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Chancenlos

MEDEA
(Euripides)

Besuch am
22. März 2017
(Premiere am 17. März 2017)

 

Düssel­dorfer Schau­spielhaus, Central

Das hat er sich ja schön ausge­dacht, dieser Jason: Lässt sich von einer Frau mit magischen Kräften retten, bekommt zwei Kinder mit ihr, geht mit seiner Familie in ein anderes Land – und heiratet da die Königs­tochter. Man sollte aller­dings, das wusste schon Euripides vor 2500 Jahren, genauer 431 vor Christus, nie die verletzten Gefühle einer Frau unter­schätzen. Da können die Rache­ge­lüste schon mal grenzenlos werden. So auch bei Medea in der gleich­na­migen Tragödie des griechi­schen Dichters.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum    
Chat-Faktor  

Hausre­gisseur Roger Vontobel hat die Auswüchse einer verletzten Seele für die große Bühne in der Ausweich­spiel­stätte Central am Haupt­bahnhof insze­niert. In die Mitte einer sparta­ni­schen Bühne hat Muriel Gerstner ein drehbares Haus als Symbol für die Familie gesetzt. Vorne hui, hinten pfui. Davor jeweils eine Veranda, die als Rampe dient. Links davon die Musik­station. Davor sind die Mikrofone für den Chor aufgebaut. Auf der rechten Seite gibt es einen symbo­li­schen Spiel­platz für die beiden Kinder von Medea und Jason. Überhaupt spart Vontobel nicht mit Anspie­lungen. Das spiegelt sich auch in den heutigen Kostümen von Tina Kloempken wider. Alles sehr unauf­dringlich und nicht wichtig, um zu verstehen, um was es geht. Mehr als Sahne­bonbon. Auch Jean-Mario Bessière setzt drasti­sches weißes Licht mit kleinen Neben­ef­fekten. Die Botschaft ist klar: Wir konzen­trieren uns auf das Wesent­liche. Und das ist Medea.

Foto © Sebastian Hoppe

Medea ist Jana Schulz, seit diesem Monat Trägerin des Gertrud-Eysoldt-Rings, und sie liefert den Grund, sich die Insze­nierung nicht entgehen zu lassen. Dabei ist sie erst mal gar nicht zu sehen, sondern nur zu hören. Aber die Stimm­ku­lisse hat es in sich. Vom Orgasmus über die Entbindung bis zu den Seelen­qualen der Verlas­senen wird hier mal rasch die Vorge­schichte artiku­liert, ehe eine Entfes­selte, eine Wahnsinnige dem Haus entspringt. In der ersten Sekunde ist klar: Aus dieser Tragödie gibt es kein Entrinnen. Geifernd die zahlreichen Monologe, der Speichel rinnt unbeachtet über das schmale Kinn. Die Gesichtszüge entgleisen, die Extre­mi­täten in unnatür­licher Haltung. Es gibt Momente im Leben, da weißt du, der Zug ist abgefahren. In dieser Beziehung geht nichts mehr. Intel­li­gente Männer ziehen sich zurück und hoffen, dass der Schaden klein­ge­halten werden kann. Schlaue Männer argumen­tieren, um noch was zu retten. Jason kommt sich ziemlich schlau vor. Torben Kessler spielt das wahrhaft überzeugend. Oppor­tu­nis­tisch, selbst­ver­liebt und ‑überzeugt rennt er ins offene Verderben. Als Medea zur Mordtat an ihren Kindern schreitet, also mit entblößtem Oberkörper das Haus betritt, aus dem anschließend die beiden Jungen unspek­ta­kulär abgehen, ist alles gezeigt und gesagt. Mehr braucht es nicht. Ungehört verhallen die Rufe des vierköp­figen Chors nach Mittel­mä­ßigkeit, verklingen die Warnrufe. Dem Chor bleiben das Summen und die Verstei­nerung. Das Mittelmaß der Stadt­ge­sell­schaft könnte auch den heutigen Entglei­sungen aller­orten gut bekommen. Von den Medeas haben wir inzwi­schen allzu viele. Und so gerinnt die vorchrist­liche Tragödie in der Gegenwart.

Mit E‑Gitarre und Synthe­sizer untermalt Keith O’Brian gekonnt die Handlung, unter­streicht die zuneh­mende Gewalt­tä­tigkeit und gipfelt schließlich im lautstarken Furiosum. Die Katharsis enthalten Musik und Schau­spiel dem Publikum vor.

Zum Lächeln reicht es bei Jana Schulz während des begeis­terten Applauses im gerade mal halbge­füllten Haus nicht mehr. Zu sehr hat sie sich verausgabt, mit ihrem inten­siven Spiel alles gezeigt, was glaubhaft zum Mord an den eigenen Kindern führt. Die Aufführung ist nach anderthalb Stunden beendet. Die Wirkung hält an.

Michael S. Zerban

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