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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
(Richard Wagner)
Besuch am
1. April 2017
(Premiere am 19. März 2016)
Wenn ein Chefregisseur sich nach mehr als 26 Jahren Tätigkeit von seinem Haus und seinem Publikum verabschiedet, dann muss es ein besonderes Werk sein, um sich mit dem letzten Male in bleibender Erinnerung zu verneigen. Michael Heinicke wählt dafür Wagners Meistersinger von Nürnberg, die er, nachdem er zuvor alle zehn in Bayreuth aufgeführten Werke Wagners in einem Zeitraum von zwanzig Jahren in Chemnitz auf die Bühne gebracht hatte, nun zum zweiten Mal inszeniert. Mit Peter Sykora holte sich Heinicke für das Bühnenbild und die Kostüme einen alten Weggefährten und Wagner-Kenner an seine Seite. Entstanden sind dabei ein eigenes Kunstwerk und eine wunderbar geistvolle, aber nicht ironische Interpretation dieses Werkes. Kaum ein anderes Werk in der Opernliteratur ist politisch so belastet wie Wagners Meistersinger von Nürnberg, und kaum ein anderes Werk ist so häufig als Zielscheibe geschichtlicher Aufarbeitung durch Regisseure benutzt worden wie eben dieses Werk, leider oft unter Verkennung der ursprünglichen historischen und musikalischen Interpretation. Michael Heinicke ist sicher frei von allen Verdächtigungen, dieses Werk deutschtümelnd und die jüngere Geschichte ignorierend auf die Bühne zu bringen. Heinicke liebt seinen Wagner, und so hat er mit dieser letzten Inszenierung selbst ein Meisterwerk vollbracht, indem er werktreu, aber mit dem ihm eigenen Gespür für Beziehungsgeflechte und großem handwerklichem Können eine subtile Personenregie anlegt, die die Charaktere durchleuchtet und ihre Stärken und Schwächen schonungslos offenbart.
Die in der Wagnerinterpretation verbreitete Auffassung, die Charaktere in den Meistersingern seien aufgrund ihrer kleinen Fehler, ihres Spießertums und ihres Hanges zum Bloßstellen der anderen so besonders glaubwürdig und menschlich, greift Heinicke gerne auf. Wenn Hans Sachs vor einem kleinen Fliederbusch stehend seinen ersten großen Monolog singt, oder in der Schusterstube sitzend sich die Haare rauft, meint man fast die gute alte deutsche Oper zu sehen, mit dem Hauch von Heimat und Deutschtum. Aber eben nur fast. Bevor das Vorspiel erklingt, zeigt das Bühnenbild von Peter Sykora, dass dieses Werk der Kunst und der Aufklärung dient. Die Handlung der Meistersinger hat Heinicke in eine Museumsrotunde verlegt. Ausgestellt sind in diesem Raum 1494, dessen Nummerierung mit dem Jahr der Geburt Hans Sachs am 5. November in Nürnberg übereinstimmt, bis auf eine Ausnahme Meisterwerke der italienischen Renaissance. An den Wänden hängen Gemälde von Albrecht Dürer und Lucas Cranach und etwas abseits auch Friedrich Overbecks Darstellung von Germania und Italia. Eine riesige Staffelei ist zunächst nur von hinten zu sehen. Davor stehen karge Bänke, zugleich das Kirchengestühl, auf dem der Chor Platz nehmen wird. In diesem Bühnenbild sind Handwerk, Kunst und Religion gleichberechtigt nebeneinander. Auch die Kostüme sind sehr stark stilisiert, aber man erkennt die Gegebenheiten der Renaissance. Es wirkt wie ein ideelles Bild, als ob man ein historisches Kostümbuch aufschlägt.
