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Foto © Stefan Flach

Ungewöhnliche Klänge zum Geburtstag

GLÜCK, DAS MIR VERBLIEB
(Le Quatuor Romantique)

Besuch am
31. März 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Kölner Fest für Alte Musik 2017,
Balloni-Hallen

Allmählich neigt sich das diesjährige Kölner Fest der Alten Musik dem Ende zu. Unter dem diesjäh­rigen Motto Greatest Hits findet noch ein ganz beson­derer Abend mit dem Titel Glück, das mir verblieb statt. Eigentlich haben die Programm­ver­ant­wort­lichen alles richtig gemacht. Große Schlager der Alten Musik werden in ungewöhn­licher Spiel­weise präsen­tiert. Dazu tritt eine Opern­sän­gerin auf, deren Name auch älteren Opernfans in Köln ein Begriff sein sollte. Trotzdem sind die Sitzplätze im Saal der Balloni-Hallen in Köln-Ehrenfeld nur zur Hälfte besetzt.

Es darf speku­liert werden. Zauber­flöte mit Guildo Horn, Fetish Baroque, Fugit oder Salon­musik: Sicher erregt der Künst­le­rische Leiter Thomas Höft mit solchen Programm­punkten Aufsehen über den „einge­weihten Kreis“ der Alte-Musik-Besucher hinaus. Ob es ihm gelingt, neue Besucher­gruppen mit solchen Einzel­themen dauerhaft zu erschließen, kann man zumindest disku­tieren. Alte-Musik-Freunde scheinen doch eher Bach, Telemann und Zeitge­nossen verbunden zu sein. Vielleicht sind auch die Greatest Hits etwas abgenutzt. In den 1970-er bis 1990-er Jahren war das ein Verkaufs­ar­gument. Heute, in einer Zeit, in der die größten Schlager jeder Zeit allüberall verfügbar sind, suchen die Menschen in ihrer Vergnü­gungs­sucht doch eher das Ungewöhn­liche, die „Ausgrabung“, das bislang Unbekannte. Da wird es schon im kommenden Jahr wieder konkreter. Dann heißt das Motto Krieg und Frieden mit dem Schwer­punkt auf den Ersten Weltkrieg.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Publikum  
Chat-Faktor  

Vorläufig aber ist erst einmal zu entscheiden, wer an diesem Abend Recht hat: Dieje­nigen, die gekommen sind oder dieje­nigen, die sich gegen die Salon­musik entschieden haben. In der Folge höfischer Musik entwi­ckelte die Auffüh­rungsform sich zunächst in den feinen Wohnzimmern vornehmer Bürger. Zu Beginn des 19. Jahrhun­derts geriet der Salon zur Massen­be­wegung. Oper war ein teurer Spaß, Massen­medien gab es nicht. Ein paar Musiker, die eine behag­liche Atmosphäre herstellen, waren schnell für vergleichs­weise wenig Geld bestellt. Mit zuneh­mender Verfla­chung des Angebots geriet auch die Salon­musik mehr und mehr in Misskredit. Seit etwa 1980 läuft die Wieder­ent­de­ckung der anspruchs­vollen Salon­musik. Bis heute aber polari­siert sie.

Le Quatuor Roman­tique schafft keine Gegen­sätze, sondern begeistert. Mit eigenen Arran­ge­ments gelingt den vier Musikern ein origi­neller Klang, der dem der Salon­musik nachspürt. Dazu bedürfte es nicht einmal der Eigen­heiten, die sie mit auf die Bühne bringen. Geigerin Maria Bader-Kubizek tritt barfuß auf. Joachim Diessner, der Mann am Harmonium, trägt einen boden­langen Frack mit roten Knöpfen auf dem Rücken und an den Ärmeln, passend dazu rote Lackschuhe und einen goldenen Ohrring. Dagegen wirken Leo Bartussek am Cello und Pascal Schweren am Flügel schon beinahe wie zwei biedere Musik­schul­lehrer, so brav gekleidet kommen sie daher. Dass sie allesamt auf histo­ri­schen Instru­menten spielen, versteht sich von selbst.

