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Foto © Thilo Beu

Spielball der Mächte

DIE HARMONIE DER WELT
(Paul Hindemith)

Besuch am
8. April 2017
(Premiere)

 

Landes­theater Linz

Gerade einmal ein halbes Jahr ist Hermann Schneider als Intendant des Landes­theaters Linz im Amt. Nach verschie­denen Stationen als Spiel­leiter in Aachen, Dramaturg in Eisenach, als Leiter des Opern­studios in Düsseldorf und zuletzt als Intendant in Würzburg trägt er jetzt die Verant­wortung für ein Fünf-Sparten-Unter­nehmen, das als größter Theater­be­trieb in Oberös­ter­reich neben Schau­spiel, Oper und Ballett auch das Musical und das Kinder­theater syste­ma­tisch betreut. Im neuen, gerade vier Jahre alten Musik­theater am Volks­garten, einem eindrucks­vollen Palast aus Glas und Beton, der im Sonnen­licht wie ein überdi­men­sio­naler Vorhang schimmert, herrscht ein Klima program­ma­ti­scher Aufbruch­stimmung. Davon war aller­dings bereits bei der Eröff­nungs­pre­miere vor vier Jahren mit der Urauf­führung von Philip Glass‘ Oper Spuren der Verirrten einiges zu spüren, nachdem der reprä­sen­tative Bau nach etlichen Verzö­ge­rungen und Wider­ständen endlich seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Unter Hermann Schneider sollte die innovative Neugier nicht nachlassen.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

In dem mit rund 1000 Plätzen bestückten Haus wagte Schneider jetzt zusammen mit dem Regisseur Dietrich Hilsdorf und dem Dirigenten Gerrit Prießnitz die Wieder­erwe­ckung einer großen Oper von Paul Hindemith, die niemals auch nur annähernd die Auffüh­rungs­zahlen der erfolg­rei­cheren Opern Hinde­miths, also des Cardillac und Mathis der Maler, erreichen konnte. Zu wesentlich mehr als fünf Produk­tionen seit der Münchner Urauf­führung 1957 dürfte es Die Harmonie der Welt bisher nicht gebracht haben. Immerhin gehört Linz dazu, wo das Stück bereits 1967 gezeigt wurde. Die Stadt, die zwei Szenen des Werks als Schau­platz dient.

Dass sich das Werk noch sperriger gebärdet als Hinde­miths sonstige Bühnen­stücke, daran wird wohl auch die Linzer Kraft­an­strengung nichts ändern. Trotz großer Ambitionen und trotz erfreulich hoher künst­le­ri­scher Quali­täten. Dass Hilsdorf während der Proben erkrankt ist und die Fertig­stellung dem Inten­danten überlassen musste, ist zweit­rangig. Seit drei Jahren arbeitete Hilsdorf an dem Konzept, so dass sich der theater­er­fahrene Schneider auf ausrei­chende Vorgaben verlassen konnte.

Die Opern Hinde­miths, und zwar alle, sogar die frechen frühen Einakter, scheinen aus der Mode gekommen zu sein, auch wenn sie hin und wieder, so wie Mathis der Maler derzeit in Mainz, auf der Bildfläche erscheinen. Dabei bieten sie nach wie vor aktuelle Schnitt­stellen zur politi­schen Entwicklung des 20. Jahrhun­derts. Im Mittel­punkt der drei großen Opern geht es um die Verant­wortung des Einzelnen, speziell des Künstlers und des Wissen­schaftlers in Zeiten, in denen ethische Werte von politi­schen Kräften zerrieben werden. Widmet sich Hindemith mit dem beses­senen Goldschmied Cardillac in den 1920-er Jahren einem Künstler, der glaubt, sich als genialer Künstler ein eigenes Ordnungs- und Rechts­system errichten und sich jeder äußeren Verant­wortung entziehen zu dürfen, weist Hindemith in den 30-er Jahren mit Mathis der Maler auf Matthias Grünewald hin, einen Künstler, der sich aufge­rufen fühlt, als Künstler gegen die Gräuel und Ungerech­tig­keiten im Umfeld der Bauern­kriege revol­tieren zu müssen. Und 1957, nach der „Stunde Null“ und dem ersten Atombom­ben­abwurf, steht Johannes Kepler im Zentrum einer mehr als dreistün­digen, fünfak­tigen Oper. Ein Wissen­schaftler, der sich seiner Verant­wortung in den Wirren des Dreißig­jäh­rigen Krieges stellen muss.

