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Vom ersten Ton an mittendrin im Geschehen. Ohne Vorwarnung bricht Verdis Otello über den Zuschauer herein. Man wird einem Sturm aus Musik, Stimmen und Licht gnadenlos ausgesetzt, es gibt keine Möglichkeit, ihm zu entkommen. Nur langsam wandert die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog hinter den Orchestergraben, wo es ebenso kein Entkommen gibt. Mathis Neidhardt begrenzt drastisch die Tiefe der Dortmunder Bühne mit nackter weißer Wand. Ein Raum, der in vier Räume unterteilt werden kann. Mehrere Handlungen können sich so gleichzeitig abspielen, die Einblicke in die Empfindungen der Personen abseits der Haupthandlung sind vielfältig.
Von Beginn an macht Herzog deutlich, dass ihm die Symbolik wichtiger ist als die Geschichte. Otello besiegt blutig einen wilden Wolf, ein Kampf gegen sich selber? Ein Symbol für seine Wildheit? Fakt ist, dass dieser Mann in dieser Gesellschaft mehr gefürchtet wird und nur solange geachtet ist, so lange er auf ihrer Seite ist. Dagegen ist Desdemona die beliebte überzeichnete First Lady, everyone‘s darling, von Sibylle Gädeke in schöne Kostüme gehüllt, die überhaupt ein gutes Auge für die Bekleidung aller Sänger hat. Die Schöne und das Biest – ein Verhältnis, das durch den Nihilisten Jago empfindlich gestört wird, der die Stimmungen in dem militärischen Umfeld, in dem es so Recht keinen Sympathieträger gibt, geschickt ausnutzt. Was folgt, ist eine Demontage der widerlichsten Art. Dieser wilde Krieger krabbelt wie ein kleines Kind über die Bühne. Ein Opfer seiner Natur, ein Täter in seiner Unbeherrschtheit.
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Das Konzept der Dramaturgen Hans-Peter Frings und Georg Holzer macht durchaus Sinn, die Beleuchtung von Ralph Jürgens untermauert die beklemmende Atmosphäre. Doch Herzog will dann doch zu viel Psychologie auf die Bühne bringen. Vor allem im vierten Akt kollidiert seine Inszenierung mit dem Text, wenn Desdemona über einen längeren Zeitraum wie in einem Psychothriller langsam getötet wird. Übertitel – und wenn sie noch so neutral formuliert sind – sind manchmal doch ein großer Nachteil.
Dass diese Szene nicht zu albern wird, liegt daran, dass Lance Ryan und Emily Newton mit einer intensiven Darstellung mitreißen. Ryans Otello klingt mit seinen leicht verzogenen Vokalen zu wenig italienisch. Doch in seiner Stimme fiebert das wilde Tier der Figur mit. Seine Höhen sind stählern, seine Piani auf eine positive Art angespannt. Eine tolle Charakterstudie! Newtons Desdemona ist anfangs erfreulich anders. Eine lebendige junge Dame, voller Pläne für ihre Liebe und leicht angenervt durch den Hype um ihre Person. Dass sie so schnell zerbricht, ist dagegen im Konzept wenig glaubhaft, aber Newton spielt und singt das mit einer berührenden Ausstrahlung.
Dank Herzogs Konzept bekommt man von den Randfiguren auch mehr mit als gewohnt, die zwischen Otellos Wildheit und Jagos Intrige aufgerieben werden. Stark ist die Emilia von Almerjia Delic im Gesang, die ihren Weg aus der Unterdrückung ihres Mannes sucht. Kein strahlender Hauptmann, sondern ein schmieriger Macho ist Cassio, von Marc Horus auch wenig sympathisch gesungen. Fritz Steinbacher klingt dagegen als Roderigo umso schöner, der Desdemona wunderbar anhimmelt. Karl-Heinz Lehner ist ein autoritärer Ludovico. Von Luke Stoker als Montano hört und sieht man rollenbedingt leider zu wenig.

Und dann ist da noch Jago, gesungen von Sangmin Lee, der deutlich macht, warum die Oper auch seinen Namen hätte tragen können. Ein echter Widerling, aber nie zu aufgesetzt und nie zu vordergründig, sondern auch mit einer schönen Spur Zurückhaltung. Aber vor allem mit einem Bariton, der alle das Fürchten lehrt. Das ist auf der einen Seite kontrolliertes Singen, auf der anderen Seite ungezügelter Hass. Gänsehaut pur!
Die Dortmunder Philharmoniker liefern die Filmmusik für einen Thriller. Wo man auch hinhört, vernimmt man diese dunklen Farben aus Verdis Feder, dieses abgrundtiefe Schwarz, das die Partitur von Anfang bis Ende durchzieht. Man hört wie der Wind durch die von Desdemona besungene Weide weht, man hört das wilde Pochen von Otellos Schläfen. GMD Gabriel Feltz leitet die vierte Aufführung mit großer Übersicht. Aber ähnlich wie Herzog auf der Bühne möchte Feltz etwas zu viel an Details herausholen. Daran zerbricht auch der Bogen der Musik. Vor allem in der Dynamik ist das an beiden Enden zu viel. Wenn das Piano des Orchesters leiser ist als die Lüftung, wird die Musik nicht schöner. Das Fortissimo der Ensembles ballt sich zwar eindrucksvoll, aber ist dennoch eine Nuance zu laut. Besonders der von Manuel Pujol einstudierte Chor lässt sich davon gerne anstecken. Vergeblich versucht Feltz den ansonsten so großartig singenden Klangkörper dann runterzuholen, wenn man in den Ensembles noch Jagos Ränkeschmiede hören sollte.
Es endet dort, wo es begonnen hat: Im Zuschauerraum. Otello stirbt theatralisch auf der Bühne. Sein Ende wird höhnisch von den anderen kommentiert. Die Reaktionen im Zuschauerraum sind unterschiedlich. Von Betroffenheit über Amüsement bis hin zur Langeweile ist in den Gesichtern alles zu lesen. Oft hört man gerade von älteren Zuschauern: Zu laut. Zu brutal. Doch in einem sind sich alle einig. Die musikalische Leistung wird gelobt. So laut, wie es geht. Doch das ist nicht viel. Denn am Karsamstag haben nur wenige Zuschauer den Weg in das Opernhaus gefunden. Schade.
Rebecca Hoffmann