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Nicht versungen, aber vertan

MATHIS DER MALER
(Paul Hindemith)

Besuch am
2. April 2017
(Premiere am 18. März 2017)

 

Staats­theater Mainz

Hinde­miths Oper Mathis der Maler verhandelt den Umbruch vom Mittel­alter zur Neuzeit mit seinen Gärungen und Gewalt­sam­keiten, seinen religiösen und gesell­schaft­lichen Verwer­fungen und der Frage, wie sich der Künstler dazu verhalten soll. Verge­gen­wärtigt und fokus­siert wird Hinde­miths Sicht­weise im Blick auf die natio­nal­so­zia­lis­tische Macht­er­greifung und die mit ihr verbundene Unter­jo­chung der Kunst­freiheit, die den Kompo­nisten ins Exil trieb. Die Urauf­führung seiner Volks­lieder und Choräle zitie­renden sehr deutschen Oper im so genannten Dritten Reich wurde verboten, so dass sie 1938 in Zürich herauskam.

Dass zu einer zeitge­mäßen Ausein­an­der­setzung mit der höchst gegen­wär­tigen und immer drängen­deren Thematik die spätmit­tel­al­terlich-frühneu­zeit­liche Bildwelt Matthias Grüne­walds dekorativ herbei­zu­zi­tieren nicht genügt, liegt ebenso auf der Hand wie der Umstand, dass zwar vier der sieben Bilder der Oper in Mainz spielen, aber Lokal­ko­lorit vom Kernproblem ablenken kann. Obwohl daher die Mainzer Produktion Anspie­lungen auf das Werk Grüne­walds lediglich im durch das Engels­konzert und die Versu­chung des heiligen Antonius vorge­ge­benen sechsten Bild aufruft, lokale Bezüge zudem meidet wie der Teufel das Weihwasser, zielt sie völlig am Werk vorbei. Sie blendet geschicht­liche Aspekte gänzlich aus und flüchtet sich ins Irgendwo Nirgendwo.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Elisabeth Stöppler liefert eine Spiel­leitung von der Stange. Konven­tionell biedere Arran­ge­ments und Tableaus bestimmen das Geschehen. Stöppler neigt zu Stereo­typen. Wiederholt nutzen Titel­figur und Chor den Boden der Spiel­fläche zu ausgie­bigem, aber krypti­schem Kreide­kritzeln, einem Geschreibsel, das jeden­falls aus dem Parkett nicht lesbar ist und sich unter den Tritten der Akteure auch bald in Staub auflöst. Ständig stehen oder laufen Leute mit Händen in den Hosen­ta­schen in der Gegend herum. Eine Boden­klappe in der Spiel­fläche wird infla­tionär traktiert, um Auftritten und Abgängen zu dienen oder Leichen zu entsorgen. Die Erinnerung an Tür-auf-Tür-zu-Stücke boule­var­desken Formats ist fatal. Wenn Stöppler dann doch versucht, eine Figuren­kon­stel­lation heraus­zu­ar­beiten, so führt das zu einer Lösung, deren histo­ri­sches Unver­ständnis entgeistert. Der reiche Mainzer Bürger Riedinger fasst seinem Erzbi­schof und Kurfürsten, dem überaus standes­be­wusst im Kardi­nals­purpur auftre­tenden Albrecht von Brandenburg, wiederholt leutselig an die Schulter, als wäre der Renais­sance­herr­scher Kardinal Lehmann oder gar Papst Franziskus.

Die Bühne von Annika Haller betreibt eine geradezu calvi­nis­tisch anmutende Bildver­wei­gerung. Hallers Bühne ist Unbild, eine Schräge mit besagter überstra­pa­zierter Boden­klappe als Spiel­fläche. Die Seiten und der Hinter­grund sind schwarz abgehängt. Beinahe steigt der irrwitzige Wunsch nach den von Hindemith geliebten Mainzer Brunnen auf, die der Komponist auf der Bühne zu sehen wünschte, als er die Proben zur Mathis-Aufführung anlässlich der Mainzer 2000-Jahr-Feier im Jahr 1962 streng überwachte.

Su Sigmund kleidet Solisten und Chor in Kostüme, die vage zur Mitte des 20. Jahrhun­derts tendieren.  Die Musik­engel aus dem Grüne­wald­schen Konzert im Himmel vom Isenheimer Altar sind in unförmige Taftkleider gehüllt.

Regie und Ausstattung überzeugen lediglich im sechsten Bild, das Grüne­walds Versu­chung des heiligen Antonius vom Isenheimer Altar zitiert. Die aus dem Schnür­boden herab­ge­las­senen schein­hei­ligen Bösewichte in ihren überlangen Gewändern sorgen für kalten Schauder.

Die musika­lische Seite der Produktion nimmt für sich ein.

Foto © Andreas Etter

Machtvoll und eindringlich präsen­tiert sich der von Sebastian Hernandez-Laverny einstu­dierte Chor des Mainzer Staats­theaters samt Extrachor.

Das Philhar­mo­nische Staats­or­chester Mainz unter der Leitung von Hermann Bäumer setzt sich engagiert und kompetent für Hindemith ein. Die Holzbläser konzer­tieren kammer­mu­si­ka­lisch. Das Blech intoniert die Choräle mit gleicher Präzision wie die stoßartig und schneidend sich Geltung verschaf­fenden Einwürfe. Auch die Streicher tragen zu einem Klangbild bei, dessen Faszi­nation in seiner Klarheit besteht.

Derrick Ballard in der Titel­rolle singt sich zügig ein, um ab dem zweiten Bild seinen volumi­nösen Bariton in Schmerz und Zweifel zu winden. Den Mainzer Kardinal-Erzbi­schof Albrecht von Brandenburg hat Hindemith in durch­gängig unbequem hoher Lage angesiedelt. Alexander Spemann meistert die Partie technisch, ohne die Ambivalenz der Figur auch stimmlich zu gestalten. Lars-Oliver Rühl ist endgültig im Heldenfach angelangt und verleiht dem Bauern­führer Hans Schwalb Stentortöne. Vorzüglich Vida Mikne­viciute als Ursula Riedinger, deren gerad­linig jugendlich-drama­ti­scher Sopran in warmen Farben leuchtet. Frische und Leich­tigkeit zeichnen die Stimme von Dorin Rahardja als des Bauern­führers Tochter aus. Hans-Otto Weiß gibt einen gefähr­lichen Domde­chanten Lorenz von Pommers­felden. Alle weiteren Solisten singen und agieren rollendeckend.

Wie den Pausen­ge­sprächen zu entnehmen ist, bezieht sich der herzliche Applaus des so gut wie ausver­kauften Hauses nahezu ausschließlich auf die musika­li­schen Leistungen.

Höchst bedau­erlich, dass die Produktion die Heraus­for­de­rungen der vergan­genen und gegen­wär­tigen Umbruchszeit nicht annimmt. Und das in einer Stadt, die mit Gutenberg an der Schwelle zur Neuzeit und der Mainzer Republik während der Franzö­si­schen Revolution gerade in Krisen­si­tua­tionen das zukunfts­wei­sende Potenzial erkannt hat.

Michael Kaminski

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