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Zu wenig gemeinsam

DER ZWERG/​DER GEFANGENE
(Alexander Zemlinsky, Luigi Dallapiccola)

Besuch am
25. März 2017
(Premiere)

 

Opernhaus Graz

Was könnten diese beiden Opern-Einakter wohl gemeinsam haben? Eigentlich wenig bis gar nichts, würde man auf den ersten Blick meinen, denn immerhin geht es bei Alexander Zemlinskys Einakter Der Zwerg, der 1922 urauf­ge­führt wurde und der auf Oscar Wildes tragi­schem Märchen Der Geburtstag der Infantin basiert, um die unglück­liche Liebe eines missge­stal­teten Zwerges zu einer Infantin, der erst durch einen Spiegel von seiner Hässlichkeit erfährt, was zu seinem Verzweif­lungstod führt. Bei Luigi Dalla­pic­colas Il prigio­niero – Der Gefangene, der rund 27 Jahre später kompo­niert wurde, geht es um einen physisch isolierten Gefan­genen, der bis zuletzt vergeblich auf die Begna­digung von seiner Hinrichtung hofft.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Regisseur Paul Esterhazy sieht das anders und versucht, Gemein­sam­keiten bei den beiden selten gespielten Opern­ein­aktern zu finden und verquickt die beiden Stücke am Grazer Opernhaus, wo sie beide erstmalig gezeigt werden, szenisch: So treten in einem schwarz vertä­felten, fenster­losen, tristen Einheitsraum, der an ein Gefängnis oder eine Anstalt erinnert – die gesamte Ausstattung stammt von Mathis Neidhart – in beiden Opern die gleichen Personen in uniformen, grauen Anzügen oder Kostümen auf, beim Zemlinsky-Einakter als Erwachsene und dann bei der Oper von Dalla­piccola außer den Protago­nisten alle als Kinder. Und zwar alle im genau gleichen Ablauf, mit den gleichen Auftritten und Abgängen und sogar mit den gleichen Gesten. Und diese, wie frene­ti­sches Kratzen, spasti­sches Zucken und so weiter lassen an die Insassen einer Nerven­heil­an­stalt erinnern, was mit der Zeit ziemlich nervt und auch von der Musik ablenkt: Der spanische Hof, ein Narrenhaus. Auch scheinen die Personen wie auch die Protago­nisten meist mit starrem Blick ins Publikum unter­ein­ander kaum Inter­aktion zu führen. Der Regisseur lässt zudem auch beim Zwerg ständig einen Gefan­genen mit Fußketten und umgekehrt beim Gefan­genen einen Zwerg auftreten. Ein stets präsenter großer Bilder­rahmen leuchtet immer dann auf, wenn er zum Spiegel wird. Im Hinter­grund sieht man einmal ein Negativbild eines Porträts des Hoffräu­leins von Velasquez und im zweiten Teil eines vom Großin­qui­sitor de Guevara von El Greco. Insgesamt wirken all diese drama­tur­gi­schen Kunst­griffe ziemlich konstruiert, ergeben wenig Sinn und erschließen sich nicht.

Foto © Werner Kmetitsch

Musika­lisch hingegen lässt der Abend keine Wünsche offen: Die enorm schwere Partie des Zwerges singt Ales Briscein von der Natio­naloper Prag mit hellem, durch­schlags­kräf­tigem, sicherem Tenor und perfekten Spitzen­tönen. Tatjana Miyus ist die klar singende Infantin mit etwas kleinem Sopran, die zwischen Unschuld und etwas zu wenig boshafter Grausamkeit changiert. Ihre Lieblingszofe Ghita wird von Aile Asszonyi stimm­ge­waltig und sauber gesungen. Die singt auch sehr intensiv die leidende Mutter des Gefan­genen. Wilfried Zelinka singt profund den sehr strengen Haushof­meister Don Estoban. Markus Butter ist der isolierte Gefangene, den er mit dunkel gefärbtem Bariton sehr emotional singt. Zum Schluss kommt für ihn die Erkenntnis, dass die Hoffnung die schlimmste Folter von allen ist. Er geht einen Weg zur inneren Freiheit, dem der Tod nichts mehr anhaben kann. Manuel von Senden spielt und singt sehr intensiv den Kerker­meister und Großin­qui­sitor. Auch die vielen kleineren Partien und der Chor des Hauses aus dem off, der wie immer von Bernhard Schneider verlässlich einstu­diert wurde, sind sehr ambitio­niert und mit überwiegend hoher Qualität zu erleben.

Am Pult der Grazer Philhar­mo­niker steht Dirk Kaftan, der schei­dende Chefdi­rigent, er wird GMD in Bonn, der die spätro­man­tische Musik von Zemlinsky, das Geflecht der Themen und Harmonien mit vielen aufre­genden Details und wunder­baren Farben zum Glitzern und Leuchten bringt, wie auch die expressive, durch­bro­chene Zwölf­ton­musik von Dalla­piccola, vermischt mit tröst­licher Tonalität von Fernchören als Symbol des Glaubens, spannend erklingen lässt.

Großer Jubel im Publikum für die Wieder­erwe­ckung zweier hörens­werter Raritäten, wofür dem Grazer Opernhaus in höchstem Maße zu danken ist, und einige versprengte Buhs nicht nur für die Regie, sondern seltsa­mer­weise auch für den Dirigenten und den Titel­helden des Zwerges.

Helmut Christian Mayer

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