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Aktueller denn je

MATTHÄUSPASSION
(Johann Sebastian Bach)

Besuch am
7. April 2017
(Premiere)

 

Kreuz­kirche Bonn

Bach versteht es, den tiefen­psy­cho­lo­gi­schen Gehalt der Bibel­texte nicht nur zu erfassen, sondern eindringlich hörbar und emotional erlebbar zu machen“, sagt Karin Freist-Wissing, Kirchen­mu­sik­di­rek­torin an der Kreuz­kirche Bonn, und will den Beweis dafür gleich persönlich antreten. Sie leitet musika­lisch die szenische Aufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach in der sehr gut besuchten Kreuzkirche.

Es ist in diesen Tagen unbedingt empfeh­lenswert, sich einmal abseits vom Kriegs­ge­schehen auf der Welt mit seinen Folgen, vom beruf­lichen Stress, Dauer­mel­dungen über Hasskom­mentare und Falsch­mel­dungen im Internet auf die dreistündige Inter­pre­tation Bachs von der Leidens­ge­schichte Jesu Christi einzu­lassen. Weil sie mit ihren Fragen nach Vergebung und Liebe ganz unver­mittelt Saiten in uns anklingen lässt, die wir schon gar nicht mehr vermu­teten, ganz unabhängig vom eigenen Glauben oder Nicht-Glauben. Die Kreuz­kirche in Bonn belässt es nicht bei einer konzer­tanten Aufführung, sondern hat – dank großzü­giger Förderer – die Passion in Szene setzen lassen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Beauf­tragt wurden gleich zwei Regis­seure. Was wohl nur funktio­niert, wenn es sich dabei um ein Gespann wie Gregor Horres und Stephanie Koch handelt, die sich seit vielen Jahren kennen. Horres hat bereits in der Düssel­dorfer Johan­nes­kirche bewiesen, dass er mit den Beson­der­heiten eines Kirchen­raums zurecht­kommt. Im Fall der Kreuz­kirche entscheiden die beiden sich, keine Bühne in der Kirche zu bauen, sondern den gesamten Raum zu bespielen. Das ist vor allem wegen der akusti­schen Unwäg­bar­keiten mutig, zahlt sich aber durch besonders gelungene Raum-Klang-Effekte aus. Bemisst man die Qualität eines Regis­seurs oder seiner Arbeit daran, ob er in der Lage ist, Chöre zu bewegen, zeigen Horres und Koch an diesem Abend, dass sie Meister ihres Fachs sind. Was die Chöre an diesem Abend leisten müssen, ist atembe­raubend. Das funktio­niert nur in einer ausge­klü­gelten Perso­nen­führung. Und das gilt selbst­ver­ständlich auch für die Solisten. Die Grundidee, nahezu jeder natura­lis­ti­schen Darstellung zu entsagen, bedingt, will man denn noch so etwas wie eine Handlung aufbauen, häufige Ortswechsel.

Dabei beginnt alles ganz harmlos mit einem offenen Einstieg. Im Mittel­schiff sind etliche Bänke abgebaut. So entsteht eine Spiel­fläche, in deren Mitte ein paar Tische und Stühle so etwas wie eine Abendmahl-Situation herstellen. Vor dem Altar ist eine Tribüne aufgebaut, rechts davon ist das Orchester auf Stufen aufgebaut. Darunter auch der Orgel­tisch. Auf der rechten Empore findet der Rheinische Kinder- und Jugendchor unter Leitung von Markus Karas einen Platz für seinen kurzen Einsatz. Die ganze Szene wird zunächst etwas zögerlich, dann aber stetig effekt­voller von David Floss ausge­leuchtet. Wenn Jesus oben auf der Tribüne vor dem Altar­kreuz steht, hat Floss gar den Mut, das Licht gegen Null zu dimmen und erweist sich letztlich als Könner. Die sparsamen Mittel in der Bühnen­aus­stattung setzen sich derweil in den Kostümen fort. Die Chöre treten in schwarzer Garderobe auf. Die Solisten erscheinen in heutiger Alltags­kleidung, allen­falls kleine Verän­de­rungen weisen auf Beson­der­heiten hin, wie etwa Jesus das weiße Hemd der Unschuld gegen ein schwarzes zur Anklage tauscht. Das ist alles stimmig und folgt dem Grundsatz: Der beste Regisseur ist der, dessen Ideen nicht auffallen. Einmal hakt es aber doch, und das ist besonders schade, weil es eigentlich so eine gute Idee ist. Als das Volk über Petrus herfällt, ziehen sich die Chormit­glieder rote Handschuhe an, um das Blut an ihren Händen zu versinn­bild­lichen. Floss leuchtet ausge­rechnet diese Szene in Rot aus und kanni­ba­li­siert damit den eigentlich großar­tigen Effekt. Wunderbar auch der Einfall, den Schlaf durch das Umlegen weißer Augen­binden zu symbo­li­sieren. So können sich die Choristen weiter bewegen. Und dieses Mal gibt der Licht­de­signer ihnen auch genügend Licht. Aber damit genug der Mäkelei.

