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GLÜCK, DAS MIR VERBLIEB
(Le Quatuor Romantique)
Besuch am
31. März 2017
(Einmalige Aufführung)
Allmählich neigt sich das diesjährige Kölner Fest der Alten Musik dem Ende zu. Unter dem diesjährigen Motto Greatest Hits findet noch ein ganz besonderer Abend mit dem Titel Glück, das mir verblieb statt. Eigentlich haben die Programmverantwortlichen alles richtig gemacht. Große Schlager der Alten Musik werden in ungewöhnlicher Spielweise präsentiert. Dazu tritt eine Opernsängerin auf, deren Name auch älteren Opernfans in Köln ein Begriff sein sollte. Trotzdem sind die Sitzplätze im Saal der Balloni-Hallen in Köln-Ehrenfeld nur zur Hälfte besetzt.
Es darf spekuliert werden. Zauberflöte mit Guildo Horn, Fetish Baroque, Fugit oder Salonmusik: Sicher erregt der Künstlerische Leiter Thomas Höft mit solchen Programmpunkten Aufsehen über den „eingeweihten Kreis“ der Alte-Musik-Besucher hinaus. Ob es ihm gelingt, neue Besuchergruppen mit solchen Einzelthemen dauerhaft zu erschließen, kann man zumindest diskutieren. Alte-Musik-Freunde scheinen doch eher Bach, Telemann und Zeitgenossen verbunden zu sein. Vielleicht sind auch die Greatest Hits etwas abgenutzt. In den 1970-er bis 1990-er Jahren war das ein Verkaufsargument. Heute, in einer Zeit, in der die größten Schlager jeder Zeit allüberall verfügbar sind, suchen die Menschen in ihrer Vergnügungssucht doch eher das Ungewöhnliche, die „Ausgrabung“, das bislang Unbekannte. Da wird es schon im kommenden Jahr wieder konkreter. Dann heißt das Motto Krieg und Frieden mit dem Schwerpunkt auf den Ersten Weltkrieg.
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Vorläufig aber ist erst einmal zu entscheiden, wer an diesem Abend Recht hat: Diejenigen, die gekommen sind oder diejenigen, die sich gegen die Salonmusik entschieden haben. In der Folge höfischer Musik entwickelte die Aufführungsform sich zunächst in den feinen Wohnzimmern vornehmer Bürger. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet der Salon zur Massenbewegung. Oper war ein teurer Spaß, Massenmedien gab es nicht. Ein paar Musiker, die eine behagliche Atmosphäre herstellen, waren schnell für vergleichsweise wenig Geld bestellt. Mit zunehmender Verflachung des Angebots geriet auch die Salonmusik mehr und mehr in Misskredit. Seit etwa 1980 läuft die Wiederentdeckung der anspruchsvollen Salonmusik. Bis heute aber polarisiert sie.
Le Quatuor Romantique schafft keine Gegensätze, sondern begeistert. Mit eigenen Arrangements gelingt den vier Musikern ein origineller Klang, der dem der Salonmusik nachspürt. Dazu bedürfte es nicht einmal der Eigenheiten, die sie mit auf die Bühne bringen. Geigerin Maria Bader-Kubizek tritt barfuß auf. Joachim Diessner, der Mann am Harmonium, trägt einen bodenlangen Frack mit roten Knöpfen auf dem Rücken und an den Ärmeln, passend dazu rote Lackschuhe und einen goldenen Ohrring. Dagegen wirken Leo Bartussek am Cello und Pascal Schweren am Flügel schon beinahe wie zwei biedere Musikschullehrer, so brav gekleidet kommen sie daher. Dass sie allesamt auf historischen Instrumenten spielen, versteht sich von selbst.

Und wie es sich für ein gut funktionierendes Quartett gehört, übernimmt hier jeder die ihm zugehörigen Aufgaben. Pianist Schweren sorgt für einen Großteil der Arrangements, Geigerin Bader-Kubizek geht gern mit geschlossenen Augen in die Führung. Diessner fühlt sich am Harmonium ein wenig als exzentrischer Außenseiter und Bartussek reiht sich nahtlos ein. Schon in der Ouvertüre zum Freischütz von Carl Maria von Weber wird klar: Das funktioniert. Frisch aufgespielt, hat das Publikum noch keinen rechten Zugang, auch wenn hier die meisten „Hits“ aus der Oper schon angespielt werden. Leichter wird es da schon bei Ludwig van Beethovens Mondscheinsonate, die etwas sehr getragen wirkt, aber sentimentale Gemüter beim anschließenden Applaus hörbar berührt.
