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Foto © Jürgen Meusel

Entfesseltes Biedermeier

TANNHÄUSER
(Richard Wagner)

Besuch am
25. März 2017
(Einma­liges Gastspiel)

 

Stadt­theater Herford

Die Reihen im Herforder Stadt­theater weisen beträcht­liche Lücken auf. Offen­sichtlich kann das Gastspiel des Nordharzer Städte­bund­theaters vom Publi­kums­an­drang zu den ehrgei­zigen ostwest­fä­li­schen Wagner-Produk­tionen in dieser Spielzeit nicht profi­tieren: der Walküre als Bestandteil des sich noch bis 2018 erstre­ckenden Mindener Rings und den Meister­singern in Detmold. Das ist zu bedauern, weil die Nordharzer in Herford ihre hörens- und im Blick auf Regie und Kostüme auch sehens­werte Produktion zeigen, mit der sie das 25jährige Jubiläum des Zusam­men­schlusses der Häuser in Halber­stadt und Quedlinburg begehen.

Oliver Klöter siedelt das Werk in einem Mittel­ge­birgs-Klein­staat an, der den Wiener Kongress überlebt hat. Die Zeichen stehen auf Restau­ration und damit auf Zwang. Einzig die Kunst bietet ein Ventil, doch nur, wenn sie am gesell­schaft­lichen Grund­konsens nicht rüttelt. Es ist daher auch für die Kreativen besser, die Zensur­schere im Kopf zu haben. Tannhäusers Minne­sän­ger­kol­legen fahren gut damit. Gesell­schaft­liche Stellung und materi­elles Auskommen sind gesichert. Vermeint­liche Nestbe­schmutzer wie Tannhäuser werden ausge­sondert, nieder­ge­macht gar. Einzig um des Serenis­simus‘ Nichte davor zu bewahren, kompro­mit­tiert zu werden, wird der Aufrührer nicht wie ein Hund erschlagen.  Latente Aggres­si­vität und offenen Gewalt­aus­bruch der Restau­ra­ti­ons­ge­sell­schaft zeigt Klöter mit einer Vehemenz, die nicht allein auf die Titel­figur eindringt, sondern von der sich auch die Zuschauer geradezu körperlich bedroht fühlen müssen. Elisabeth ist in dieser Sicht­weise alles andere als eine roman­ti­sierte Heilige.  Ihr Einsatz zur Rettung Tannhäusers ist massiv. Sie wirft sich der randa­lie­renden Sänger­bande samt übrigem Hofstaat geradezu entgegen. Elisabeth verweigert sich der Alter­native und den Klischees von Heiliger oder Hure. Sie weicht erst vom rebel­li­schen Geliebten, als feststeht, dass sein Leben gerettet ist und er nach Rom ziehen darf. Wie sie ihre Hand von der seinen löst, hat etwas tief Berüh­rendes. Körper­sprache und Mimik bezeugen im dritten Aufzug die bis ins Innerste reichende Erschüt­terung und existen­tielle Traurigkeit der weit über jede Konvention hinaus empfin­dungs­fä­higen Frau.  So wahrhaftig wie in dieser Produktion aus dem Nordharz ist das selten zu sehen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Das Bühnenbild von Andrea Kaempf lenkt ab. Im Hörselberg züngeln nervös, aber harmlos Video-Höllen­flammen. Die Residenz des Klein­staat-Poten­taten wurde von einem zu Recht wohl bald verges­senen Landschafts­maler dekoriert. Die Wände zieren bieder­mei­erlich-brave, doch detail­ver­liebte Aussichten ins Mittel­ge­birge. Das Wartburgtal erstarrt final zur fotota­pe­ten­haften Eiswelt. Grund- und Aufriss des Bühnen­bildes bleiben in allen drei Aufzügen im Wesent­lichen unver­ändert: ein Trapez aus drei Stell­wänden auf waage­rechter Grund­linie, dessen entschei­dende Qualität darin besteht, platz­sparend trans­por­tiert werden zu können.

Kaempf, die auch für die Kostüme verant­wortlich zeichnet, trägt vor allem zur Profi­lierung der Männer bei. Die Bieder­mei­erwelt des Hofstaates im Duodez­fürs­tentum ist geradezu dokumen­ta­risch einge­fangen. Durch die teilweise grellen Fräcke und eigen­willig gemus­terten Westen und Hosen der Minne­sänger wird augen­fällig, dass die modischen Extra­va­ganzen ins Kraut schießen, wo es an tatsäch­licher Freiheit gebricht. Tannhäuser setzt sich bereits in der Kleider­frage deutlich von der Wartburg­ge­sell­schaft ab. Im Hörselberg trägt er existen­tia­lis­ti­sches Schwarz, im Sängersaal einen weißen John-Travolta-Anzug.

Der von Jan Rozenahl einstu­dierte hauseigene Chor, verstärkt durch Extrachor und Coruso-Chor, singt gediegen, klingt aber etwas trocken.

Das Orchester des Nordharzer Städte­bund­theaters unter Musik­di­rektor und Intendant Johannes Rieger musiziert hoch achtbar. Dass die nicht üppig besetzten Streicher den Ton gelegentlich treiben, liegt in der Natur der Sache. Dafür entschä­digen kammer­mu­si­ka­lisch nuanciert ausge­hörte Stellen. Die Bläser können an Präzision gewinnen.

Foto © Jürgen Meusel

Wertzu­schätzen ist die sänge­rische Intel­ligenz und Ökonomie, mit der Raymond Sepe die Titel­partie angeht.  Sepe operiert fortwährend auf der Grenze seiner Möglich­keiten. Aber das höchst bewusst. Das feit ihn vor dem Scheitern. Er verfügt daher final über Reserven, um Spannung und Emphase in die Rom-Erzählung zu legen. Die Elisabeth von Annabelle Pichler gebietet sowohl über lyrische Quali­täten als auch drama­tische Attacke. Pichler zeichnet ein stimmlich starkes und darstel­le­risch beinahe emanzi­piertes Rollen­porträt.  Die sinnlich timbrierte Gerlind Schröder entlockt ihrer Venus eine geradezu südliche Note. Juha Koskelas Wolfram nimmt durch samtiges Timbre für sich ein. Koskela hält sich erst einmal vornehm zurück, um schließlich mit einem bezwingend elegant phrasierten Lied an den Abend­stern aufzu­warten. Gijs Nijkamp als Landgraf und Tobias Amadeus Schöner als Walther von der Vogel­weide bewähren sich rollen­de­ckend. Der Biterolf von Norbert Zilz klingt leicht brüchig. Aufhorchen lässt der jubelnde junge Hirt von Bénédicte Hilbert.

Der Applaus setzt alles daran, die Akteure für die lichten Reihen zu entschädigen.

Das 1961 einge­weihte, denkmal­ge­schützte Herforder Stadt­theater ist in der Regel weitaus besser ausge­lastet als an diesem Abend. Es besteht aller­dings erheb­licher Sanie­rungs­bedarf. Wasser­lei­tungen, Lüftungs­system und Heizung sind alters­schwach. Auch Feuch­tig­keits­schäden setzen dem Bau zu. Ein Antrag der Stadt auf Zuschuss aus Bundes­mitteln wurde abgelehnt. Der Magistrat hat gleichwohl signa­li­siert, er werde zum Haus stehen. Die dauer­hafte bauliche Sicherung des Spiel­be­triebs soll etwa sieben Millionen Euro erfordern. Für die kommende Spielzeit sind unter anderem der Fliegende Holländer und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vorgesehen.

Michael Kaminski

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