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Gerade einmal ein halbes Jahr ist Hermann Schneider als Intendant des Landestheaters Linz im Amt. Nach verschiedenen Stationen als Spielleiter in Aachen, Dramaturg in Eisenach, als Leiter des Opernstudios in Düsseldorf und zuletzt als Intendant in Würzburg trägt er jetzt die Verantwortung für ein Fünf-Sparten-Unternehmen, das als größter Theaterbetrieb in Oberösterreich neben Schauspiel, Oper und Ballett auch das Musical und das Kindertheater systematisch betreut. Im neuen, gerade vier Jahre alten Musiktheater am Volksgarten, einem eindrucksvollen Palast aus Glas und Beton, der im Sonnenlicht wie ein überdimensionaler Vorhang schimmert, herrscht ein Klima programmatischer Aufbruchstimmung. Davon war allerdings bereits bei der Eröffnungspremiere vor vier Jahren mit der Uraufführung von Philip Glass‘ Oper Spuren der Verirrten einiges zu spüren, nachdem der repräsentative Bau nach etlichen Verzögerungen und Widerständen endlich seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Unter Hermann Schneider sollte die innovative Neugier nicht nachlassen.
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In dem mit rund 1000 Plätzen bestückten Haus wagte Schneider jetzt zusammen mit dem Regisseur Dietrich Hilsdorf und dem Dirigenten Gerrit Prießnitz die Wiedererweckung einer großen Oper von Paul Hindemith, die niemals auch nur annähernd die Aufführungszahlen der erfolgreicheren Opern Hindemiths, also des Cardillac und Mathis der Maler, erreichen konnte. Zu wesentlich mehr als fünf Produktionen seit der Münchner Uraufführung 1957 dürfte es Die Harmonie der Welt bisher nicht gebracht haben. Immerhin gehört Linz dazu, wo das Stück bereits 1967 gezeigt wurde. Die Stadt, die zwei Szenen des Werks als Schauplatz dient.
Dass sich das Werk noch sperriger gebärdet als Hindemiths sonstige Bühnenstücke, daran wird wohl auch die Linzer Kraftanstrengung nichts ändern. Trotz großer Ambitionen und trotz erfreulich hoher künstlerischer Qualitäten. Dass Hilsdorf während der Proben erkrankt ist und die Fertigstellung dem Intendanten überlassen musste, ist zweitrangig. Seit drei Jahren arbeitete Hilsdorf an dem Konzept, so dass sich der theatererfahrene Schneider auf ausreichende Vorgaben verlassen konnte.
Die Opern Hindemiths, und zwar alle, sogar die frechen frühen Einakter, scheinen aus der Mode gekommen zu sein, auch wenn sie hin und wieder, so wie Mathis der Maler derzeit in Mainz, auf der Bildfläche erscheinen. Dabei bieten sie nach wie vor aktuelle Schnittstellen zur politischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der drei großen Opern geht es um die Verantwortung des Einzelnen, speziell des Künstlers und des Wissenschaftlers in Zeiten, in denen ethische Werte von politischen Kräften zerrieben werden. Widmet sich Hindemith mit dem besessenen Goldschmied Cardillac in den 1920-er Jahren einem Künstler, der glaubt, sich als genialer Künstler ein eigenes Ordnungs- und Rechtssystem errichten und sich jeder äußeren Verantwortung entziehen zu dürfen, weist Hindemith in den 30-er Jahren mit Mathis der Maler auf Matthias Grünewald hin, einen Künstler, der sich aufgerufen fühlt, als Künstler gegen die Gräuel und Ungerechtigkeiten im Umfeld der Bauernkriege revoltieren zu müssen. Und 1957, nach der „Stunde Null“ und dem ersten Atombombenabwurf, steht Johannes Kepler im Zentrum einer mehr als dreistündigen, fünfaktigen Oper. Ein Wissenschaftler, der sich seiner Verantwortung in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges stellen muss.

