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Romeo und Julia, das vielleicht berühmteste Liebespaar der Welt, hat seit Mitte des 18. Jahrhunderts viele Komponisten zu musiktheatralischen Werken inspiriert. Drei sehr unterschiedliche Vertonungen zeigt das Theater Erfurt in dieser Spielzeit: Bernsteins amerikanisches Musical West Side Story, Gounods französische Opéra lyrique Roméo et Juliette und – als besonderen Leckerbissen – Riccardo Zandonais italienische Tragödie Giulietta e Romeo, die in Deutschland zuletzt vor 30 Jahren bei einem Gastspiel aus Verona in Wiesbaden zu sehen war. Zandonai, 1883 geboren, war Schüler von Mascagni, emanzipierte sich aber schnell von der veristischen Strömung und schuf einen eigenen Stil – eine verfeinerte Neoromantik mit archaischen Elementen, hochemotionalen Gesangspartien und einem gleichgewichtigen Orchesterpart voller magischer Klangfarben, die er in seinem Meisterwerk Francesca da Rimini zu voller Blüte brachte. Giulietta e Romeo, 1922 und damit sechs Jahre später uraufgeführt, knüpft stofflich und musikalisch an die Francesca an: eine legendäre Liebesgeschichte, die über den Tod hinauswirkt und sich in einem musikalisch opulenten, sinnlichen Rausch entlädt.
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Die Oper konzentriert sich auf die zentralen Figuren, alle wichtigen Nebenrollen, wie die Amme oder Pater Lorenzo, sind eliminiert. Der regieführende Intendant Guy Montavon zeigt in seiner Inszenierung eine ungewöhnliche Sichtweise. Die ersten beiden Teile spielen in einem Internat um 1900, für das Francesco Calcagnini hohe Schulsäle mit streng symmetrisch angeordneten Klassenpulten im ersten und Betten im zweiten Akt entworfen hat. Romeo und Julia verlieben sich während ihrer Schulzeit, trennen sich, ohne aber einander vergessen zu können. Nach 40 Jahren, während des Zweiten Weltkriegs, hört der gealterte Romeo vom Tod seiner Freundin. An ihrem Grab hat er eine Vision und sieht, wie sie ins Paradies eingeht. Montavons Interpretation ist eigenwillig, aber in den beiden ersten Akten nicht schlüssig, zumal ihr auch die Personenführung, etwa die ungelenken Liebesszenen und manche Idee, wie der durch das Stück geisternde blinde Seher, nicht mehr Plausibilität verleiht. Stark ist dagegen der dritte Akt. Eine Gesellschaft, von Frauke Langer sehr geschmackvoll im Stil der 1940-er Jahre eingekleidet, horcht dem melancholischen Bericht von Julias Tod. Der Krieg ist gegenwärtig, denn auch Soldaten sind unter den Zuhörern. Statt Romeos Ritt zum Grab flimmern Filmsequenzen von Kriegsflugzeugen und Bombenabwürfen über eine Leinwand – ein Höhepunkt der Aufführung, der zum Finale überleitet: Während Julia in den Himmel schreitet, werden nacheinander Blumen auf den Hintergrundprospekt projiziert – ein stimmiges Bild für die Paradies-Apotheose.

Myron Michailides entfacht mit dem leidenschaftlich mitgehenden Philharmonischen Orchester Erfurt, das durch die Thüringen-Philharmonie Gotha verstärkt ist, ein orchestrales Feuerwerk, das beim sinfonischen Intermezzo vor dem letzten Bild vor Intensität fast explodiert. Eine ganze Palette von betörenden Klangfarben wird entfaltet, die ungemein suggestiv ist.
Besetzungsglück hat Erfurt mit dem Liebespaar Jomantė Šležaitė und Eduard Martynyuk. Sie besitzen nicht nur die ideale jugendliche Ausstrahlung, sondern erfüllen auch die hohen vokalen Anforderungen, darunter allein drei Liebesduette, ohne Einschränkung: Šležaitė ist mit ihrem jugendlich-dramatischen Sopran eine hingebungsvolle Julia, Martynyuk in seinem Deutschland-Debüt ein Romeo mit emphatischem, heldischem Tenor.
Für die ausgezeichnete Erfurter Ensemblekultur sprechen die weiteren Solisten. Siyabulela Ntlale verleiht dem Tebaldo einen mächtigen Bassbariton. Margrethe Fredheim, die sonst in Hauptrollen zu hören ist, wertet die kleine Partie der Isabella mit ihrem warmen Sopran deutlich auf. Und Won Chi Choi trägt die Weise eines fahrenden Sängers mit berückendem, lyrischem Tenorschmelz vor – ein wohltuender Ruhepunkt in der aufgeladenen Atmosphäre. Der bestens disponierte, von Andreas Ketelhut einstudierte Opernchor des Theater Erfurt trägt zum Gelingen der Aufführung bei.
Starker Beifall für eine großartige Opernentdeckung mit vielen Bravos für Sänger und Dirigenten.
Karin Coper