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Foto © Elsa Weihmeier

Goethe auf dem Weg zum Superstar

GOETHE! AUF LIEBE UND TOD
(Martin Lingnau)

Besuch am
4. April 2017
(Premiere)

 

Folkwang-Univer­sität der Künste

Es ist sicher kein Nachteil, wenn sich ein praxis­ori­en­tierter Ausbil­dungsgang wie der der Musical-Klasse der Essener Folkwang-Univer­sität der Künste mit einer erfah­renen und kommer­ziell ausge­rich­teten Gesell­schaft wie dem Stage Enter­tainment zusam­men­schließt. Im Falle des Fußball-Musicals Das Wunder von Bern hat die Gemein­schafts­arbeit vor drei Jahren reiche Früchte getragen.

Die Gefahr besteht, sich zu stark dem profit­ori­en­tierten Mainstream anzuschließen, auf den private Veran­stalter angewiesen sind. Ganz davon freimachen kann sich auch das neue Folkwang-Musical nicht. Doch der Reihe nach.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Nicht der Dichter­fürst, sondern der junge, bis zum Wahnsinn verliebte, von den Erwach­senen unver­standene Goethe steht im Mittel­punkt der neuen Musical­pro­duktion. Goethe! Auf Liebe und Tod nennt Librettist und Regisseur Gil Mehmert das zweiein­halb­stündige Werk, das er mit Musical­stu­die­renden der Abschluss­klassen und vielen Gästen auf der Grundlage von Philipp Stölzls Kinofilm Goethe! erarbeitet hat. Die Urauf­führung in der voll besetzten Neuen Aula wurde mit Begeis­terung aufge­nommen. Mögli­cher­weise lässt sich damit tatsächlich der Riesen­erfolg des Musicals Das Wunder von Bern fortsetzen.

Auch jetzt schuf der Komponist Martin Lingnau eine dichte Songfolge von 30 Titeln, die teilweise Ohrwurm­qua­li­täten aufweisen. Und die Handlung ist schlicht angelegt, wird aber komplex ent- und verwi­ckelt. Es geht um den jungen Studenten Goethe, von dessen Ehrgeiz als Schrift­steller weder der Vater noch die erwachsene Umwelt begeistert sind und der sich im miefigen Wetzlar unsterblich in Charlotte Buff verliebt. Eine Romanze, die zu Goethes erstem Erfolg mit dem Roman Die jungen Leiden des jungen Werther geführt hat. Mehmert verknüpft die Figuren aus Wirklichkeit und Dichtung geschickt mitein­ander. Wilhelm Jerusalem, das reale Vorbild Werthers, erschießt sich, Lotte heiratet todun­glücklich den braven Beamten Kestner und der Schrift­steller Goethe sieht am Ende einer glanz­vollen Zukunft entgegen.

Foto © Elsa Weihmeier

Die Szenen laufen flott wie ein Uhrwerk ab, porentief reines Musik­theater, auf Dialoge wird verzichtet. Lingnau schafft eine Partitur, die Pep und Gefühl in Übermaß verstreuen. Im weich verpackten Sound der fünfköp­figen Combo unter der Leitung von Patricia Martin wirkt manches freilich routi­niert und sehr stark an die gängigen Musicals der letzten Jahre angelehnt. Das führt auch dazu, dass die Titel­figur recht brav, teilweise etwas larmoyant gezeichnet wird und als Persön­lichkeit schwächer wirkt als Lotte, der Lingnau packende Songs auf den Leib geschrieben hat und die von Mehmert am diffe­ren­zier­testen charak­te­ri­siert wird. Wenn dann ein Vollblut­talent wie Sabrina Weckerlin auftritt, steht der Rest des Ensembles im Schatten. Dabei bleibt auch Philipp Büttner der Titel­partie nichts an stimm­lichem und darstel­le­ri­schem Ausdruck schuldig. Weniger dankbar ist die im Musical etwas schema­tisch negativ geformte Rolle des Kestner angelegt, aus der Marvin Schütt immer noch das herausholt, was zu holen ist. Vorzüglich agieren Sarah Wilken als Lottes Schwester Anne, Anneke Brune­kreeft als Marga­rethe und Florian Minnerop als Wilhelm sowie das restliche Ensemble, das reichlich mit dankbaren Gesangs- und Tanzein­lagen in der Choreo­grafie von Simon Eichen­berger bedacht wird, die in einem orgias­ti­schen, von Mephisto entfachten Höllen­zauber gipfeln.

In der schlichten, aber effek­tiven Ausstattung von Eva-Maria van Acker und Maria Wolgast spielt sich vieles auf der nahezu leeren Bühne ab, die durch eine Art Puppen­bühne ergänzt wird, so dass die realen und fiktiven Ebenen der Handlung vonein­ander abgegrenzt oder mitein­ander verwoben werden können.

Eine kurzweilige, hochwertig ausge­führte Produktion, die sich freilich sehr stark an kommer­zi­ellen Vorbildern orientiert.

Pedro Obiera

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