Alle drei Protagonisten scheitern. Und auch die Darstellung Keplers verbreitet keinen großen Optimismus. Dass die Oper gegenüber den beiden früheren Meisterwerken dramaturgisch schwächer wirkt, liegt an der Passivität der Figur. Während Cardillac und Mathis aktiv in das Geschehen eingreifen, wenn auch erfolglos, sieht sich Kepler wie ein Spielball den Einflüssen verschiedener Interessengruppen ausgesetzt. Der Kaiser wünscht sich von ihm Orientierungshilfe, General Wallenstein astrologischen Beistand, die katholische Kirche eine klare religiöse Position und seine Mutter Unterstützung in ihren abergläubischen Praktiken. Die Figur selbst bleibt relativ blass, während die Nebenrollen erheblich profilierter gezeichnet werden. Am markantesten Wallenstein, der als gewiefter, skrupelloser Taktiker wie eine überdrehte Karikatur eines typischen Kriegsgewinnlers wirkt. Und Keplers Frau Susanna, die jene Kraft aufbringt, die ihr nach und nach verstummender Ehemann nie aufgebracht hat.
Die Geschichte nimmt ihren katastrophalen Verlauf mit den barbarischen Folgen des 30-jährigen Kriegs. Von einer Harmonie der Welt kann nicht die Rede sein. Dass Hindemith am Ende alle Figuren zu Planeten mutieren lässt und eine kosmische Harmonie im Sinne der mittelalterlichen musica mundana mit ihrer imaginären Sphärenmusik anstimmt, ist heutigen Menschen kaum noch überzeugend zu vermitteln. Hier versagen auch Hilsdorf und Schneider Hindemith die Gefolgschaft. Der sphärische Schlussgesang wird schlicht in Reih und Glied an der Rampe absolviert. Von Überhöhung oder visionärer Verklärung keine Spur. Auch nicht in dem einer Planetariums-Kuppel ähnelnden Bühnenbild von Dieter Richter, das unter der Kuppel Platz für die vielfältigen Spielorte von der kleinen Stube bis zum Festsaal bereit hält.
Ansonsten bleibt Hilsdorf seiner derzeitigen Ästhetik treu. Er erzählt die Geschichte klar und handwerklich ausgefeilt, verzichtet auf jedes aktualisierende Mätzchen. Das wirkt mitunter routiniert, erst recht nicht sensationell, bekommt aber gerade einem Werk gut, das kaum jemand genauer kennt. In dieser werknahen Betrachtung werden allerdings auch die Längen der Diskurse und auch mancher musikalische Leerlauf besonders deutlich.
Da kann sich Prießnitz am Pult des Linzer Bruckner-Orchesters noch so vehement ins Zeug legen. Immer wieder nimmt die Musik die Rolle einer austauschbaren Klangkulisse für die ausgedehnten Dialoge ein. Wenn musikdramatische Akzente aufleuchten, die Hindemith erheblich konzentrierter in seiner gleichnamigen Symphonie für den Konzertsaal bündelte, verflacht die Spannungskurve rasch wieder.
Das Linzer Ensemble holt aus dem Stück das heraus, was herauszuholen ist. Mit großem Einsatz erhält jede Figur ihr pointiertes Profil. Sandra Trattnigg als Keplers Ehefrau wächst mit ihrer eindringlichen Darstellung über sich hinaus, Jacques le Roux gelingt als Wallenstein eine Charakterstudie von schneidender Schärfe, Sven Hjörleifsson singt die Partie von Keplers Gehilfen Ulrich mit tenoralem Schmelz voll aus, Vaida Raginskyté als dämonische Mutter Keplers findet den richtigen Ton für die schillernde Figur, Theresa Grabner gefällt als „kleine Susanna“ mit ihrem leuchtenden Sopran und Scho Chang bewältigt die Titelpartie engagiert und makellos, auch wenn er deren Schwächen natürlich nicht eliminieren kann. Eine der größten und schwierigsten Aufgaben hat der Chor zu leisten, der in verstärkter Besetzung zu den Glanzlichtern der Aufführung zu zählen ist.
Das Publikum bedankt sich nach der fast dreieinhalbstündigen Premiere mit großem, wenn auch etwas ermattetem Applaus. Insgesamt verdient das Landestheater Linz mit diesem Gewaltakt hohen Respekt, auch wenn das Werk für das Repertoire wohl nicht zu retten ist.
Pedro Obiera