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FETISH BAROQUE
(Georg Kroneis)
Besuch am
27. März 2017
(Einmalige Aufführung)
Seit Mitte März läuft das Kölner Fest für Alte Musik, das vom Zentrum für Alte Musik in Köln veranstaltet wird. Erklärtes Ziel des Künstlerischen Leiters, Thomas Höft, ist, den Menschen Spaß an der Alten Musik zu vermitteln. Einer der Höhepunkte des Festes, das noch bis zum 2. April läuft, ist sicher die Aufführung von Fetish Baroque in der Volksbühne am Rudolfplatz.
Volksbühne? Die Kölner kennen das Haus an der Aachener Straße wohl eher unter dem Namen Millowitsch-Theater. So verkünden es auch weiterhin die Leuchtbuchstaben an der Hausfassade. Und damit wird es zu einem der geschichtsträchtigsten Orte der Stadt. Hier regierte über viele Jahrzehnte der typisch kölsche Humor, den allein Willy Millowitsch über 40 Jahre lang prägte – unter dem Namen Volksbühne wird es in Zukunft eine Mischung aus Comedy und kölschem Brauchtum geben. Auch Peter Millowitsch wird weiterhin die Möglichkeit bekommen, seine Stücke dort zu präsentieren. Aber längst sind alle Insignien der Millowitsch-Dynastie verschwunden. Heute ist es eine kleine, plüschige Bühne, die hoffentlich noch lange überleben wird, weil sie die Erinnerung an ein Stück kölnischer Volksschauspielkunst wachhält.
In klassischer Win-win-Situation ist die Volksbühne auf Höft zugekommen und hat ihn gebeten, die Spielstätte in sein Fest Alter Musik einzubeziehen. Auf der anderen Seite gab es damit eine gute Gelegenheit, ein ungewöhnliches Experiment zu wagen. Fetisch und Barock – was haben die beiden Begriffe miteinander zu tun, sich zu sagen, wo passen sie zusammen oder auch nicht? Höft beauftragte Georg Kroneis, einen Abend zusammenzustellen, der solche Fragen beantwortete. Bedingung ist, Sängerin Marie Friederike Schöder miteinzubeziehen, die bei einer Offenbach-Aufführung wenige Monate zuvor an der Volksbühne aufgefallen war.
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Ein ungewöhnliches Projekt, das im ausverkauften Haus viele Menschen anzieht, die selbst dem Leder-Fetisch mehr oder minder überzeugt frönen. Aber das ist das Schöne daran, es gibt kein Schwarz und Weiß, die Grenzen sind fließend. Sieht man diesen Abend repräsentativ, scheint der Leder-Fetisch in erster Linie ältere Schwule anzusprechen. Die sind zumindest im Publikum auffallend stark vertreten.
Kroneis selbst eröffnet den Abend mit ein paar englischsprachigen Solo-Nummern, ehe Moderator Thorsten Buhl die Bühne betritt. Er ist Mr Leather Europe 2015 und tritt selbstverständlich in Ledermontur mit Schirmmütze und Vollbart an. Die Moderation klingt hölzern, wird aber auswendig vorgetragen und versucht immer wieder, Zusammenhänge zwischen Fetisch und Barock herzustellen. Das ist so gewollt und beliebig, dass man sich über solche Gemeinsamkeiten weiter keine Gedanken zu machen braucht und stattdessen lieber einen herrlich bizarren Abend genießt.
Die sieben Musiker des Ensembles Fetish Baroque treten selbstverständlich ebenfalls in Lederkluft auf. Dass die Musiker diesen Spaß mitmachen, war wohl das wichtigste Auswahlkriterium. Denn das Concerto grosso IV da Chiesa von Arcangelo Corelli ist als solches nicht recht zu erkennen. Möglicherweise müssen die eigentlich gestandenen Musiker erst mal selbst mit der ungewöhnlichen Auftrittssituation zurechtkommen. Michael Hell als musikalischer Leiter am Cembalo präsentiert sich schmalbrüstig mit Lederweste, ‑hose und Sonnenbrille. Im ähnlichen Outfit tritt auch Violinist Patrizio Germone auf. Der zweite Geiger Raffaele Nicoletti versucht es gar im Gladiatoren-Lederrock. Nicolas Verhoeven wählt ergänzend Lederkäppi und rotes Tuch. An Theorbe und Barock-Gitarre zeigt sich Igor Davidovics ebenfalls in Lederweste auf entblößter Brust und dazu passender Hose. Das mit der nackten Brust lässt Bratschistin Gunda Hagmüller lieber und zeigt sich im nietenverzierten Hosenanzug. Kroneis steht mit Brustgeschirr, Mütze und Sonnenbrille am Kontrabass. Das Leder passt gut zum alten Holz der historischen Instrumente.

Davon hebt sich Marie Friederike Schöder deutlich ab, als sie in silber-gold-glitzernder Abendrobe auftritt, um Georg Friedrich Händels Lascia ch’io pianga, die Arie der Almirena aus Rinaldo zu singen. Eine sehr freie Interpretation, die sie zugunsten eines wunderbar komischen Auftritts immer mal wieder vom Original abweichen lässt. Da stehen Grimassen, rollende Augen und verrückte Gesten im Vordergrund. Das wird auch bei den späteren Arien so bleiben, wenn sie ihre Robe gegen ein schwarzes Abendkleid tauschen wird. Wunderbar der gespielte Koloraturdialog mit dem virtuosen Blockflötenspiel von Michael Hell. Den Kleidertausch hätte sie allerdings mal lieber gelassen. Denn als sie im Finale das Kleid abstreifen will, um im Sporttrikot ihren Tanz an der Stange zu zeigen, klemmt prompt der Reißverschluss. Aber Schöder löst auch das zum größten Vergnügen der Zuschauer mit Bravour und Vehemenz. Und neben einigen eindrucksvollen Figuren an der Stange gefällt den Gästen am meisten, dass sie zwischendurch die Metallstange mit einem Handtuch in reibenden Bewegungen von Fett und Schweiß befreien muss.
Zuvor schon hat sie mit der Arie der Costanza Agitata da due venti aus Vivaldis La Griselda für viel Gelächter gesorgt, weil sie sich zwischen zwei Ventilatoren mit geöffnetem Haar in grotesken Posen zeigt. Das sorgt für erheblich mehr Spaß als der burlesque striptease von Philippe & Jey. Die beiden Muskelpakete bleiben hinter den Erwartungen zurück, als sie mit zuckenden Bewegungen zu Antonio Vivaldis Folia Hemden und Hosen ablegen. Die Aktion erinnert doch mehr an einen Werbeauftritt für Anabolika als an ein erotisches Amüsement.
Abgerundet wird der Abend von zwei Männern aus dem Publikum, die sich wegen einer Nichtigkeit in die nicht vorhandenen Haare kriegen und tuntig laut werden. Über den Rest des Abends breitet sich der vornehme Mantel des Schweigens, denn die After-Show-Party findet dann unter Ausschluss des weiblichen Publikums in einem Klub statt. Bis dahin verabschieden sich die Bühnenarbeiter unter tosendem Applaus und Bravo-Rufen.
Michael S. Zerban