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Bevor die gewaltige Ouvertüre erklingt, tritt Richard Wagner höchst persönlich auf. Wagner hatte bereits zwei Drittel seiner Tetralogie Der Ring des Nibelungen vollendet, als er aus akuter Geldnot ein „leicht zu realisierendes“ Werk für einen schnellen Erfolg brauchte. Als Tristan und Isolde diesen Zweck nicht erfüllte, begann er 1861 mit der Dichtung der Meistersinger von Nürnberg. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Wagner, dass bei einem kurzen Aufenthalt in Venedig ihn der Anblick eines Marienbilds, der Assunta, von Tizian so bewegt haben soll, dass er spontan beschloss, die Meistersinger von Nürnberg nun auszuführen. In dieser Inszenierung empfängt Wagner nun diese Inspiration, vor einer Skulptur von Hans Sachs versetzt er sich ins mittelalterliche Nürnberg. Die Renaissance erwacht in schweren, reichen Kostümen, mit Sitten und Bräuchen dieser Zeit. Wagner dreht die Staffelei zum Publikum, um quasi alle an seinem Erleben teilhaben zu lassen. Das Museum ist dabei nicht nur Ort von Exponaten, sondern gleichzeitig ein Tempel der Musen, der Kunst und der Musik. Ein junges Mädchen aus der Besuchergruppe geht auf Wagner zu und erscheint ihm wie eine Muse, wie ein Quell der Inspiration. Die alte Kunst und das junge Leben sind vereint, und zu den mächtigen Klängen der Ouvertüre können das Werk und die Kunst beginnen. Heinicke hat mit seinem Kunstraum eine Umgebung geschaffen, in dem die Auseinandersetzung mit der festgelegten Meisterkunst als eigentlicher Konflikt im Vordergrund steht, und der junge, revolutionäre Walther von Stolzing hier die etablierte, in alten Wertevorstellungen und Regeln behaftete Meistergilde kräftig durcheinander wirbelt. Lediglich Hans Sachs, als Poet selbst ein Freigeist, sieht in dem Junker seine längst vergessene junge Seite und unterstützt ihn fast väterlich. Durch die differenziert angelegte Beleuchtung von Matthias Vogel wirkt die Szenerie sehr ausdrucksstark. Großartig gelungen die Prügelszene am Ende des zweiten Aufzugs, da werden Knüppel, Hobel und Hämmer wild geschwungen, kaum einer der Protagonisten kommt da ohne Blessuren davon. Und auch Overbecks Gemälde von Germania und Italia hat danach einen großen Riss. Im dritten Aufzug zeigt Heinecke Hans Sachs von seiner ganz intimen Seite, in seiner kleinen Bibliothek neben der Schusterstube sitzend, sinnierend, ein großer Moment. Der Umbau zur Festwiesenszene erfolgt bei geschlossenem Vorhang, um wieder Platz zu schaffen für das große Finale, indem am Schluss Hans Sachs Stolzing und Beckmesser in die Mitte holt, die sich versöhnungsvoll die Hände reichen, nachdem Eva sich für Walther entschieden hat.

