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Meine nicht allzu lange Erfahrung als Opernregisseur lehrt mich, dass es eine mission impossible ist, alle glücklich zu machen“, sagte Alvis Hermanis in einem seiner ungewöhnlich vielen Interviews in den verschiedensten Medien, in denen er sein Konzept für Richard Wagners Parsifal noch und noch zu erklären versuchte. Ist natürlich richtig, was er sagt und trifft auf viele Inszenierungen zu. Sein übertriebener Erklärungsbedarf erscheint jedoch schon in die Richtung verdächtig, dass er vielleicht selbst von seiner Konzeption gar nicht so hundertprozentig überzeugt ist.
Und so lässt der Regisseur das Bühnenweihfestspiel, wie angekündigt, was auch nicht unbedingt eine neue Idee ist, in einer Nervenheilanstalt im Fin de Siècle, also zum Ende des 19. Jahrhunderts, spielen. Aber nicht in irgendeiner, sondern genau verortet in Wien auf der Baumgartnerhöhe. Dazu lässt er ein prachtvolles Bühnenbild im Jugendstil bauen, sehr ästhetisch, vielleicht etwas überladen und nicht so elegant wie das Original des Spitals vom Jugendstil-Architekten Otto Wagner. Die Innenkuppel der Kirche am Steinhof senkt sich immer wieder wie eine Art riesige Lampe in das Geschehen hinab. In diesem Einheitsbühnenbild gibt es immer wieder Zwischenwände, die herabgesenkt oder hereingeschoben werden, die auch teilweise als Projektionswände für das Opernlibretto in altdeutscher Schrift verwendet werden, was allerdings sehr entbehrlich erscheint.
Aber nicht nur das Wien der Jahrhundertwende mit dem goldenen Jugendstil hat es Hermanis angetan, sondern auch die sich damals ausformende Psychoanalyse des Sigmund Freud. Und so taucht nicht nur dessen berühmte Couch seitlich auf, sondern auch er selbst höchstpersönlich, wie auch Gustav Klimt, Egon Schiele, Johann Strauß und viele weitere Prominente in Kostümen der damaligen Zeit, die Kristine Jurjane erdacht hat, ganz besonders bei der Enthüllung des Grals, die eher keine religiöse Handlung mehr ist, sondern zum Event wird. Vielleicht ist wegen des Erstarkens der Psychoanalyse auch der Gral ein Gehirn, das hell zu leuchten beginnt und im Laufe der folgenden Akte immer mehr an Größe gewinnt.
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Parsifal in der Psychiatrie also: Gurnemanz im weißen Kittel ist der Chefarzt, Gralsritter sind die Assistenzärzte, die Knappen die Pfleger und Krankenschwestern, der Chor die Patienten. Die ankommende Kundry wird gleich einmal von den Pflegern in ein Gitterbett gesperrt. Gegen Ende des Aktes wird sie mitsamt diesem Bett von Dr. Klingsor, ebenfalls ein Arzt, ein Pathologe, wie sich im zweiten Akt herausstellen wird, abgeholt und mitgenommen. Klingsor betreibt Experimente, um die Toten wieder zu erwecken, mit Elektroschocks und Schädelbohrungen. Irgendwo in diesem Gruselkabinett liegt auch Herzeleide, die Mutter von Parsifal. Im ersten Akt gibt es noch so manche Idee und Personenführung. Im zweiten und ganz besonders im letzten Akt versiegen die jedoch völlig, und es herrscht bald lähmende Statik. Auch wird im dritten Akt die Natur nur mit einer halbherzigen, eingespielten Projektion angedeutet. Es steigt in der bald nicht mehr nachvollziehbaren Assoziationskette und den szenischen Absurditäten immer mehr die Ratlosigkeit, und es mehren sich unbeantwortete Fragen, wie etwa, warum der Speer wie eine Stricknadel in dem riesigen Gehirn steckt, aus dem ihn Parsifal herauszieht? Durch als das nimmt Hermanis dem Parsifal all seinen Mythos und seine Ernsthaftigkeit. Das Spiel mit den Zeiten, Räumen und Stilen mutet letztlich nur dekorativ an. Die Verlegung der Erlösungsgeschichte in die Spitalsphäre bleibt am Ende inhaltlich unbegründet.

Sängerisch ist der Abend jedoch eine Wucht: Zum vokalen Zentralgestirn wird allen voran René Pape, der kurzfristig für Hans-Peter König eingesprungen ist und mit exemplarischer Wortdeutlichkeit und herrlichem, warmem, immer hörbarem Prachtorgan als Gurnemanz begeistert. Nina Stemme spielt und singt ihre erste Kundry sehr intensiv und ausdruckstark und, obwohl sie bisher Sopranrollen gesungen hat, mit betörender Tiefe. Gerald Finley ist darstellerisch ein intensiv leidender, stimmlich ein sehr lyrischer, phänomenaler Amfortas, lediglich seine „Erbarmen“-Rufe hätten mehr Durchschlagskraft vertragen. Christopher Ventris ist ein Parsifal mit schlankem Tenor, der manchmal, vor allem gegen Ende, an seine Grenzen stößt. Jochen Schmeckenbecher ist ein dunkler, böser Klingsor. Jongmin Park singt den Titurel stimmgewaltig aus dem Off. Die Blumenmädchen, die zuerst als zugedeckte Leichen auf Tischen liegen und dann mit weißen Gesichtern wie Zombies auferstehen, singen zwar sehr lieblich und schön, versprühen jedoch in dem schrecklichen Ambiente einer Prosektur keinerlei Erotik. Die kleineren Rollen sind alle untadelig besetzt. Der Chor der Wiener Staatsoper, der von Martin Schebesta einstudiert wurde, singt kraftvoll, markig und ausbalanciert.
Semyon Bychkov am Pult lässt die Musiker des Orchesters der Wiener Staatsoper mit ungemeiner Zärtlichkeit, zurückgenommenen Tempi und feiner Dynamik spielen, ohne dass die Lesart zäh wird und so, dass die Spannung nur teilweise darunter leidet. Er nimmt dem Werk fast alles Pathetische, berückt aber mit wunderbarem Klangzauber.
Im Gegensatz zur Premiere, bei der Regisseur und Dirigent beim Schlussapplaus mit einem Buh-Konzert empfangen wurden, wird letzterer bis auf einem einsamen Buh-Rufer zu Beginn des zweiten Aktes wie auch die Sänger bejubelt, wobei René Pape den meisten Jubel abbekommt.
Helmut Christian Mayer