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JÉRUSALEM
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
21. März 2017
(Premiere am 17. März 2017)
140 Seiten dick ist die Dokumentation, die der italienische Musikwissenschaftler Paolo Isotta Giuseppe Verdis Umarbeitung des Kreuzfahrer-Dramas I Lombardi in die erheblich aufwändigere Grand opéra Jérusalem widmete. Dass diese akribisch fundierte Arbeit dem Programmheft der Neuproduktion des französischsprachigen Werks an der Lütticher Oper beigelegt wird, spricht für die Seriosität, mit der der ambitionierte Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera Verdis 1848 in Paris uraufgeführtes Werk behandelt. Als Intendant und als Regisseur.
Dieses Projekt bedeutet Pralafera erheblich mehr als nur den populistischen Versuch, in die derzeit aktuelle Mode einzusteigen, Verdis frühe Opern um jeden Preis wiederbeleben zu wollen. Mit teilweise ernüchternden Ergebnissen. Der Fall Jérusalem verdient auf jeden Fall größeres Interesse. Ein Werk, das immerhin bis 1880 hochgeschätzt wurde und danach weitgehend in Vergessenheit geraten ist.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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So sehr sich unsere belgischen Nachbarn um das Werk bemühen, ein leicht musealer Geruch lässt sich nicht völlig neutralisieren. Das ist nicht nur der konservativen Inszenierung anzulasten, sondern vor allem dem Gattungstypus der Grand opéra, der mit seinen repräsentativen Chören und Aufzügen, seiner frömmelnden Religiosität, seinen banalen Balletteinlagen und wirkungsvollen Arien und Duetten viel äußeren Glanz, aber wenig psychologische Innenspannung versprüht. Trotz wunderschöner musikalischer Momente ist Verdi in diesem Schaffensstadium noch weit von der Höhe seines späteren Geniestreichs, dem Don Carlo, entfernt, in dem ihm die Verbindung von Attributen der Grand opéra mit den Tugenden psychologisch durchleuchteter Seelenportraits meisterhaft gelingen sollte.
Ein wenig antiquiert wirkt auch der historisierende und extrem verwickelte Stoff, der den Kreuzfahrer-Mythos mit einer leidenschaftlichen Liebesromanze verknüpft. Die Handlung in Kürze: Der Graf von Toulouse möchte seine Tochter Hélène mit Gaston, dem Sohn seines ehemals ärgsten Feindes verheiraten. Kein Problem, lieben sich die beiden jungen Leute ohnehin mit Inbrunst. Wenn da nicht Roger, der Bruder des Grafen, ein Auge auf die schöne Hélène geworfen hätte, der einen Anschlag auf seinen Bruder verübt und die Schuld auf Gaston schiebt, der in Acht und Bann geschlagen wird und verzweifelt in einen Kreuzzug zieht. Nach unendlich wirren Komplikationen gibt es am Ende ein arg konstruiertes Happy End.

Was die Inszenierung angeht, bleibt sich Intendant und Regisseur di Pralafera treu. Er nimmt das Stück ernst, verharrt aber in sehr konservativen Bahnen, führt die Figuren mit gestenreicher Theatralik oder steifer Bewegungsarmut, enthält sich dafür jedoch störender oder ablenkender Mätzchen aller Art. Die etwas pathetische Schwerfälligkeit der Inszenierung wird unterstrichen durch die wuchtigen historischen Kostüme von Fernand Ruiz und die mächtigen Mauern- und Säulenkonstruktionen des Bühnenbildners Jean-Guy Lecat.
Die Lütticher Oper hat nicht nur vorzügliche musikwissenschaftliche Arbeit geleistet, auch die musikalische Qualität kann sich hören lassen. Dass die zahlreichen klingenden Meriten des Stücks in Liège zum Tragen kommen, ist nicht zuletzt dem vehementen Einsatz der Dirigentin Speranza Scapucci zu verdanken, die der dramatischen Schlagkraft ebenso wenig schuldig bleibt wie dem lyrischen Schmelz der Partitur.
Ein ideales Tummelfeld für die insgesamt überzeugende Besetzung mit dem rabenschwarz timbrierten Bariton von Roberto Scandiuzzi an der Spitze, der den Roger so schillernd präsentiert wie einen Jago und einen Grafen Luna in Personalunion. Marc Laho singt die Tenorpartie des Gaston kultiviert, ebenso Elaine Alvarez als Hélène, die ihre Rolle freilich intensiver angeht und ihre Stimme nicht immer gebührend schont. Ivan Thirion rundet das vorzügliche Solistenquartett adäquat ab. Ein Sonderlob verdient der Chor der Lütticher Oper unter Leitung von Pierre Iodice angesichts seiner großen und kontrastreichen Aufgaben.
Insgesamt also eine lohnende Begegnung mit Verdis Frühwerk. Das Publikum reagiert entsprechend begeistert auf die Entdeckung.
Pedro Obiera