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Foto © Thomas Jauk

Detailarbeit

OTELLO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
15. April 2017
(Premiere am 26. März 2017)

 

Theater Dortmund

Vom ersten Ton an mittendrin im Geschehen. Ohne Vorwarnung bricht Verdis Otello über den Zuschauer herein. Man wird einem Sturm aus Musik, Stimmen und Licht gnadenlos ausge­setzt, es gibt keine Möglichkeit, ihm zu entkommen. Nur langsam wandert die Insze­nierung von Jens-Daniel Herzog hinter den Orches­ter­graben, wo es ebenso kein Entkommen gibt. Mathis Neidhardt begrenzt drastisch die Tiefe der Dortmunder Bühne mit nackter weißer Wand. Ein Raum, der in vier Räume unter­teilt werden kann. Mehrere Handlungen können sich so gleich­zeitig abspielen, die Einblicke in die Empfin­dungen der Personen abseits der Haupt­handlung sind vielfältig.

Von Beginn an macht Herzog deutlich, dass ihm die Symbolik wichtiger ist als die Geschichte. Otello besiegt blutig einen wilden Wolf, ein Kampf gegen sich selber? Ein Symbol für seine Wildheit? Fakt ist, dass dieser Mann in dieser Gesell­schaft mehr gefürchtet wird und nur solange geachtet ist, so lange er auf ihrer Seite ist. Dagegen ist Desdemona die beliebte überzeichnete First Lady, everyone‘s darling, von Sibylle Gädeke in schöne Kostüme gehüllt, die überhaupt ein gutes Auge für die Bekleidung aller Sänger hat. Die Schöne und das Biest – ein Verhältnis, das durch den Nihilisten Jago empfindlich gestört wird, der die Stimmungen in dem militä­ri­schen Umfeld, in dem es so Recht keinen Sympa­thie­träger gibt, geschickt ausnutzt. Was folgt, ist eine Demontage der wider­lichsten Art. Dieser wilde Krieger krabbelt wie ein kleines Kind über die Bühne. Ein Opfer seiner Natur, ein Täter in seiner Unbeherrschtheit.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Das Konzept der Drama­turgen Hans-Peter Frings und Georg Holzer macht durchaus Sinn, die Beleuchtung von Ralph Jürgens unter­mauert die beklem­mende Atmosphäre. Doch Herzog will dann doch zu viel Psycho­logie auf die Bühne bringen. Vor allem im vierten Akt kolli­diert seine Insze­nierung mit dem Text, wenn Desdemona über einen längeren Zeitraum wie in einem Psycho­thriller langsam getötet wird. Übertitel – und wenn sie noch so neutral formu­liert sind – sind manchmal doch ein großer Nachteil.

Dass diese Szene nicht zu albern wird, liegt daran, dass Lance Ryan und Emily Newton mit einer inten­siven Darstellung mitreißen. Ryans Otello klingt mit seinen leicht verzo­genen Vokalen zu wenig italie­nisch. Doch in seiner Stimme fiebert das wilde Tier der Figur mit. Seine Höhen sind stählern, seine Piani auf eine positive Art angespannt. Eine tolle Charak­ter­studie! Newtons Desdemona ist anfangs erfreulich anders. Eine lebendige junge Dame, voller Pläne für ihre Liebe und leicht angenervt durch den Hype um ihre Person. Dass sie so schnell zerbricht, ist dagegen im Konzept wenig glaubhaft, aber Newton spielt und singt das mit einer berüh­renden Ausstrahlung.

Dank Herzogs Konzept bekommt man von den Randfi­guren auch mehr mit als gewohnt, die zwischen Otellos Wildheit und Jagos Intrige aufge­rieben werden. Stark ist die Emilia von Almerjia Delic im Gesang, die ihren Weg aus der Unter­drü­ckung ihres Mannes sucht. Kein strah­lender Hauptmann, sondern ein schmie­riger Macho ist Cassio, von Marc Horus auch wenig sympa­thisch gesungen. Fritz Stein­bacher klingt dagegen als Roderigo umso schöner, der Desdemona wunderbar anhimmelt. Karl-Heinz Lehner ist ein autori­tärer Ludovico. Von Luke Stoker als Montano hört und sieht man rollen­be­dingt leider zu wenig.

Foto © Thomas Jauk

Und dann ist da noch Jago, gesungen von Sangmin Lee, der deutlich macht, warum die Oper auch seinen Namen hätte tragen können. Ein echter Widerling, aber nie zu aufge­setzt und nie zu vorder­gründig, sondern auch mit einer schönen Spur Zurück­haltung. Aber vor allem mit einem Bariton, der alle das Fürchten lehrt. Das ist auf der einen Seite kontrol­liertes Singen, auf der anderen Seite ungezü­gelter Hass. Gänsehaut pur!

Die Dortmunder Philhar­mo­niker liefern die Filmmusik für einen Thriller. Wo man auch hinhört, vernimmt man diese dunklen Farben aus Verdis Feder, dieses abgrund­tiefe Schwarz, das die Partitur von Anfang bis Ende durch­zieht. Man hört wie der Wind durch die von Desdemona besungene Weide weht, man hört das wilde Pochen von Otellos Schläfen. GMD Gabriel Feltz leitet die vierte Aufführung mit großer Übersicht. Aber ähnlich wie Herzog auf der Bühne möchte Feltz etwas zu viel an Details heraus­holen. Daran zerbricht auch der Bogen der Musik. Vor allem in der Dynamik ist das an beiden Enden zu viel. Wenn das Piano des Orchesters leiser ist als die Lüftung, wird die Musik nicht schöner. Das Fortissimo der Ensembles ballt sich zwar eindrucksvoll, aber ist dennoch eine Nuance zu laut. Besonders der von Manuel Pujol einstu­dierte Chor lässt sich davon gerne anstecken. Vergeblich versucht Feltz den ansonsten so großartig singenden Klang­körper dann runter­zu­holen, wenn man in den Ensembles noch Jagos Ränke­schmiede hören sollte.

Es endet dort, wo es begonnen hat: Im Zuschau­erraum. Otello stirbt theatra­lisch auf der Bühne. Sein Ende wird höhnisch von den anderen kommen­tiert. Die Reaktionen im Zuschau­erraum sind unter­schiedlich. Von Betrof­fenheit über Amüsement bis hin zur Lange­weile ist in den Gesichtern alles zu lesen. Oft hört man gerade von älteren Zuschauern: Zu laut. Zu brutal. Doch in einem sind sich alle einig. Die musika­lische Leistung wird gelobt. So laut, wie es geht. Doch das ist nicht viel. Denn am Karsamstag haben nur wenige Zuschauer den Weg in das Opernhaus gefunden. Schade.

Rebecca Hoffmann

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