Sängerisch und musikalisch darf man, bis auf wenige Einschränkungen, diesen Abend ebenfalls meisterlich nennen. Allen voran Jacek Strauch als Hans Sachs. Sein sonorer und geschmeidiger Bariton verleiht dem Charakter Wärme und Ausdruck, aber er kann auch forcieren und den Sachs mit Ecken und Kanten singen. Während Strauch den Fliedermonolog im zweiten Aufzug sehr lyrisch und romantisch anlegt, gelingt der Wahnmonolog im dritten Aufzug als charismatischer Ausbruch. Und in seiner Schlussansprache brechen alle Emotionen aus ihm heraus, fast schon aggressiv reagiert er auf die Weigerung Stolzings, die Meisterehre anzunehmen. Lediglich die Textverständlichkeit und Textsicherheit haben noch Verbesserungspotenzial. Wolfgang Schwaninger singt die Partie des Walther von Stolzing mit großer Eleganz und edlem Tenor, der mit einem geschmeidigen baritonalem Timbre ausgestattet ist und trotzdem Strahlkraft in den Höhen versprüht. Mit einem fast schon Belcanto-Stil singt er das Preislied, eine kurzfristige Indisposition versagt ihm leider einen makellosen Auftritt. Maraike Schröters Eva ist lyrisch angelegt, mit ausdrucksstarken und ins jugendlich-dramatische Fach reichende Ausbrüche und reinen und ungebrochenen Spitzentönen. Beim wunderbaren Quintett im dritten Aufzug ragt sie stimmlich heraus. André Riemer als David ist altersmäßig und daher auch stimmlich dieser Rolle nicht mehr ganz gewachsen, sein heller Tenor besitzt zwar Durchschlagskraft, wird in den Höhen aber etwas eng. Tiina Penttinen als Magdalene verfügt zwar über einen jugendlichen Mezzo-Sopran, der aber in den Höhen etwas schrill und unangenehm klingt. Alle fünf Stimmen, so unterschiedlich sie in ihrer Ausprägung angelegt sind, mischen sich im Quintett im dritten Aufzug zu einer anrührenden Harmonie, die neben dem Preislied des Stolzing und der Schlussansprache des Hans Sachs zum musikalischen Höhepunkt wird. Martin Kronthaler gibt den Sixtus Beckmesser mit wohltönendem Bariton und couragiertem Spiel und begeistert mit komödiantisch vorgetragener Pedanterie. Magnus Piontek lässt stimmgewaltig seinen edlen Bass als Veit Pogner erklingen und überzeugt auch durch seine Textverständlichkeit. Die Meistersinger singen ihre Partien individuell charakterisierend auf hohem Niveau. László Varga gibt den Nachtwächter mit jugendlichem Bass.
Chor und Extrachor der Oper Chemnitz sind von Stefan Bilz hervorragend eingestimmt und gefallen durch große Harmonie und Spielfreude. Der Wach-auf-Chor im dritten Aufzug sei hier exemplarisch genannt. Die Robert-Schumann-Philharmonie begeistert durch eine beeindruckende Klangmalerei, aus der die Bläser dominant sauber hervorstechen. Ist das Vorspiel zum ersten Aufzug kraftvoll und dynamisch, so erklingt das Vorspiel zum dritten Aufzug zart und fast melancholisch. Am Pult steht mit dem jungen Dirigenten Guillermo Garcia Calvo der zukünftige Generalmusikdirektor der Oper Chemnitz. Und er gibt eine exzellente Visitenkarte ab. Calvo führt die Orchestermusiker mit klarem Gestus durch die Partie. Er arbeitet Farbnuancen heraus, wechselt klug die Tempi und trägt die Sänger, besonders im großen Quintett. Die Robert-Schumann-Philharmonie wird von ihm hervorragend und diszipliniert geleitet, mit einem deutlichen Hang zu jugendlich-beschwingten und eher leichten Meistersingern, die großen lauten Blech-Passagen sind dabei dezent zurückgenommen. Seine musikalische Interpretation unterstreicht den Regieansatz von Michael Heinicke.
Das Chemnitzer Publikum honoriert die Gesamtleistung mit großem, anhaltendem Beifall, wobei ein Zuschauer sich vor Begeisterung nicht zurückhalten kann und mit lautem Bravo und Applaus in die letzten Töne rein drischt, ein unmögliches Verhalten, genauso wie so manche Undiszipliniertheit, die man leider immer wieder erlebt und die einen ungetrübten Hörgenuss fast unmöglich machen.
Michael Heinicke hat zu seinem Abschied ein Meisterwerk auf die Bühne gebracht, das sicher als krönender Abschluss von mehr als einem Vierteljahrhundert Regietätigkeit an der Oper Chemnitz gelten darf und gleichzeitig Die Meistersinger von Nürnberg als ein besonderes Kunstwerk darstellt, ohne die sonst üblichen reflexartigen Hinweise auf den politischen Missbrauch durch die Nationalsozialisten. Hier galt’s und gilt’s der Kunst!
Andreas H. Hölscher