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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)
Besuch am
7. April 2017
(Premiere am 21. Januar 2017)
Eine Wagner-Oper modernisieren – bitte nicht. Doch, es geht, das Theater Magdeburg und die Regisseurin Vera Nemirova machen es vor. Mit einer schlanken, stringenten Inszenierung, sparsamen Bühnenmitteln und bester Stimmenbesetzung gelingt ihnen ein Fliegender Holländer, der den Kern der frühen Wagnerkomposition und die Aussagekraft der Musik betont.
Zart einsetzende Streicher, sich steigernde und schließlich dissonant rufende Bläser künden Unheil an, während dicke Sturmwolken den Himmel verdunkeln. Die Figur des zur ewigen Rastlosigkeit, Unruhe oder Wanderschaft verfluchten Verräters, des Ahasver, Cartaphilus oder Matathias geistert seit etwa 1300 durch die Literatur und Musik und hat viele Künstler zu recht unterschiedlichen Bearbeitungen inspiriert. Richard Wagner hat sich von einer Geschichte bei Heinrich Heine anstecken lassen, auch dessen Memoiren des Herrn Schnabelewopski drehen sich um einen „Verdammten des Meeres“. Gleichwohl scheint Wagners Entwurf auch für ihn selbst nie ganz „fertig“ geworden zu sein. So können Regisseure auf unterschiedliche Schlüsse zurück greifen, der bei Zuschauern beliebte „Erlösungsschluss“ aus dem Jahr 1860 ist nicht die einzige Version. In Wagners Oper, 1843 in Dresden uraufgeführt, begegnet Kapitän Daland in norwegischen Gewässern einem Fremden, der sich als „Holländer“ vorstellt und wie er selbst mit seinem Schiff in einer Bucht vor einem Unwetter Schutz sucht. Dalands Tochter Senta verliebt sich natürlich in den falschen, den undurchsichtigen Holländer, und lässt den vom Vater für sie vorgesehenen Erik, ausgerechnet einen Jäger, statt seiner laufen.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Regisseurin Nemirova, die sich inzwischen mit mehreren Wagner-Inszenierungen als Spezialistin bekannt gemacht hat, gelingt mit der Magdeburger Aufführung in Kooperation mit ihrer Mutter Sonja eine moderne, schnörkellose und doch aussagestarke Aufführung. Von den Frauen in der Nähstube abgesehen, vermeidet sie weitgehend romantische Verzierungen und setzt auf Wagners Musik. Sie verzichtet auf große Bühnenaktivitäten, die Geschichte wird von den Sängern und der Musik getragen. Solisten und der Opernchor, ergänzt durch die Magdeburger Singakademie und einen Mädchenchor bilden das Rückgrat der dramatischen Ereignisse, von denen die Solisten eindrucksvoll und bewegt berichten. Einen zusätzlichen Effekt erzielt Nemirova mit dem in mehreren Gruppen auf den Zuschauerraum verteilten Chor, der unvermittelt musikalisch in das Bühnengeschehen eingreift.
Tom Musch unterstützt Nemirovas beinahe kühles Konzept mit einem abstrakten Bühnenbild, das durch die Musik höchst unterschiedliche Deutungen und wechselnde Ausdrucksformen zulässt. Bahadir Hamdemir setzt geschickt einige wenige großformatige Schwarz-Weiß-Videoclips ein, die die Handlungsverläufe und Emotionen überraschend eindrucksvoll unterstützen. Die vor allem im Schlussteil von ihm eingespielten Porträtszenen des gefürchteten Holländers machen die Furcht der Senta vor dem Ungeheuer glaubhaft. Rätselhaft bleiben allerdings die langen Kamerafahrten entlang einer kaum beleuchteten, nächtlichen Straße, der die Zuschauer quasi aus dem Theater hinaus folgen, bevor die Fahrt im ablaufenden Schluss ebenso unvermittelt wieder zurück ins Bild geht.

Johannes Stermann, Bass, bringt den Kapitän und Vater der Senta stimmlich souverän und authentisch auf die Bühne. Als sein Gegenpart beherrscht Vladimir Baykov mit voluminösem Bass darstellerisch und stimmlich die Szene. Liine Carlssons Senta berührt in der Zerrissenheit ihrer Liebe und überzeugt mit sicherem, ausdrucksstarkem Sopran bis in hohe Lagen. Sensibel übermittelt sie darstellerisch die wechselnden Schicksalslagen und Stimmungen der Tochter und des Hingezogenseins zu der nicht fassbaren Figur des Holländers. Timothy Richards steht mit der Figur des Erik stimmlich und darstellerisch ein wenig im Schatten der übrigen Figuren, die eine intensive Präsenz zeigen.
Der flexibel und stimmig agierende Chor greift die Wagnerschen Motive lebhaft auf und schafft gemeinsam mit dem Orchester eine mal drohende, dann romantisch verzückte Atmosphäre, in die immer wieder Wagnersche Bläsersignale wie Blitze hineinschlagen. Unter lebhafter Leitung von Kimbo Ishii zeigt die Magdeburger Philharmonie viel Sensibilität für die unterschiedlichsten Stimmungswechsel.
Das eher beifallsmüde Publikum, das sich zu einem Pausenapplaus kaum aufraffen kann, wird vom Einsatz und Enthusiasmus der Musiker und Sänger wenig angesteckt und bedankt sich vor allem für den musikalischen Teil eines Opernabends, der die klassischen Elemente der Wagnerschen dramatischen Grundsituation der Erlösung durch Liebe kühl, aber treffend betont.
Horst Dichanz