O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
FIDELIO
(Ludwig van Beethoven)
Besuch am
25. März 2017
(Premiere)
Wenn ein Opernhaus heute Beethovens sogenannte Revolutionsoper Fidelio auf den Spielplan setzt, wird kein Regisseur der Welt ohne aktuelle politische Bezüge auskommen, zu aktuell, zu deutlich ist die Thematik. Das Wort „Freiheit“, das in diesem Werk überhöht wird, hat in der gegenwärtigen politischen Weltlandschaft wieder eine besondere Bedeutung erlangt, Altbundespräsident Gauck machte es zu seinem politischen Credo. Doch was bedeutet Freiheit – für den Einzelnen und innerhalb eines politischen Systems? Eine Frage, die Beethoven in seiner einzigen Oper Fidelio im Kontext des Zeitalters von Aufklärung und Postrevolution verhandelt. Im Sinne Kants stellt er Vernunft und Sitte über die allumfassende Willensfreiheit des Menschen. Generalintendant Hasko Weber widmet seine erste Opernregie diesem großen Werk und dieser großen Thematik – mit mäßigem Erfolg.
Schon während der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang, und über einem großen dunklen Raum prangt in riesigen Lettern das Wort „Freiheit“ – und ist gleichzeitig eine große Videoleinwand, auf der Einspielungen von Demonstranten aus aller Welt zu sehen sind, nicht immer eindeutig zuzuordnen. Dann erscheint Florestan, der politische Gegenspieler von Don Pizarro in edlem Anzug, die Faust zur Revolution nach oben gereckt, wie ein kommunistischer Gruß. Natürlich lassen Don Pizarros Schergen nicht lange auf sich warten; schwarz gekleidet, vermummt, prügeln sie ihn nieder und bringen ihn in Isolationshaft. Leonore, seine Frau, in einen eleganten roten Mantel gekleidet, findet nur noch seine Mütze und macht sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Mann. Somit ist die Vorgeschichte der Oper schnell erzählt, und es sind die stereotypen Bewegungen, die charakteristisch für diese Inszenierung sind. Hasko Weber ist Schauspieler und Regisseur, kommt vom Schauspiel und stellt natürlich die schauspielerische Darstellung in den Vordergrund. Und genau hier offenbaren sich die Schwächen der Inszenierung. Das spielerische und das musikalische Geschehen harmonieren nicht, es kommen kaum Emotionen auf, die ganze Inszenierung bleibt kühl, nüchtern und sachlich. Das widerspricht aber der grandiosen Musik Beethovens, die von emotionaler Wirkung nur so sprüht. Denn musikalisch hat Beethoven eine klare Musiksprache gefunden. Gelungen ist ihm ein kraftvolles Plädoyer für Gerechtigkeit und die Freiheit des Einzelnen, mit einem überwältigenden C‑Dur-Finale. Webers Regie kann diese Tonart nicht aufnehmen. Es springt kein Funke über auf das Publikum, dafür sind die Charaktere zu allgemeingültig gezeichnet und bleiben eher blass, was sie aber durch eine hervorragende musikalische und sängerische Darbietung wieder wettmachen.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Leonore, die sich als „Fidelio“ beim Gefangenenaufseher Rocco eingeschlichen hat, trägt einen schwarzen Kampfanzug, genau wie Rocco. Die amerikanische, private Sicherheitsfirma Blackwater lässt grüßen. Warum Jaquino dann in schwarzem Anzug, schwarzer Krawatte und schwarzer Sonnenbrille wie in einem billigen Remake von Men in Black rumläuft, bleibt unklar. Und natürlich muss auch Don Pizarro die obligatorische schwarze Sonnenbrille tragen, das Sinnbild des zweitklassigen Verbrechers. Dass die Gefangenen in orangefarbenen Overalls auf die Bühne kommen, lässt die Nähe zu Guantanamo mehr als nur erahnen. Marzelline, Roccos Tochter, läuft dagegen etwas hipp durch die Gegend, und muss natürlich in der ersten Szene einen Laptop auf den Knien haben. Den Vogel schießt dann aber der finale Auftritt von Don Fernando in goldfarbenem Anzug mit umgehängter Kalaschnikow ab. Diese so große und wichtige Szene in diesem Werk wird dadurch optisch und spielerisch konterkariert und ergibt überhaupt keinen Sinn. Auch wenn Weber einem logischen Minimalismus stringent folgt, schafft er es nicht, die Konzentration in den Interaktionen der Protagonisten der Musik folgen zu lassen. Die nichtssagenden Kostüme von Thilo Reuther und sein minimalistisches Bühnenbild, durch ein Wellblechtor teilweise abgeteilt, schaffen da auch keine neue Ebene. Und die Videosequenzen von Bahadir Hamdemir, am Schluss wieder mit jubelnden Menschen, man meint eine Szene aus dem Irak nach dem Sturz von Saddam Hussein zu erkennen, aber sie berührt nicht, das schafft an diesem Abend nur die Musik. Und die wiedergefundene Freiheit für Florestan und die Wiedervereinigung mit seiner geliebten Leonore, jetzt wieder im eleganten roten Mantel, vollzieht sich sichtbar kühl auf der Bühne, da ist kein Jubel, kein dem anderen in die Arme fallen, lediglich eine zärtliche Umarmung zum Schluss als höchster emotionaler Ausdruck, das ist dann doch etwas zu wenig.