Foto © Meike Bösche­meyer

Es ist immer wieder eindrucksvoll, welche Solisten in den Kirchen auftreten. Sorgten am vergan­genen Sonntag Sänger wie Corby Welch und Rolf A. Scheider für Aufsehen in der Düssel­dorfer Matthäi­kirche mit Rossinis Stabat Mater, tritt in Bonn gleich eine ganze Riege außer­or­dent­licher Sänger an. Allen voran Theresa Nelles, die sich allmählich irdischen Maßstäben entzieht, in der Rolle der Sopra­nistin. Sie weiß ihre silberne Stimme gezielt in der Kirche abzustufen, setzt mit jedem ihrer Auftritte einen Glanz­punkt. Mit Aus Liebe will mein Heiland sterben sorgt sie von der Empore aus für Gänsehaut. Mezzo­sopran Charlotte Quadt bleibt zunächst etwas im Hinter­grund, weiß aber etwa mit ihrer Arie Können Tränen meiner Wangen nahezu ebenso zu begeistern wie Nelles. Deutliche Unter­schiede zwischen den beiden gibt es in der Darstellung. Während Nelles die so unglück­liche wie heraus­for­dernde Rolle der Suchenden, Fragenden, Verzwei­felten zugewiesen bekommt, die sie bravourös löst, trotzdem für den Zuschauer nicht immer nachvoll­ziehbar ist, beschränkt sich Quadt auf Auftritte. Da ist wenig Darstel­le­ri­sches gefordert. Ähnlich wie bei dem Evange­listen. Als Erzähler steht man meist ein bisschen blöd im Raum. Egal, wie oft man die Positionen wechselt. So ergeht es auch dem Tenor Thomas Klose, der zudem aus einem unerfind­lichen Grund nur selten übertitelt wird. Der häufige Positi­ons­wechsel sorgt aber mitunter dafür, dass er eben nicht so verständlich wie gewünscht ist. Obwohl er sänge­risch gerade zum Ende hin über sich selbst hinaus­wächst. Bass Georgios Iatrou eilt auf den Opern­bühnen von Erfolg zu Erfolg. Warum das so ist, zeigt er in dieser Passion. Warm angezogen mit Hemd und Pullover, wirkt er geradezu privat. Und schwelgt geradezu in den Stimm­lagen, genießt seine Phrasen und bleibt dabei absolut souverän in der Darstellung. Steigern kann das nur noch Erik Sohn. Der Bass ist in der Kirche zuhause, hat die dankbare Rolle eines erdent­rückten Jesu und faszi­niert das Publikum zusätzlich dank einer überaus wohlwol­lenden Regie. Henning Jendritza in der Tenor-Rolle bleibt aller­dings genau so dicht dran wie Andreas Peter­meier als Pilatus.

Darstel­le­risch kommen die Solisten bei aller Meister­schaft, man muss es so sagen, aber nicht an die Chöre heran. Was der Kammerchor der Kreuz­kirche, der sich den Namen Vox bona gegeben hat, in drei Stunden leistet, entbehrt nahezu jeder Vorstel­lungs­kraft. Da wird der Gesang beinahe zur Neben­sache, weil die Choristen von Freist-Wissing hervor­ragend einstu­diert sind. Permanent in Bewegung, jeder Schritt perfekt eingeübt, jede Aufstellung beinahe wie im Schlaf, begeistern die Choristen in Detail­freu­digkeit und Exaktheit. So etwas bekommt man auf der Bühne eines Opern­hauses selten geboten.

Untermalt wird die Szene kongenial von Karin Freist-Wissing und dem Orchester der Kreuz­kirche Bonn. Obwohl die Dirigentin über große Strecken weit ausladend dirigiert, dabei Sänger wie Orchester gleich­zeitig im Blick hat, hält sie die Balance perfekt. Ein solches Erlebnis hat man auch nicht so oft.

Und so gratu­liert das Publikum gleich im Stehen und langan­haltend für eine Aufführung, wie man sie nicht so oft zu sehen und zu hören bekommt. Mit einer Veran­staltung solcher Größen­ordnung geht auch eine Kreuz­kirche ein Risiko ein. Und sie hat gewonnen. Für die Folge­ver­an­stal­tungen gibt es Tipps. Warme Kleidung ist hier kein Fehler. Wenn man in der Kirche drei Stunden lang sitzt, macht warme Unter­wäsche Sinn. Leider gibt es „freie Platzwahl“ bei zahlreich reser­vierten Plätzen. Dementspre­chend sind um halb sieben bereits alle akzep­tablen Plätze besetzt. Übrig bleiben Plätze mit einge­schränkter Sicht und Akustik. Ehe die Veran­stalter eine solch unglück­liche Praxis überdenken, ist es sicherer, ein paar Minuten eher da zu sein.

Michael S. Zerban

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