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JESUS CHRIST SUPERSTAR
(Andrew Lloyd Webber)
Besuch am
25. März 2017
(Premiere)
Einstmals, 1971, sorgte in New York Andrew Lloyd Webbers Musical Jesus Christ Superstar für einen Skandal. Heute aber gilt es geradezu als ein moderner Klassiker des Genres.
Allerdings scheint die Würzburger Aufführung im Mainfranken-Theater etwas zu viel Klassik abbekommen zu haben. Denn unter der Stabführung der jungen Dirigentin Marie Jacquot klingt das Philharmonische Orchester samt Band recht konventionell, arg gleichmäßig, fast langatmig; von etwas wie Groove oder mitreißendem Sound ist wenig zu spüren; dazu kommen noch deutliche Patzer bei den Bläsern. Unter solchen Voraussetzungen hört man genauer hin auf die deutsche Übersetzung der englischen Texte von Tim Rice und leidet ein wenig unter der Banalität der Aussagen. Schade, denn der weltweite Erfolg dieser Rockoper mit ihren Soul-Elementen oder diversen Soft-Beats ist so nicht ganz nachzuvollziehen.
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Auch die Inszenierung von Pascale-Sabine Chevroton trägt nicht unbedingt zu einem packenden Nacherleben dieser Geschichte um Jesus bei. Die Regisseurin sieht die Figur des Jesus als einen gefeierten Künstler der heutigen Musikszene, der erst bejubelt wird, dann aber von einer Art mächtiger Musik-Mafia, schwarz gekleideten, glatzköpfigen Männern um Kaiphas, bekämpft wird bis zur Vernichtung. Die Botschaft des Superstars Jesus aber ist eine völlig friedliche. Die wird von seinen Feinden mit allen Mitteln zum Schweigen gebracht und vom uninteressierten Vertreter der Gesellschaft, von Pilatus, nicht unterstützt. So wird dieser Jesus am Ende von Judas gegen Geld verraten, und beide, die vorher Freunde waren, müssen am Schluss hängen – Judas am Schluss als Selbstmörder am Strick, Jesus gefesselt ans Kreuz. Beide gehören zusammen, und nach dem Tod Jesu „regnet“ es Kreuze. Das beschert wohl die stärksten Bilder der Inszenierung. Der Anfang bis zur Pause aber zieht sich. Da lümmeln noch die zwölf Apostel auf einer langen Couch, wohl Angehörige des Fan-Clubs von Jesus oder Angehörige seiner Musikgruppe. Eine große schwarze Treppe, Scheinwerferbatterien, Bühnengerüste und Soul-Girls in Glitzerfummeln deuten dann an: Hier findet ein Konzert statt mit Jesus als Superstar. Das Volk, durch die Ballettcompagnie lediglich statisch aufgestellt, jubelt seinem Idol zu, nur durch rhythmische Kopfbewegungen. Danach aber tritt eine Störung ein: Ein Video projiziert Gitter, Herztöne oder Nachrichten auf den transparenten Vorhang. Die schwarzen „Herren“ wollen diesen Superstar auf kleinen Fall. Als sich eine goldene Sonne auf die Bühne herabsenkt, sitzt Jesus, abgewandt, wie ein Buddha als Verkünder des Friedens unter dem Strahlenkranz. Dieser erste Teil des Musicals hat deutliche Längen, unterstützt durch die weit gehende Dunkelheit.
Der zweite Teil nach der Pause, eingeleitet durch den berühmten Jesus-Christ-Song, leider eher matt klingend, besitzt dann schon auf Grund seiner Handlung mehr Spannung und kann durch die Ausstatterin Alexandra Burgstaller auch interessantere, abwechslungsreichere Bilder aufweisen. Besonders überzeugen die Szenen mit Pilatus. Schockierend wirken die Folterung mit den Elektroschocks und die brutale Behandlung von Jesus durch Herodes, der ihm Nutten aufzwingen will. Dass sich gleich Journalisten um den gestürzten Star bemühen, ist kein schlechter Einfall. Die Sterbeszene, mit Maria Magdalena kniend am Boden, erinnert an die übliche biblische Ikonografie. Weiß gekleidete Leute, die vorher im Publikum eine Art leise schwirrenden Klagegesang anstimmen, tragen später Judas weg; Jesus fährt am Kreuz nach oben, und die vielen kleinen Kreuze, die dann herunterhängen, lassen an die Verbreitung des Christentums und seiner Friedensbotschaft denken.

Für die Realisierung dieser Rockoper stehen auch Gaststars auf der Würzburger Bühne. Leider aber besitzt ausgerechnet Christopher Brose als zentrale Jesus-Gestalt nicht die charismatische Ausstrahlung, die man sich von der Stimme wie auch von der körperlichen Präsenz her erwartet. Er wirkt eher steif, und die Höhen seiner Partie bereiten ihm ab und zu Schwierigkeiten. Dagegen gestaltet Francisco del Solar seinen Judas sehr glaubhaft und überzeugt auch ab und zu mit seinem souligen Sound. Ganz besonders gefällt Lea Sophie Salfeld als Maria Magdalena, die Jesus bedingungslos liebt und stets zu ihm hält. Ihre klare, sanfte Stimme passt bestens zu der Frau mit ihrem ehrlichen Bekenntnis zu Jesus. Die hauseigenen Kräfte fügen sich sehr gut in ihre Rollen ein. Daniel Fiolka ist ideal für Pilatus, singt kraftvoll und bewegt sich mit quasi unbeteiligter Lässigkeit. Mit Bryan Boyce steht ein leicht dämonischer Kaiphas auf der Bühne, mit mächtiger Stimme seine ganze Männer-Mafia zur Gewalt manipulierend. Taiyu Uchiyama stellt einen brutalen Herodes dar, dessen Stimme seine Aggressivität noch unterstreicht, Maximilian Argmann als Simon, Cedric von Borries als Petrus und die drei Priester, von Herren aus dem Chor verkörpert, fügen sich bestens ins Geschehen ein. Das Gleiche gilt für die Soul-Girls, Barbara Schöller, Sandra Harnisch und Hiroe Ito, die immer im Hintergrund mitwirken, und für das Mädchen am Feuer, Veronika Brandhofer, hier allerdings in Männerkleidung.
Nach dem beklemmenden Ende erst Schweigen, dann dreizehnminütiger Jubel von den vielen Musical-Fans; die älteren Zuschauer aber sind nicht durchwegs begeistert: „Es war mir zu laut, ein wenig kitschig und anfangs zu langatmig“, erzählt eine Dame, die oft ins Theater geht.
Renate Freyeisen