Foto © Thilo Beu

Alle drei Protago­nisten scheitern. Und auch die Darstellung Keplers verbreitet keinen großen Optimismus. Dass die Oper gegenüber den beiden früheren Meister­werken drama­tur­gisch schwächer wirkt, liegt an der Passi­vität der Figur. Während Cardillac und Mathis aktiv in das Geschehen eingreifen, wenn auch erfolglos, sieht sich Kepler wie ein Spielball den Einflüssen verschie­dener Inter­es­sen­gruppen ausge­setzt. Der Kaiser wünscht sich von ihm Orien­tie­rungs­hilfe, General Wallen­stein astro­lo­gi­schen Beistand, die katho­lische Kirche eine klare religiöse Position und seine Mutter Unter­stützung in ihren abergläu­bi­schen Praktiken. Die Figur selbst bleibt relativ blass, während die Neben­rollen erheblich profi­lierter gezeichnet werden. Am markan­testen Wallen­stein, der als gewiefter, skrupel­loser Taktiker wie eine überdrehte Karikatur eines typischen Kriegs­ge­winnlers wirkt. Und Keplers Frau Susanna, die jene Kraft aufbringt, die ihr nach und nach verstum­mender Ehemann nie aufge­bracht hat.

Die Geschichte nimmt ihren katastro­phalen Verlauf mit den barba­ri­schen Folgen des 30-jährigen Kriegs. Von einer Harmonie der Welt kann nicht die Rede sein. Dass Hindemith am Ende alle Figuren zu Planeten mutieren lässt und eine kosmische Harmonie im Sinne der mittel­al­ter­lichen musica mundana mit ihrer imagi­nären Sphären­musik anstimmt, ist heutigen Menschen kaum noch überzeugend zu vermitteln. Hier versagen auch Hilsdorf und Schneider Hindemith die Gefolg­schaft. Der sphärische Schluss­gesang wird schlicht in Reih und Glied an der Rampe absol­viert. Von Überhöhung oder visio­närer Verklärung keine Spur. Auch nicht in dem einer Plane­ta­riums-Kuppel ähnelnden Bühnenbild von Dieter Richter, das unter der Kuppel Platz für die vielfäl­tigen Spielorte von der kleinen Stube bis zum Festsaal bereit hält.

Ansonsten bleibt Hilsdorf seiner derzei­tigen Ästhetik treu. Er erzählt die Geschichte klar und handwerklich ausge­feilt, verzichtet auf jedes aktua­li­sie­rende Mätzchen. Das wirkt mitunter routi­niert, erst recht nicht sensa­tionell, bekommt aber gerade einem Werk gut, das kaum jemand genauer kennt. In dieser werknahen Betrachtung werden aller­dings auch die Längen der Diskurse und auch mancher musika­lische Leerlauf besonders deutlich.

Da kann sich Prießnitz am Pult des Linzer Bruckner-Orchesters noch so vehement ins Zeug legen. Immer wieder nimmt die Musik die Rolle einer austausch­baren Klang­ku­lisse für die ausge­dehnten Dialoge ein. Wenn musik­dra­ma­tische Akzente aufleuchten, die Hindemith erheblich konzen­trierter in seiner gleich­na­migen Symphonie für den Konzertsaal bündelte, verflacht die Spannungs­kurve rasch wieder.

Das Linzer Ensemble holt aus dem Stück das heraus, was heraus­zu­holen ist. Mit großem Einsatz erhält jede Figur ihr pointiertes Profil. Sandra Trattnigg als Keplers Ehefrau wächst mit ihrer eindring­lichen Darstellung über sich hinaus, Jacques le Roux gelingt als Wallen­stein eine Charak­ter­studie von schnei­dender Schärfe, Sven Hjörleifsson singt die Partie von Keplers Gehilfen Ulrich mit tenoralem Schmelz voll aus, Vaida Ragin­skyté als dämonische Mutter Keplers findet den richtigen Ton für die schil­lernde Figur, Theresa Grabner gefällt als „kleine Susanna“ mit ihrem leuch­tenden Sopran und Scho Chang bewältigt die Titel­partie engagiert und makellos, auch wenn er deren Schwächen natürlich nicht elimi­nieren kann. Eine der größten und schwie­rigsten Aufgaben hat der Chor zu leisten, der in verstärkter Besetzung zu den Glanz­lichtern der Aufführung zu zählen ist.

Das Publikum bedankt sich nach der fast dreiein­halb­stün­digen Premiere mit großem, wenn auch etwas ermat­tetem Applaus. Insgesamt verdient das Landes­theater Linz mit diesem Gewaltakt hohen Respekt, auch wenn das Werk für das Reper­toire wohl nicht zu retten ist.

Pedro Obiera

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