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Foto © Karl Forster

Hörabenteuer der Extraklasse

DIE WALKÜRE
(Richard Wagner)

Besuch am
8. April 2017
(Premiere)

 

Salzburger Oster­fest­spiele,
Großes Festspielhaus

Der riesige Baum mit seinem mächtigen Stamm vor dem weiten Rundho­rizont, in dem immer wieder kosmische Spiral­nebel proji­ziert werden, dominiert zuerst die Bühne: Es ist die Weltesche, worin kaum sichtbar das Schwert Nothung steckt. Dann sieht man im Großen Festspielhaus eine verän­derbare Ellipse, eine Art Ring, als Spiel­fläche, die später zum Walkü­ren­felsen mutiert. Dort wird auch der finale Feuer­zauber brennen: Zum Auftakt der diesjäh­rigen Oster­fest­spiele hat man anlässlich des 50-jährigen Jubiläums dieses von Herbert von Karajan gegrün­deten Festivals sowie zur damaligen Eröffnung Richard Wagners Die Walküre angesetzt. Es ist eine Art Rekreation der szeni­schen Ideen des legen­dären Bühnen­bildners Günther Schneider-Siemssen. Dafür und für die neu kreierten, zeitlosen Kostüme zeichnet Jens Kilian verant­wortlich. Und die Wieder­ima­gi­nation wirkt auch heute noch ungemein stark und mit archai­scher Kraft.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Die Insze­nierung von Karajan hat man nicht konstruiert, da es davon keine Regie­bücher mehr gibt, sondern Vera Nemirova eine neue anver­traut. Diese ist teilweise hart am Libretto, ohne neuere Deutungs­ver­suche, nicht immer ideal gelungen und es stellt sich auch immer wieder die eine oder andere Frage, die dem Text wider­spricht. Auch kann die Regis­seurin ihrer Verspieltheit nicht wider­stehen, wenn etwa Brünn­hilde wie ein Kind mit einem kleinen Stecken­pferd einreitet. Oder wenn zwei als Widder verkleidete Figuren Fricka ständig einen weißen Fauteuil nachtragen. Insgesamt geht sie jedoch respektvoll mit der Historie um, lässt meist unauf­dringlich und teils sogar konven­tionell agieren. Beim Abschied­nehmen des Götter­vaters von seiner Lieblings­walküre fallen sich die beiden nochmals aufein­ander zulaufend in die Arme. Ein hochemo­tional insze­nierter Augen­blick. Im zweiten Akt lässt sie Schrift­zeichen auf der Spiel­fläche malen wie auch im Rundho­rizont proji­zieren, wo die Namen der komplexen Bezie­hungs­ge­schichte des Götter- und Wälsun­gen­ge­schlechts, der Zwerge und Menschen zu lesen sind.

Foto © Karl Forster

Erste Sahne ist das Sänger­ensemble, das sich insgesamt auch mit großer Textver­ständ­lichkeit auszeichnet: Allen voran ist Anja Harteros eine mädchen­hafte schön­stimmige, blühende, auch hochemo­tionale Sieglinde mit Raffi­nesse, vielen Nuancen und allen Spitzen­tönen. Anja Kampe als Brünn­hilde leuchtet und strahlt mit schlankem Sopran, auch die kaum singbaren Spitzentöne kommen mühelos daher. Peter Seiffert als Siegmund findet abgesehen von einigen brüchigen und einigen weiteren unschönen Tönen nicht nur in der Tiefe zu beacht­licher Kraft. Christa Mayer singt imposant und ist keine zänkische, sondern eine sehr dominante Fricka. Georg Zeppe­nfeld gibt einen stimm­ge­wal­tigen Hunding zum Fürchten mit profundem Bass, der immer wieder seine Frau brutal misshandelt. Vitalij Kowaljow ist ein jugendlich unver­brauchter, anstren­gungslos singender, edler, fein diffe­ren­zierter Wotan, dem es vielleicht noch etwas an göttlicher Präsenz fehlt. Ungemein berührend und zärtlich gelingt ihm sein Abschied von seiner Lieblings­tochter. Untadelig singen auch die acht Walküren, die alle höchst trans­parent und einzeln zu hören sind.

Ein weiteres Ereignis findet im Graben statt: Hier erweist sich einmal mehr, dass Christian Thielemann der Titel Klang­magier zu recht verliehen wurde. Die Sächsische Staats­ka­pelle Dresden weiß unter seiner Stabführung einen hochsen­siblen, ja magischen und diffe­ren­zierten Klang­zauber zu entfachen, der seines­gleichen sucht. Es wird außer­or­dentlich farben­reich und sänger­freundlich musiziert. Es ist ein Genuss zu erleben, wie Thielemann mit den Sängern atmet, an deren Lippen hängt und sie trans­parent und gefühlvoll begleitet. Durch ihn gibt es eine weite dynamische Palette von zurück­ge­nom­menen Piani an der Grenze der Hörbarkeit bis hin zu gewal­tigen Ausbrüchen an der Siede­grenze. Wie der Dirigent mit seinem untrüg­lichen Gespür für Agogik das Tempo hier nachlässt und dort wieder anzieht, ist ebenfalls faszi­nierend. Und all das alles immer ohne nachlas­sende Hochspannung.

Zum Schluss gibt es einen Riesen­jubel für alle, und als das Orchester mit seinem Leiter bei geöff­netem Vorhang auf dem Walkü­ren­felsen erscheint, Ovationen und keinerlei Wider­sprüche für die Regie.

Helmut Christian Mayer

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