukig, brav und bieder als ein Produkt eben jener Zeit illustriert.
Waltraud Lehners Regie umreißt die Personen kaum im Ansatz. Zwar agieren die Figuren gestisch aufgeregt, fortwährendes Outrieren entschädigt allerdings keinesfalls für die psychopathologische Fallstudie, zu der die Oper doch Anlass bietet. Nicht selten stellt sich unfreiwillige Komik ein. Wenn William im wüsten Traum von rotperückten Madeline-Klonen bedrängt wird, lässt sich über den harmlosen Verführungsversuch noch müde lächeln. Wirft dann aber der über den Tod der Schwester erboste Roderick mit einem Spaghetti-Teller durchs gotische Gemäuer, driftet die Produktion in Trash-Zonen ab. Zudem fragt man sich, weshalb die Regisseurin die hocherotisch-inzestuöse Szene, in der Roderick der Zwillingsschwester zärtlich das Haar kämmt, an die Videoabteilung abtritt. Live ausgespielt, böte sich beste Gelegenheit, dem Publikum kalte Schauder über den Rücken zu jagen. Für die szenische Umsetzung der Aktschlüsse verweigert die Regie entweder Lösungsansätze oder lässt sie verpuffen: Das erste Finale suggeriert dem ratlosen Publikum eine unfreiwillige Umbaupause, das zweite wirkt unkonzentriert. Rodericks Abgang scheint eine Probensituation wiederzugeben, bei der Ensemble und Beleuchtung noch nicht so recht wissen, worauf die Regie hinaus möchte.

Das Bühnenbild Ulrich Frommholds arbeitet der Spielleitung nach Kräften zu. Mit Spitzbogentüren und Maßwerkfenstern wird gotisiert, was das Zeug hält. Zu allem Überfluss krönt Frommhold die Räumlichkeiten auch noch mit Stummelzinnen. Hätte der Bühnenbildner nur mehr Aufmerksamkeit darauf verwandt, die von ihm offenbar weiträumig konzipierte Schlosshalle auch so erscheinen zu lassen. Daran aber hindern ihn die bescheidenen Maße der von ihm munter traktierten Drehbühne, der durchaus bekommen wäre, weniger exzessiv genutzt zu werden.
Katherina Kopps langschößig schwarze Fräcke und wie aus der Boutique für Gothic-Affine stammende Damengarderobe bedienen die von Regie und Bühnenbild aufgetischten Stereotype.
Die von Georg Lendorff verantworteten Videos illustrieren die Bühnenvorgänge mit meist grafischen Mitteln, tragen aber zur atmosphärischen Verdichtung nicht bei.
Das Ensemble zeigt sich durchweg spielfreudig. Dennoch versöhnen einzig die musikalischen Meriten mit einer Produktion, die szenisch bereits am Premierenabend zu verstauben droht.
Juraj Hollý besitzt für den sich seelisch zermarternden Schlossherrn Roderick Usher das richtige tenorale Timbre: schlank, aber nicht dünn und warm gefärbt. Für die entscheidenden Augenblicke wäre Hollý stärkere Durchschlagskraft zu wünschen. Der William von Nico Wouterse nimmt mit trefflich sitzendem, saalfüllendem und exzellent fokussiertem, bassbaritonalem Wagner-Organ für sich ein. Die wortlosen Vokalisen Madelines sind bei Ella Tyran bestens aufgehoben. Die Tongebung ist eindringlich, mitunter leidenschaftlich, dabei aber nie scharf, sondern durchweg gerundet. Von den comprimari beeindruckt der satte Bass des Dieners von Jongmin Lim. Junho Lee als Arzt singt rollendeckend.
Ganz eigene Qualität kommt dem Dirigat von Leslie Suganandarajah zu. Unter seiner Leitung bietet das Staatsorchester Rheinische Philharmonie weniger das für Glass übliche meditative perpetuum mobile, sondern glut- und blutvolle Theatermusik. Glass mit Verve! Ein seltener Fall. Die bisweilen etwas überreizte Lautstärke wird in den Folgeaufführungen sicher reduziert, ebenso wird das Klangbild an Durchhörbarkeit gewinnen. Der interpretatorische Ansatz aber ist eine Klasse für sich.
Das Premierenpublikum im ausverkauften Haus applaudiert insgesamt wohlmeinend, den musikalischen Akteuren sogar herzlich. Dennoch stellt sich die Frage, wen diese museal anmutende Produktion künftig gewinnen kann: Möglicherweise in die Jahre gekommene Gothic-Anhänger, die das szenische Retro-Ambiente an Zeiten erinnert, als man in wohliger Schwermut mitternächtlich auf Gruften und Grabsteinen hockte.
Michael Kaminski