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Freiheit

FIDELIO
(Ludwig van Beethoven)

Besuch am
25. März 2017
(Premiere)

 

Deutsches Natio­nal­theater Weimar

Wenn ein Opernhaus heute Beethovens sogenannte Revolu­ti­onsoper Fidelio auf den Spielplan setzt, wird kein Regisseur der Welt ohne aktuelle politische Bezüge auskommen, zu aktuell, zu deutlich ist die Thematik. Das Wort „Freiheit“, das in diesem Werk überhöht wird, hat in der gegen­wär­tigen politi­schen Weltland­schaft wieder eine besondere Bedeutung erlangt, Altbun­des­prä­sident Gauck machte es zu seinem politi­schen Credo. Doch was bedeutet Freiheit – für den Einzelnen und innerhalb eines politi­schen Systems? Eine Frage, die Beethoven in seiner einzigen Oper Fidelio im ­Kontext des Zeitalters von Aufklärung und Postre­vo­lution verhandelt. Im Sinne Kants stellt er Vernunft und Sitte über die allum­fas­sende Willens­freiheit des Menschen. General­intendant Hasko Weber widmet seine erste Opern­regie diesem großen Werk und dieser großen Thematik – mit mäßigem Erfolg.

Schon während der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang, und über einem großen dunklen Raum prangt in riesigen Lettern das Wort „Freiheit“ – und ist gleich­zeitig eine große Video­leinwand, auf der Einspie­lungen von Demons­tranten aus aller Welt zu sehen sind, nicht immer eindeutig zuzuordnen. Dann erscheint Florestan, der politische Gegen­spieler von Don Pizarro in edlem Anzug, die Faust zur Revolution nach oben gereckt, wie ein kommu­nis­ti­scher Gruß. Natürlich lassen Don Pizarros Schergen nicht lange auf sich warten; schwarz gekleidet, vermummt, prügeln sie ihn nieder und bringen ihn in Isola­ti­onshaft. Leonore, seine Frau, in einen eleganten roten Mantel gekleidet, findet nur noch seine Mütze und macht sich auf die Suche nach ihrem verschwun­denen Mann. Somit ist die Vorge­schichte der Oper schnell erzählt, und es sind die stereo­typen Bewegungen, die charak­te­ris­tisch für diese Insze­nierung sind. Hasko Weber ist Schau­spieler und Regisseur, kommt vom Schau­spiel und stellt natürlich die schau­spie­le­rische Darstellung in den Vorder­grund. Und genau hier offen­baren sich die Schwächen der Insze­nierung. Das spiele­rische und das musika­lische Geschehen harmo­nieren nicht, es kommen kaum Emotionen auf, die ganze Insze­nierung bleibt kühl, nüchtern und sachlich. Das wider­spricht aber der grandiosen Musik Beethovens, die von emotio­naler Wirkung nur so sprüht. Denn musika­lisch hat Beethoven eine klare Musik­sprache gefunden. Gelungen ist ihm ein kraft­volles Plädoyer für Gerech­tigkeit und die Freiheit des Einzelnen, mit einem überwäl­ti­genden C‑Dur-­Finale. Webers Regie kann diese Tonart nicht aufnehmen. Es springt kein Funke über auf das Publikum, dafür sind die Charaktere zu allge­mein­gültig gezeichnet und bleiben eher blass, was sie aber durch eine hervor­ra­gende musika­lische und sänge­rische Darbietung wieder wettmachen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Leonore, die sich als „Fidelio“ beim Gefan­ge­nen­auf­seher Rocco einge­schlichen hat, trägt einen schwarzen Kampf­anzug, genau wie Rocco. Die ameri­ka­nische, private Sicher­heits­firma Black­water lässt grüßen. Warum Jaquino dann in schwarzem Anzug, schwarzer Krawatte und schwarzer Sonnen­brille wie in einem billigen Remake von Men in Black rumläuft, bleibt unklar. Und natürlich muss auch Don Pizarro die obliga­to­rische schwarze Sonnen­brille tragen, das Sinnbild des zweit­klas­sigen Verbre­chers. Dass die Gefan­genen in orange­far­benen Overalls auf die Bühne kommen, lässt die Nähe zu Guantanamo mehr als nur erahnen. Marzelline, Roccos Tochter, läuft dagegen etwas hipp durch die Gegend, und muss natürlich in der ersten Szene einen Laptop auf den Knien haben. Den Vogel schießt dann aber der finale Auftritt von Don Fernando in goldfar­benem Anzug mit umgehängter Kalasch­nikow ab. Diese so große und wichtige Szene in diesem Werk wird dadurch optisch und spiele­risch konter­ka­riert und ergibt überhaupt keinen Sinn. Auch wenn Weber einem logischen Minima­lismus stringent folgt, schafft er es nicht, die Konzen­tration in den Inter­ak­tionen der Protago­nisten der Musik folgen zu lassen. Die nichts­sa­genden Kostüme von Thilo Reuther und sein minima­lis­ti­sches Bühnenbild, durch ein Wellblechtor teilweise abgeteilt, schaffen da auch keine neue Ebene. Und die Video­se­quenzen von Bahadir Hamdemir, am Schluss wieder mit jubelnden Menschen, man meint eine Szene aus dem Irak nach dem Sturz von Saddam Hussein zu erkennen, aber sie berührt nicht, das schafft an diesem Abend nur die Musik. Und die wieder­ge­fundene Freiheit für Florestan und die Wieder­ver­ei­nigung mit seiner geliebten Leonore, jetzt wieder im eleganten roten Mantel, vollzieht sich sichtbar kühl auf der Bühne, da ist kein Jubel, kein dem anderen in die Arme fallen, lediglich eine zärtliche Umarmung zum Schluss als höchster emotio­naler Ausdruck, das ist dann doch etwas zu wenig.

