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Nach der Premiere von Philip Glass‘ The Fall of the House of Usher am Vorabend lässt die deutsche Erstaufführung von Sören Nils Eichbergs Kammeroper Glare das Koblenzer Publikum erneut in seelische Abgründe blicken. Die am Premierenabend zum Teil lichten Reihen in Parkett und Rängen verwundern angesichts des packenden Werks und seiner vollständig gelungenen musikalischen Realisierung.
Glare ist Sören Nils Eichbergs zweite Oper. Das Libretto schrieb Hannah Dübgen. Die Uraufführung des etwa 80-minütigen Stücks fand am 15. November 2014 im Linbury Theatre, der Studiobühne des Londoner Royal Opera House, statt.
Die Handlung: Alexander und die an Schönheit und partnerschaftlicher Empathie vollkommene Lea sind ein Paar. Doch Alexanders abgefeimter Freund Michael enthüllt ihm, Lea sei androides Produkt aus dem Zukunftslaboratorium, in dem er arbeite. Die Situation kippt. Künftig sieht Alexander in Lea den bloßen, auf seine Bedürfnisse programmierten Automaten. Allein deshalb sei sie unfähig, ihm Leid zuzufügen. Um den steilen Verdacht zu beweisen, fordert er Lea auf, seine Hand zu verletzen. Sie weigert sich. Alexander gerät in Wut. Während einer Rangelei mit dem Messer tötet er sie versehentlich.
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Damit die vierte Figur im Stück nicht unterschlagen werde, sei erwähnt, dass sich die wohl als Gegenbild zu Lea angelegte Christine, Ex-Partnerin Alexanders, mit unerwiderten lesbischen Avancen an die tatsächliche oder vermeintliche Androidin ins Spiel mischt, ohne das Stück entscheidend voranzubringen. Eine dramaturgische Schwäche der Oper.
Handlung und Sprache des sich sonst durch zahlreiche Finessen auszeichnenden Librettos spielen mit dem scharfsinnig und geradezu perfide arrangierten Wechsel der Indizien sowohl für die künstliche wie für die menschliche Lebensform Leas. Das Publikum wird auf virtuose Weise verunsichert. Nie soll es sich darüber im Klaren sein, ob etwa stereotype Redewendungen auf Automatenhaftigkeit oder schlicht auf menschliche Konventionen hinweisen. Daher bleibt auch im Zwielicht, ob der Wissenschaftler Michael tatsächlich der Konstrukteur eines Androiden ist oder sich gegenüber Alex einen alles andere als freundschaftlichen, ja, diabolischen Scherz leistet.
Eichbergs Musik baut sich über massiver Bassgrundlage elektronischer Klänge, tiefer Holzbläser und Streicher auf. Die Funk- und Techno-Anklänge raunen, pulsieren und schrillen. Elektronik und Perkussion sind mit den klassischen Orchestergruppen wie zu einem thrillerhaft dichten Geflecht hochentzündlicher Nervenbahnen verwoben. Raffiniert verwendet Eichberg erledigt geglaubte Mittel wie Erinnerungsmotive, um den Verdacht auf maschinell reproduzierte Roboterphrasen in den Kantilenen Leas zu nähren. Dennoch sind die Erinnerungsmotive auf eine solche Deutung nicht festgelegt. Wie die Hörer Leas Schöngesang aufnehmen, hängt von den wohlmeinenden oder bösgläubigen Vorurteilen ab, die sie mit sich herumtragen.
Nach The Fall of the House of Usher am Vorabend zeichnet auch für Glare das Regieteam um Waltraud Lehner szenisch verantwortlich. Die Figuren bleiben weitgehend sich selbst überlassen. Punktuelle Exzesse täuschen darüber nicht hinweg. So eskaliert Lehner die Situation nicht allein zur vom Stück verlangten Vergewaltigung Leas durch ihren vorgeblichen Konstrukteur Michael. Die Regisseurin sieht Lea überdies von der abgewiesenen Christina genotzüchtigt. Eigens für die doppelte Schändung lässt die Regisseurin einen Billardtisch auf die Bühne stellen, der als Tatort zweckentfremdet wird.
Ulrich Frommhold wirtschaftet den spitzbogen- und maßwerkfreudigen Familiensitz der Usher unter Beibehaltung der Gotizismen zu einer Behausung herunter, in der allenfalls illegale Migranten als Opfer von Miethaien oder Hausbesetzer zu erwarten sind, nicht aber die zu den Gutverdienern zählenden Figuren aus Eichbergs Oper. Katherina Kopp kleidet sie für das Milieu der oberen Mittelschicht angemessen, Christine darf Eleganz zeigen. Die Videos von Georg Lendorff projizieren auf die gotischen Wände meist Muster aus dem nächstgelegenen Tapetengeschäft.
Musikalisch überzeugt der Abend restlos.

Stupend in Darstellung und Stimme tritt Hana Lee die Gratwanderung zwischen künstlicher Lebensform und Mensch an. Lee singt und agiert so android wie nötig und so menschlich wie möglich. Und umgekehrt. Nichts ist von olympiahaften Automatismen zu vernehmen. Leichthin bewegt sich Lee durch die Stratosphären-Tessitura ihrer Partie. Sie klingt dabei nie kalt und tot, noch die exaltiertesten Töne sind beseelt. Entweder ist die von Lee kreierte Lea der perfekte Mensch oder der perfekte Android.
Die nahezu heldentenoralen Anforderungen steht Martin Shalita nicht nur durch, sondern legt in seine Stimme gleichermaßen begehrende Emphase, Zweifel und glanzvolle Lamenti gekränkter Eigenliebe über die als Androidin verdächtigte Lea, ein Narzissmus, der sich vokal prächtig zu der hirnlosen Forderung aufschwingt, die Geliebte möge ihn mit dem Messer verletzen. Shalita verdeutlicht stimmlich glaubhaft, dass Alex eben kein Hoffmann ist, der über dem zerstörten Automaten zusammenbricht, sondern Freund Michael viril auffordert, für Ersatz zu sorgen. Die vom Libretto vernachlässigte Rolle der Christina beansprucht einzig durch das stimmliche Engagement Haruna Yamazakis Aufmerksamkeit. Ihr strahlkräftiger Mezzosopran formt ebenso unerwartete wie elegante Spannungsbögen. Der ausgesprochene Sarkasmus des den Androiden-Konstrukteur womöglich nur fingierenden Michael handhabt Christoph Plessers mit schlankem Bariton, der in Schlüsselszenen markante Akzente setzt.
Das aus Mitgliedern der Rheinischen Staatsphilharmonie zusammengesetzte Kammerorchester realisiert unter Karsten Huschke am Pult den stilistischen Mix aus elektronischen und akustischen Klängen mit präzise und vehement entfesselter Schubkraft.
Der Beifall für das Regieteam ist freundlich, der Komponist und die musikalischen Akteure werden gefeiert.
Leider sind nur vier weitere Vorstellungen angesetzt. Dabei bietet Glare gerade für ein jüngeres Publikum starke musikdramatische Reize und thematischen Zündstoff. In der kommenden Spielzeit ist Eichberg rheinaufwärts gefragt. Das Staatstheater Wiesbaden kündigt die Uraufführung seiner Oper Anderland an.
Michael Kaminski