Iris Vermillion – Foto © Stefan Flach

Und wie es sich für ein gut funktio­nie­rendes Quartett gehört, übernimmt hier jeder die ihm zugehö­rigen Aufgaben. Pianist Schweren sorgt für einen Großteil der Arran­ge­ments, Geigerin Bader-Kubizek geht gern mit geschlos­senen Augen in die Führung. Diessner fühlt sich am Harmonium ein wenig als exzen­tri­scher Außen­seiter und Bartussek reiht sich nahtlos ein. Schon in der Ouvertüre zum Freischütz von Carl Maria von Weber wird klar: Das funktio­niert. Frisch aufge­spielt, hat das Publikum noch keinen rechten Zugang, auch wenn hier die meisten „Hits“ aus der Oper schon angespielt werden. Leichter wird es da schon bei Ludwig van Beethovens Mondschein­sonate, die etwas sehr getragen wirkt, aber senti­mentale Gemüter beim anschlie­ßenden Applaus hörbar berührt.

Ein Vorspiel, mehr nicht. Denn anschließend tritt Iris Vermillion im roten, schil­lernden Samtkleid mit großem Dekolleté auf und stimmt die Wesen­donck-Lieder an. Fünf Lieder, die Richard Wagner anhand von Gedichten Mathilde Wesen­doncks kompo­niert hat. Umstände der Entstehung und die Bedeutung der Lieder sind so bekannt, dass weitere Erläu­te­rungen überflüssig sind. Vermillion verfügt über eine ungewöhn­liche Stimme. Ihr Mezzo­sopran zeichnet sich durch ein ungewöhnlich tiefes Timbre aus. Das macht diese Stimme so einzig­artig, dass sie zu einer großen Karriere reichte. Ungewöhnlich aber auch, dass eine Sängerin solchen Formats mit Noten­blättern auftritt. Ganz abgesehen davon, dass sie sich damit hinter dem hochge­zo­genen Noten­ständer versteckt, verführt das vorlie­gende Blatt natürlich auch, mitzu­blättern und hin und wieder einen Blick zu werfen. Das ist für einen solchen Abend eindeutig nicht angemessen. Ansonsten ist ihr Vortrag tadellos, einfühlsam, textver­ständlich, emotional und bewegend.

Begleitet wird sie mit dem zuckrigen Schmelz der Romantik. Ob die Wagner-Lieder das brauchen, mag ein jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht hätte hier mehr Mut im Arran­gement auch mehr Wirkung erbracht. „Keinen Wunsch mehr will das Innere zeugen“, heißt es im Wesen­donck-Lied Stehe still! Der anschlie­ßende Blumen­walzer aus dem Nussknacker von Pjotr Iljitsch Tschai­kowski jeden­falls gelingt schwungvoll und erzeugt eine Stimmung, wie wir sie in den Wiener Kaffee­häusern lieben.

Jacques Offenbach sah für seinen Orpheus in der Unterwelt keine Ouvertüre vor. Das wurde zum Problem, als die Wiener Erstauf­führung des Werks vorge­sehen war. Also schrieb Carl Binder, der Dirigent der Erstauf­führung, kurzerhand eine Ouvertüre dazu, in der er die griffigsten Motive vorwegnahm. Selbst­ver­ständlich gehört dazu auch der Can Can, der hier geradezu überschäumend intoniert wird. Da sorgt das Glück, das mir verblieb – Mariettas Lied aus Wolfgang Korngolds Die tote Stadt – für schwer­mütige Abkühlung der erhitzten Gemüter. Emanuel Chabriers Espana darf man getrost unter Zwischen­spiel verbuchen, zumal hier einmal mehr die Klänge des Harmo­niums unter das Pedal des Flügels geraten. Das Finale des Abends gestaltet Vermillion mit einem Ausflug in die Welt der Carmen. Und es scheint, als habe Georges Bizet seine Habanera für diese Stimme geschrieben. Auch mit der Segui­dilla kann die Sängerin punkten, die gemeinsam mit dem Instru­mental-Quartett anschließend mit Applaus überschüttet wird.

Da darf die Zugabe nicht fehlen. Und hier überrascht das Quatuor Roman­tique mit einem der aller­größten Schlager aller Zeiten, als es nach ein paar Takten zu einem Happy Birthday, Iris umschwenkt. Thomas Höft lässt es sich nicht nehmen, dem Geburts­tagskind selbst den Blumen­strauß zu überreichen. Dass sich in das abschlie­ßende Ombra mai fu aus Georg Friedrich Händels Oper Xerxes die Rührung der Sängerin einschleicht, mag niemand übelnehmen. Und so kommt ein höchst abwechs­lungs­reicher, wunderbar gestal­teter Abend der Salon­musik zu einem versöhn­lichen Ende. Verpasst haben hier allen­falls die Menschen etwas, die nicht da waren. Am Sonntag steht noch das große Abschluss­konzert mit Messen von Josquin Desprez und Giovanni Pierluigi Palestrina an. Und dann heißt es Warten auf Krieg und Frieden.

Michael S. Zerban

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