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Wer diese Oper gesehen hat, wird sich nach der Opera seria so dringend sehnen wie ein Wüstenwanderer nach einem Schluck Wasser. Und kein Mensch braucht mehr die Opera seria. Wenn sich die Boulevard-Oper als neues Genre durchsetzt, wird es Zeit, die Oper abzuschaffen. Wie eine Boulevard-Oper aussieht, kann man sich derzeit in Aachen ansehen.
Eine kleine, verschworene Gemeinschaft findet sich am frühen Sonntagabend im Zuschauersaal des Aachener Theaters ein – der Rest der Menschheit erfreut sich am wunderschönen Frühlingswetter oder hat die Berichte zur Premiere gelesen. Etwa ein Viertel der Gemeinschaft wird sich nach der Pause verabschieden.
Der Mythos oder vielleicht die Hoffnung, jede Oper, die nach 1990 komponiert wurde, sei an sich schon mal hitverdächtig, habe schon mal prinzipiell das Zeug, ein Jahrhundertereignis zu werden, hält sich hartnäckig, wird aber dadurch nicht richtiger. Fakt ist, die meisten verschwinden nach der Erstaufführung sang- und klanglos im Orkus. Und das ist gut und richtig so. Vollkommen unverständlich, wie sich Powder her Face des Komponisten Thomas Adès und des Librettisten Philip Hensher sogar auf zahlreiche deutsche Bühnen hinüberretten konnte.
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Uraufgeführt am 1. Juli 1995 in England, gefeiert als Durchbruch des damals 24-jährigen Komponisten, nimmt sich die Oper der Herzogin von Argyll an, deren Promiskuität in einem spektakulären Scheidungsprozess gipfelte. Bekannt wurde die knapp zweistündige Kammeroper durch eine erstmals „gezeigte“ Fellatio-Szene auf der Bühne. Sex auf der Bühne zieht – fast – immer. Wenn nicht gerade die Texte von Hensher vertont werden. Die Geschichte der Oper ist simpel, um nicht zu sagen, von grenzenloser Banalität. Vorgestellt wird die Herzogin und ihr Umfeld. Gesungen werden Texte wie „Ihr Wagen wird in einer Stunde hier sein, Madam“. Überhaupt wird „Madam“ sehr oft gesungen. Und so reiht sich eine Nichtigkeit an die andere.
Annähernd zwei Stunden blasen Klarinetten und Saxophone verschiedenster Ausprägung dem Publikum lautes Gequake um die Ohren, durchbrochen von Geräuschen und selbstverständlich auch viel Schlagwerk. Nein, das ist keine Musik, die irgendetwas ablösen kann. Das ist Lärm, der sehr zeitgenössisch zeigt, dass Dissonanzen und schrille Töne allein nicht die Lösung sind. Auch die Idee, Instrumente in gleicher Tonart über Stimmen zu legen, zeugt weder von Verständnis von Oper noch von einem sonderlich originellen Einfall. Dass es zum Einstieg – vornehm ausgedrückt – Variationen von Jazz und Boogie und gegen Ende Ausflüge in den modernen Tango gibt, kann die gesamte Geräuschkulisse nicht retten.

Regisseur Ludger Engels entdeckt in den Geräuschen tänzerische Elemente, die er mit auf die Bühne nimmt. Manchmal passt das auch. Aber Engels hat sich ohnehin viel einfallen lassen, um das Publikum über die gesamte Länge bei Laune zu halten. Sein wichtigstes Rezept lautet Bewegung. Und wenn es für die Darsteller nicht einmal mehr noch so gewollte Tanzschritte gibt, wird die Drehbühne auch schon mal etwas schneller herumgeschoben. Vor einer Ziegelmauer hat Moritz Junge auf der Drehbühne drei Räume aufgebaut. Ein Schlafzimmer, ein Vorzimmer und einen Salon. Genug Platz, um die verschiedenen Räumlichkeiten der Oper anzudeuten. Das Interieur ist plüschig-britisch angelegt. Das passt zum Thema. Dirk Sarach-Craig setzt sehr viel Rotlicht und Halbdunkel ein, was nicht so ganz einleuchtet, denn im Stück geht es ja nicht um ein halbseidenes Milieu, sondern um die sexuelle Freizügigkeit einer Herzogin. Genau diese Freizügigkeit bringt Junge, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, ziemlich viel Arbeit. Denn freizügig soll auf der Bühne offenkundig nichts sein. Man belässt es beim so tun, als ob. Dementsprechend muss die Unterwäsche, die hier zahlreich zum Einsatz kommt, alles ziemlich bedecken. Und die Fellatio-Szene? Hier muss der Sänger tatsächlich die Hosen herunterlassen, und die Zuschauer bekommen seinen nackten Hintern zu sehen. Dass die Sängerin hier im falschen Rhythmus singt, ist vielleicht als Ironie zu deuten. Auch die zweite Sängerin muss sich in Unterwäsche zeigen. Wer mehr nackte Haut sehen will, muss ins Freibad gehen oder Reklamewände anschauen. Und so versickern Erotik oder gar Sex, noch ehe sie auf der Bühne ankommen, obwohl vom Librettisten so gedacht.
Gerettet wird der Abend von vier Sängern und einer Schauspielerin, die den 16 Rollen wirklich gekonnt Leben einhauchen. Beginnend mit Jelena Rakič, die sechs Rollen nicht nur fabelhaft bewältigt, sondern ihre schöne Stimme auch sehr gekonnt darauf verwendet, allzu Nichtssagendes zu singen. Auch Eva Bernard macht als Herzogin eine gute Figur. Ihr zur Seite gestellt hat Engels die Schauspielerin Elisabeth Ebeling, die den Glamour der jungen Herzogin als Schattenfigur mystisch-ätherisch zur Schau stellt. In Bart Driessen hat die Bernard einen ebenbürtigen Partner, der in fünf Rollen seine stimmliche Bandbreite vom runden Bass bis zum unfreiwilligen, weil von der Rolle vorgeschriebenen Falsett beweist. Sein komödiantisches Talent darf Patricio Arroyo in vier Rollen immer wieder andeuten. Die eher kleine Gesangsrolle bewältigt er ohne Schwierigkeiten.
Erschwert wird die Aufgabe der Sänger von Justus Thorau, der als Erster Kapellmeister des Hauses am Pult des kleinen Orchesters steht und alles daran setzt, den Instrumentalisten möglichst großes Volumen zu verleihen.
Das verbliebene Publikum bemüht sich nach Kräften, sich bei den hervorragenden Darstellern und dem Orchester zu bedanken. Aber die Erschöpfung ist nicht nur den Zuschauern anzumerken, und so sind alle froh, als sie endlich ins Freie strömen dürfen. Man darf denjenigen, die bis zum Schluss ausgeharrt haben, attestieren, dass sie sich für neue Höreindrücke öffnen. Aber nur, weil etwas neu ist, muss es nicht automatisch besser sein. Das hat auch diese Oper wieder gezeigt.
Michael S. Zerban