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Richard Wagners Tannhäuser unter der Regie von Calixto Bieito ist eine Koproduktion der Vlaamse Opera Antwerpen, des Teatro La Fenice, des Teatro Carlo Felice Genova und des Konzert-Theaters Bern. Bereits im Vorfeld zur Premiere stand das Berner Publikum unter Strom, denn die tolldreisten Regiearbeiten des Spaniers mit galizischen Wurzeln lösen auch bei Schweizer Hauptstädtern gemischte Gefühle aus. Neugierige Erwartung oszilliert mit gefürchteter Abscheu. Die Premierengäste werden nicht enttäuscht, auch wenn diese Inszenierung von Bieito, dem Quentin Tarantino der Opernregisseure, wesentlich moderater daherkommt als frühere Arbeiten.
Auf Bieito muss man sich einlassen. Oft schert sich der Regisseur keinen Deut darum, was ihm das Libretto vorgibt. Er zeigt seine Protagonisten als Menschen aus Fleisch und Blut, und das jeweils nahe am Abgrund. Blut fließt in der Regel viel, wenn der Meister seine Archetypen aufeinander loslässt. Das ist auch bei Richard Wagners mythologisch aufgeladener Geschichte um den Minnesänger Tannhäuser nicht anders. Einem Mann, der sich zwischen sinnlicher Lust und hehrer Liebe entscheiden muss. Einem Abtrünnigen, der aus dem Korsett einer tief gläubigen und von Moralvorstellung zersetzten Gesellschaft entflieht und sich in den Wäldern auf dem Venusberg der ungezügelten Leidenschaft hingibt.
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Die Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg war schon Mitte des 19. Jahrhunderts ein klassisches Synonym für ein Kollektiv, das die fleischliche Begierde ohne Liebe als Bedrohung empfand und dieser Furcht nur mit rigiden Regeln und ostentativer Frömmigkeit begegnen konnte. Bieito veranschaulicht dieses Spanungsfeld zwischen profaner Lust und sublimierter Liebe in den ersten beiden Aufzügen des 1845 in Dresden uraufgeführten Dreiakters mit einer klaren Botschaft. Bereits während der Ouvertüre, die mit ihrem bombastischen Leitmotiv den unheilvollen Ausgang der Oper ankündigt, erwacht der Wald von Venus, und dieses Bild führt ins Zentrum einer bedrohlichen, aber auch ekstatisch anmutenden Welt. Mystischer Nebel durchzieht das Dunkel mit den tanzenden Bäumen. Einer wollüstigen Waldfee gleich lockt Venus im schwarzen Negligé als ewiges Weib. Der Liebeslust satt und die reine Liebe seiner Angebeteten Elisabeth herbeisehnend, gelingt Tannhäuser die Flucht aus diesem circulus vitiosus. Bieito zeigt die Rückkehr des verlorenen Sohnes in eine Männerdomäne am Ende des ersten Akts als martialisches Blutsbrüder-Ritual.
Ebenso präzis und stringent geht es weiter im zweiten Akt. Die Bühne von Rebecca Ringst und das Lichtdesign von Michael Bauer schaffen einen schlüssigen Übergang vom wilden Dschungel in eine vordergründig domestizierte Welt. Ein mit Scheinwerfern überblendetes Tableau illustriert den sterilen Kontrapunkt zum lebendigen Wald mit seinen Gefahren. Der ungezähmten Natur stellt der Regisseur ein weißes Säulenkonstrukt gegenüber. Klare Formen trotzen den unheimlichen Urtrieben. Die Mitglieder dieser sektenähnlichen Gemeinschaft haben ihren festen Platz im Gefüge. Die Kostüme von Ingo Krügler setzten diesen Kontrast gleichsam überzeugend um. Auf das Outdoor-Outfit im Wald folgt der Statusschick der Upperclass. Zum Sängerwettstreit erscheint die Hautevolee sogar in Haute-Couture. Bei der Büßer-Szene im Finale des zweiten Akts überbordet dann Bieitos Lesart. Der Künstler scheint für einen Moment in seine expressive Zeit als Skandalregisseur abzugleiten. Wenn Tannhäuser vor seinem Gang nach Rom von den Sängerfreunden mit einem geweihten Zweig gewaltsam traktiert wird, konterkarieren die deutlich hörbaren Peitschenhiebe die epochale Tondichtung des deutschen Romantikers.