Gerettet wird der Abend durch ein ausgezeichnetes Sängerensemble, allen voran Larissa Krokhina als Leonore. Ihr jugendlich-dramatischer Sopran hat in den dramatischen Höhen Klarheit und Schliff, in den Tiefen ein breites und warmes Fundament, was im großen Duett O namenlose Freude besonders gut zur Geltung kommt. Lars Cleveman als Florestan, vor Aufführungsbeginn noch als etwas erkältet angekündigt, lässt sich davon nicht beeindrucken, und singt seine große Freiheitsarie mit Strahlkraft und Dramatik, für einen siechenden, fast schon toten Gefangenen eine enorme Leistung. Spielerisch eher blass, überzeugt Cleveman mit dem Ausdruck seines strahlenden Heldentenors. Christoph Stegemann gewinnt als Rocco mit einem angenehmen, schmeichelnden Bariton, der für diese Rolle fast schon zu schön klingt, und gibt einen Gefangenenaufseher, der sich in seiner Position glaubhaft unwohl fühlt. Den schmierigen Möchtegerndespoten Don Pizarro gestaltet Alik Abdukayumov mit kräftigem Bass, ohne der Rolle dabei die dämonische Aura zu verleihen, die man normalerweise erwartete. Caterina Maier als naiv wirkende Marzelline begeistert vor allem mit schönklingendem, leichtem Sopran, der gut mit Jörn Eichlers Tenor harmoniert, dessen Jaquino als verschlagener Erfüllungsgehilfe überzeichnet wirkt. Uwe Schenker-Primus, mit kraftvollem Bariton ausgestattet, hat als Don Fernando zwar musikalisch das große und überzeugende Finale, doch seine Darstellung passt nicht zu dieser Rolle, da haben ihm Regisseur und Kostümbildner keinen Gefallen getan. Jaesig Lee und Chao Deng lassen als Gefangene mit kurzem Soloeinsatz angenehm aufhorchen.
Der Chor, gut eingestimmt von Markus Oppeneiger, gestaltet seine große Szene O welche Lust – in freier Luft den Atem leicht zu heben sängerisch sehr differenziert, doch vom Tempo her passt es nicht ganz mit dem Orchester, da ist der Chor etwas zu schnell, aber Niklas Willén am Pult der Staatskapelle Weimar hat ihn schnell wieder eingefangen. Die Staatskapelle Weimar spielt einen ausdrucksstarken Beethoven, die Ouvertüre erklingt majestätisch feierlich, und im leuchtenden Finale scheint ausgeprägte Harmonie auf. Willén begleitet die Sänger und deckelt sie nicht zu, so dass es musikalisch durchaus ein großer Abend ist.
Das Publikum reagiert am Schluss mit langanhaltendem Applaus und großem Jubel vor allem für Larissa Krokhina und Lars Cleveman, und das Regieteam wird mit sehr freundlichem Applaus bedacht, da ist keine einzige kritische Stimme zu vernehmen. Dafür haben einige im Publikum an diesem Abend mit den Sängern und dem Orchester einen Wettstreit um die Lautstärke angestrengt – und leider gewonnen, im Husten.
Hasko Webers Opernregiedebüt fällt zwiespältig aus. Der Bezug zur heutigen politischen Weltsituation, wo körperliche Freiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit mit den Füßen getreten werden, ist gegeben und nachvollziehbar, aber es fehlt die emotionale Beteiligung. Insgesamt wirkt die Inszenierung dann doch trotz des modernen Gewandes zu brav, zu bieder und zu wenig aufrüttelnd. Schade, da ist deutlich mehr Potenzial da.
Andreas H. Hölscher