Foto © Vincent Leifer

Gerettet wird der Abend durch ein ausge­zeich­netes Sänger­ensemble, allen voran Larissa Krokhina als Leonore. Ihr jugendlich-drama­ti­scher Sopran hat in den drama­ti­schen Höhen Klarheit und Schliff, in den Tiefen ein breites und warmes Fundament, was im großen Duett O namenlose Freude besonders gut zur Geltung kommt. Lars Cleveman als Florestan, vor Auffüh­rungs­beginn noch als etwas erkältet angekündigt, lässt sich davon nicht beein­drucken, und singt seine große Freiheitsarie mit Strahl­kraft und Dramatik, für einen siechenden, fast schon toten Gefan­genen eine enorme Leistung. Spiele­risch eher blass, überzeugt Cleveman mit dem Ausdruck seines strah­lenden Helden­tenors. Christoph Stegemann gewinnt als Rocco mit einem angenehmen, schmei­chelnden Bariton, der für diese Rolle fast schon zu schön klingt, und gibt einen Gefan­ge­nen­auf­seher, der sich in seiner Position glaubhaft unwohl fühlt. Den schmie­rigen Möchte­gern­des­poten Don Pizarro gestaltet Alik Abdukayumov mit kräftigem Bass, ohne der Rolle dabei die dämonische Aura zu verleihen, die man norma­ler­weise erwartete. Caterina Maier als naiv wirkende Marzelline begeistert vor allem mit schön­k­lin­gendem, leichtem Sopran, der gut mit Jörn Eichlers Tenor harmo­niert, dessen Jaquino als verschla­gener Erfül­lungs­ge­hilfe überzeichnet wirkt. Uwe Schenker-Primus, mit kraft­vollem Bariton ausge­stattet, hat als Don Fernando zwar musika­lisch das große und überzeu­gende Finale, doch seine Darstellung passt nicht zu dieser Rolle, da haben ihm Regisseur und Kostüm­bildner keinen Gefallen getan. Jaesig Lee und Chao Deng lassen als Gefangene mit kurzem Soloeinsatz angenehm aufhorchen.

Der Chor, gut einge­stimmt von Markus Oppen­eiger, gestaltet seine große Szene O welche Lust – in freier Luft den Atem leicht zu heben sänge­risch sehr diffe­ren­ziert, doch vom Tempo her passt es nicht ganz mit dem Orchester, da ist der Chor etwas zu schnell, aber Niklas Willén am Pult der Staats­ka­pelle Weimar hat ihn schnell wieder einge­fangen. Die Staats­ka­pelle Weimar spielt einen ausdrucks­starken Beethoven, die Ouvertüre erklingt majes­tä­tisch feierlich, und im leuch­tenden Finale scheint ausge­prägte Harmonie auf. Willén begleitet die Sänger und deckelt sie nicht zu, so dass es musika­lisch durchaus ein großer Abend ist.

Das Publikum reagiert am Schluss mit langan­hal­tendem Applaus und großem Jubel vor allem für Larissa Krokhina und Lars Cleveman, und das Regieteam wird mit sehr freund­lichem Applaus bedacht, da ist keine einzige kritische Stimme zu vernehmen. Dafür haben einige im Publikum an diesem Abend mit den Sängern und dem Orchester einen Wettstreit um die Lautstärke angestrengt – und leider gewonnen, im Husten.

Hasko Webers Opern­re­gie­debüt fällt zwiespältig aus. Der Bezug zur heutigen politi­schen Weltsi­tuation, wo körper­liche Freiheit, Meinungs­freiheit, Presse­freiheit mit den Füßen getreten werden, ist gegeben und nachvoll­ziehbar, aber es fehlt die emotionale Betei­ligung. Insgesamt wirkt die Insze­nierung dann doch trotz des modernen Gewandes zu brav, zu bieder und zu wenig aufrüt­telnd. Schade, da ist deutlich mehr Potenzial da.

Andreas H. Hölscher

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