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Foto © Anna Kolata

Wenn Luther anklopft

LUTHER – DAS KANTATENPROJEKT
(Veit Güssow)

Besuch am
8. April 2017
(Premiere am 1. April 2017)

 

Oper Halle

Wer augen­blicklich per Auto nach Sachsen-Anhalt reist, dem wird schon auf der Autobahn signa­li­siert, wo er sich befindet: im „Lutherland“. Und gleich­gültig, wohin es ihn treibt, kaum eine Gemeinde, eine Stadt, ein Kultur­palast verzichtet darauf, seine Verbindung zu Luther und der Refor­mation und seine darauf abgestimmten Programm­an­gebote ins rechte protes­tan­tische Licht zu rücken. Die länder­über­grei­fenden Theater­an­gebote, darunter viele Urauf­füh­rungen, reichen vom Kinder­theater über unzählige kirch­liche Theater­gruppen und Chöre bis zum big event des Luther-Pop-Orato­riums, das am 4. Februar 2017 in Dortmund vor etwa 16.000 Zuschauern seine Urauf­führung erlebte. Vereinzelt finden sich sogar evange­lische und katho­lische Pfarrer zu ökume­ni­schen Veran­stal­tungen zusammen. Der refor­ma­to­rische Versor­gungsgrad dürfte derzeit besonders in Sachsen-Anhalt bei knapp unter 100 Prozent liegen – mehr geht kaum noch.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Und doch wagt sich der stell­ver­tre­tende Intendant der Oper Halle, Veit Güssow, an eine eigene Insze­nierung, die er „Szenische Collage mit Musik“ nennt.  Auch wenn im Titel nicht erkennbar: Haupt­prot­agonist ist Martin Luther. Mit locker um seine markan­testen Aussprüche, darunter auch einige gelungene Bonmots, gestrickte Szenen spaziert Güssow durch Luthers musika­lisch erfülltes und anekdo­ten­reiches Leben und nutzt viele Anlässe, sie mit der Bachschen Musik kongenial zu verbinden. Das Ganze hat Güssow in die Abfer­ti­gungs­halle des nahen Regio­nal­flug­hafens Leipzig/​Halle unter die Hinweis­tafeln „Arrival“ und „Departure“ platziert, um dort etwa eine große Gruppe einflie­gender Nonnen zu begrüßen. Dann ruft der Lautsprecher den ersten Solisten zum Auftritt, bevor Martin Luther als Astronaut in die Halle fliegt.  Nachdem er in zeitgemäß bürger­liche Kleidung geschlüpft ist, gehört ihm, Martin Luther, umwerfend gespielt von Martin Reik, die Bühne.  Wie zufällig reihen sich Szenen aus Luthers facet­ten­reichem Leben anein­ander, mal tief versunken im Selbst­ge­spräch, dann hämmert er symbo­lisch mit großem Holzhammer seine Thesen an eine virtuelle Kirchentür, sinniert laut über den Wert und die Möglich­keiten der deutschen Sprache und fügt ihr so manche lebensnahe, treffende Wendung bei. Er „schaut dem Volk auf´s Maul“, weil er ihm die Bibel verständlich machen möchte, er ist sich sicher, dass „der Glaube Berge versetzen“ kann, er ärgert sich über die „wetter­wen­di­schen“ Fürsten und geht selbst mit „Feuer­eifer“ an die Übersetzung des Neuen Testa­ments. Ein beson­deres Kapitel widmet Güssow Luthers Verhältnis gegenüber der Obrigkeit und dem Judentum, beides Kapitel, in denen die Kritik an Luther sich heute besonders einig ist. Der Besucher muss wohl Anhal­tiner sein, um nach der Pause die Wendung Güssows zu aktuellen Quellen und Zitaten nachvoll­ziehen zu können. Da tauchen Zitate von Karl Marx neben dem des Minis­ter­prä­si­denten, Ausschnitte aus einem Ausschuss­pro­tokoll des Bundes­tages und ein „Lob der Freiheit“ des vorma­ligen Bundes­prä­si­denten Gauck neben Kurzbei­trägen von Zeitzeugen auf, deren Bezug zu Luther und der Refor­mation eher gewollt erscheint.

Foto © Anna Kolata

Die Bezüge zu Bachschen Kantaten und Choral­ver­to­nungen überzeugen, sie dokumen­tieren die Nähe Luthers zur Musik als einer beson­deren Form der Verkün­digung, die mit den Bearbei­tungen von Bach nur verstärkt wird. Luthers Mahnung „Das heutge Chris­tentum ist leider schlecht bestellt …“ führt direkt zum Rezitativ Siehe zu, dass Deine Gottes­furcht nicht Heuchelei sei …, die Sopran­sän­gerin Romela Lichten­stein lobt Gott in der Arie Jauchzet Gott, dreistimmig erklingt die Arie Ich habe genug, der Chor intoniert bewegend Gott ist mein König. Mit warmer Altstimme ergänzen Svitlana Slyvia, Ki-Hyun Park mit tiefgrün­digem Bass und quasi als Erzähler Robert Sellier, Tenor, das Solis­ten­ta­bleau, dem keine spezi­ellen Rollen zugewiesen sind. Wie ein Leitmotiv erklingt immer wieder die „Marseil­laise der Refor­mation“ Ein feste Burg, das in gewal­tigem Schluss alle Mitwir­kenden und ein Extrachor erklingen lassen. Chris­topher Sprenger hat keine Mühe, die Staats­ka­pelle Halle und mehrere Chöre zu einer musika­li­schen Einheit zu verschmelzen. Der Kinder- und Jugendchor, der Bürgerchor mit Sängern aus der Umgebung und Teile des Opern­chores Halle bilden einen wohl abgestimmten Hinter­grund für einen musika­li­schen Abend, an dem die Musik doch beiläu­figer erklingt als der Titel vermuten lässt.

Das Hallenser Publikum erlebt einen stimmungs­vollen Abend, der ausge­füllt ist mit refor­ma­to­risch-evange­li­scher Musik ganz im Sinne Martin Luthers. Dass dabei der von Reik überzeugend gespielte Luther als „heftiger und roher, dabei tief beseelter und inniger Ausbruch deutscher Natur …“ – wie Thomas Mann ihn sah – im Vorder­grund steht, kann und will die Aufführung nicht verleugnen. Auch wenn die zweite Hälfte der Aufführung nicht die Kraft und Stringenz der sehr um Luther konzen­trierten ersten Hälfte erreicht, ist das Publikum begeistert und bedankt sich mit viel Beifall und Fußtrampeln bei den engagierten Musikern und Chorsängern, die ein wenig Refor­mation wieder in ihre Stadt zurück­geholt haben.

Horst Dichanz

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