Ein Vorspiel, mehr nicht. Denn anschließend tritt Iris Vermillion im roten, schillernden Samtkleid mit großem Dekolleté auf und stimmt die Wesendonck-Lieder an. Fünf Lieder, die Richard Wagner anhand von Gedichten Mathilde Wesendoncks komponiert hat. Umstände der Entstehung und die Bedeutung der Lieder sind so bekannt, dass weitere Erläuterungen überflüssig sind. Vermillion verfügt über eine ungewöhnliche Stimme. Ihr Mezzosopran zeichnet sich durch ein ungewöhnlich tiefes Timbre aus. Das macht diese Stimme so einzigartig, dass sie zu einer großen Karriere reichte. Ungewöhnlich aber auch, dass eine Sängerin solchen Formats mit Notenblättern auftritt. Ganz abgesehen davon, dass sie sich damit hinter dem hochgezogenen Notenständer versteckt, verführt das vorliegende Blatt natürlich auch, mitzublättern und hin und wieder einen Blick zu werfen. Das ist für einen solchen Abend eindeutig nicht angemessen. Ansonsten ist ihr Vortrag tadellos, einfühlsam, textverständlich, emotional und bewegend.
Begleitet wird sie mit dem zuckrigen Schmelz der Romantik. Ob die Wagner-Lieder das brauchen, mag ein jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht hätte hier mehr Mut im Arrangement auch mehr Wirkung erbracht. „Keinen Wunsch mehr will das Innere zeugen“, heißt es im Wesendonck-Lied Stehe still! Der anschließende Blumenwalzer aus dem Nussknacker von Pjotr Iljitsch Tschaikowski jedenfalls gelingt schwungvoll und erzeugt eine Stimmung, wie wir sie in den Wiener Kaffeehäusern lieben.
Jacques Offenbach sah für seinen Orpheus in der Unterwelt keine Ouvertüre vor. Das wurde zum Problem, als die Wiener Erstaufführung des Werks vorgesehen war. Also schrieb Carl Binder, der Dirigent der Erstaufführung, kurzerhand eine Ouvertüre dazu, in der er die griffigsten Motive vorwegnahm. Selbstverständlich gehört dazu auch der Can Can, der hier geradezu überschäumend intoniert wird. Da sorgt das Glück, das mir verblieb – Mariettas Lied aus Wolfgang Korngolds Die tote Stadt – für schwermütige Abkühlung der erhitzten Gemüter. Emanuel Chabriers Espana darf man getrost unter Zwischenspiel verbuchen, zumal hier einmal mehr die Klänge des Harmoniums unter das Pedal des Flügels geraten. Das Finale des Abends gestaltet Vermillion mit einem Ausflug in die Welt der Carmen. Und es scheint, als habe Georges Bizet seine Habanera für diese Stimme geschrieben. Auch mit der Seguidilla kann die Sängerin punkten, die gemeinsam mit dem Instrumental-Quartett anschließend mit Applaus überschüttet wird.
Da darf die Zugabe nicht fehlen. Und hier überrascht das Quatuor Romantique mit einem der allergrößten Schlager aller Zeiten, als es nach ein paar Takten zu einem Happy Birthday, Iris umschwenkt. Thomas Höft lässt es sich nicht nehmen, dem Geburtstagskind selbst den Blumenstrauß zu überreichen. Dass sich in das abschließende Ombra mai fu aus Georg Friedrich Händels Oper Xerxes die Rührung der Sängerin einschleicht, mag niemand übelnehmen. Und so kommt ein höchst abwechslungsreicher, wunderbar gestalteter Abend der Salonmusik zu einem versöhnlichen Ende. Verpasst haben hier allenfalls die Menschen etwas, die nicht da waren. Am Sonntag steht noch das große Abschlusskonzert mit Messen von Josquin Desprez und Giovanni Pierluigi Palestrina an. Und dann heißt es Warten auf Krieg und Frieden.
Michael S. Zerban