Dass Tannhäuser für seine unheiligen Erfahrungen auf dem Venusberg keine Läuterung erfährt im heiligen Rom, und Elisabeth daraufhin in den Wahnsinn entgleitet und später den Tod findet, wird im dritten Akt über Gebühr zelebriert. Die Kommune zerbricht und die heiligen Hallen der Hochmoral versinken im Morast. Die Natur siegt über das ideologische Gebilde und die Protagonisten wälzen sich unaufhörlich im Dreck. Bevor Jordan Shanahan als Wolfram von Eschenbach seine Romanze O du, mein holder Abendstern zum Besten gibt, gräbt er sich förmlich ein im Waldboden. Schön, dass es an dieser Stelle aufgehört hat zu regnen. Der hohe Fall des Wassers vom Schnürboden auf eine schwarze Latexabdeckung stört den Klang des Orchesters genauso wie das Klatschen der päpstlich geweihten Zweige zuvor. Dafür gelingt Calixto Bieito ein phänomenales Schlussbild. Wenn die gefallenen Moralapostel wie Getier aus dem Unterholz hervorkriechen und zu den finalen Leitmotivtakten von Wagner ihre Arme zum Zuschauersaal recken, ist ein wohliges Frösteln über den Rücken garantiert.
Das mittelgroße Haus in Bern stemmt diesen frühen Wagner auch musikalisch auf hohem Niveau. Das Berner Symphonieorchester unter der souveränen Leitung von Kevin John Edusei differenziert an den richtigen Stellen und bringt den Apparat dort zur vollen Blüte, wo man die geballte Kraft des Werks erwartet. Premierenpatzer gibt es praktisch keine, die mehr als dreistündige Oper ertönt in einem Guss. Trompeten, Hörner oder Harfe sind klar zu erkennen.

Tenor Daniel Frank, der in Bern schon als Peter Grimes und Lohengrin brillierte, gibt seinem Tannhäuser Kontur und Farbe. Der Sänger hat seinen Part gesanglich im Griff und bleibt bis zum Schluss flexibel und unverbraucht. Der gutturale Sopran von Liene Kinča ist hingegen gewöhnungsbedürftig und dürfte bei vielen an der Geschmacksfrage scheitern. Ihre Höhen sind klar, dafür reichlich spitz. Darstellerisch lässt ihre Elisabeth nichts zu wünschen übrig, ihr Aufbegehren und ihre Verzweiflung wirken authentisch. Jordan Shanahan glänzt als Wolfram von Eschenbach den ganzen Abend hindurch. Sein warmer, weicher Bariton und seine akkuraten Phrasierungen überzeugen in allen Tonlagen. Claude Eichenberger hat als Venus durchwegs starke Auftritte, stimmlich wie schauspielerisch. Der Mezzosopran des Berner Ensembles entwickelt sich mühelos hin zum Wagnerfach. Bass Kai Wegner ist indes in seiner Rolle als Hermann, Landgraf von Thüringen, noch einen Schritt entfernt von Bayreuth. Die Entwicklung seines sonoren Organs geht aber in die richtige Richtung. Der luzide Tenor von Andries Cloete als Walter von der Vogelweide ergänzt die sonst stimmlich sonore Männerriege bestens. Für ein Fest der vielen Stimmen sorgt Zsolt Czetner mit dem Chor und Extrachor von Konzert Theater Bern.
Nach einem einzelnen Buhruf im zweiten Akt wird die Co-Produktion in Bern mit Jubel und Rhythmus-Klatschen gefeiert. Selbst Calixto Bieito und sein Team brauchen keine Schmach zu fürchten, der Regisseur nimmt die Ovationen mit einem entspannten Lächeln entgegen. Die moderat dreiste Inszenierung wird in der Schweizer Hauptstadt garantiert noch viel zu reden geben.
Peter Wäch