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Foto © Matthias Stutte

Wunder aus Glanz und Wonne

LOHENGRIN
(Richard Wagner)

Besuch am
15. April 2017
(Premiere)

 

Theater Krefeld Mönchengladbach,
Krefeld

Wenn der neue Lohengrin im Theater Krefeld als ein Höhepunkt der laufenden Saison in der reich bestückten rheini­schen Theater­land­schaft gewertet werden kann, dann zielt das Lob auf die vorbild­liche musika­lische Leitung und Ensem­b­le­pflege des Hauses ab. Womit das Theater Krefeld Mönchen­gladbach eindrucksvoll seine Existenz­be­rech­tigung als Kader­schmiede großer Talente unter­mauer. Einen Lohengrin von solch musika­li­scher Qualität nahezu ausschließlich mit eigenen Kräften besetzen zu können, davon darf manches größere Haus an Rhein und Ruhr nur träumen.

Schade, dass die Insze­nierung diesem Niveau nicht stand­halten kann und sich Regisseur Robert Lehmeier offenbar so beein­druckt von den Problemen des Stücks zeigt, dass sein ausge­prägtes Problem­be­wusstsein einer klaren Darstellung im Wege steht. Die Unver­ein­barkeit der harten Realität mit der Vorstellung von erlösenden Wundern welcher Art auch immer wird zwar deutlich, aber auf eine handwerklich bescheidene und von Neben­aspekten überwu­cherte Weise umgesetzt.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Das führt dazu, dass die Haupt­fi­guren, vor allem Lohengrin und Elsa, wenig Profil erkennen lassen. Elsa tritt wie ein schwär­me­ri­scher, etwas zickiger Teenie auf und bleibt bis zum Schluss das Dummchen, obwohl sie am deutlichsten heraus­stellt, dass der vorbe­haltlose Glaube an einen quasi vom Himmel gefal­lenen Erlöser, dessen Identität rational nicht nachzu­voll­ziehen ist, kein irdisches Problem lösen kann. Erst recht nicht, wenn ungarische Horden das Reich bedrohen. Die Titel­figur tritt in Krefeld blumen­be­kränzt, das Schwert schwingend, in silberner Rüstung wie ein zum Hippie mutierter Superman auf. In der nüchternen Atmosphäre der in mausgraue Büro-Anzüge gesteckten Gesell­schaft König Heinrichs, die sich in einem kühlen Konfe­renzraum versammelt, wirkt er unsicher, misstraut seiner eigenen Berufung und zieht am Ende erleichtert von dannen.

Stärkeres Profil erhalten die Bösewichter, vor allem die jederzeit überlegen auftre­tende Ortrud, die am Ende auch das Präsi­den­tenamt einnimmt, wenn sich der gesamte Chor bereits für die bevor­ste­hende Schlacht in graue Tarnanzüge geworfen hat. In diesem Outfit tritt auch unver­hofft Gottfried mit einer Spielzeug-Kalasch­nikow auf. Die Realität braucht anscheinend Waffen­träger, aber keine Wunder.

So brüchig das Konzept auch wirkt: Starke Eindrücke hinter­lässt die Insze­nierung, wenn es um die Perso­nen­führung in den Dialogen geht. Die Ausein­an­der­setzung zwischen Ortrud und Friedrich, die Treffen von Ortrud und Elsa und nicht zuletzt große Teile der Braut­ge­machs­szene gestaltet Lehmeier mit großem psycho­lo­gi­schem Einfüh­lungs­ver­mögen und einem handwerk­lichen Geschick, das der stati­schen Führung des Chors fehlt. Da helfen auch keine Mätzchen, wenn der Hochzeitschor von weiß verschlei­erten Bräuten mit Kalasch­nikows gesungen wird.

Die Ausstattung von Tom Musch unter­streicht die nüchterne Welt der krisen­ge­schüt­telten Gesell­schaft. Ein runder Konfe­renz­tisch und eine kleine, mit einem dürftigen Vorhang versehene Bühne im Hinter­grund, auf der Lohengrin aus dem Off auftaucht, bieten keinen illustren Raum für die Welt des Wunder­manns. Der zweite Akt mit der sich anbah­nenden Hochzeit findet in einer mit Kränzen geschmückten Trauer­halle statt, die Braut­ge­machs­szene auf leerer Bühne, bevor sich die Solda­teska am Ende wieder im Konfe­renz­zimmer einfindet. Insgesamt sehr schlicht und atmosphä­risch recht dünn.

Foto © Matthias Stutte

Erheblich farbiger geht es im Orches­ter­graben zu. General­mu­sik­di­rektor Mihkel Kütson bevorzugt zügige Tempi, gibt den Musikern aber genügend Zeit, um den Orches­ter­klang farbig und leuchtend ertönen zu lassen. Bereits das Vorspiel zeugt vom Klang­be­wusstsein des Dirigenten und der Qualität der tüchtigen Nieder­rhei­ni­schen Sympho­niker. Beein­dru­ckend der von Maria Benyumova einstu­dierte Chor und Extrachor des Gemein­schafts­theaters, fordert Wagner doch den Chören im Lohengrin mit seinen achtstim­migen, doppel­chö­rigen und verschach­telten Chorsätzen mehr ab als in jeder seiner anderen Opern. Erstaunlich, wie sicher sich der Chor angesichts der vertrackten Partie behauptet.

Und das Ensemble bewegt sich auf gleich hohem Niveau. Peter Wedd, der einzige Gast der Produktion, ist ein junger, hoch talen­tierter Tenor, der die Titel­partie mit strah­lender Frische und viel Glanz erfüllt. Ein Sänger, dem es gegönnt wäre, sich langsam entwi­ckeln zu können und sich angesichts seiner Quali­täten nicht zu früh von verlo­ckenden und schäd­lichen Angeboten verleiten zu lassen.

Das mit vollem Einsatz agierende Ensemble besticht durch seine jugend­liche Ausstrahlung und seine unver­brauchten stimm­lichen Kapazi­täten. Izabela Matula verleiht der Elsa mit ihrem glocken­klaren Sopran eine mädchen­hafte Unschuld, die selten anzutreffen ist. Eva Maria Günschmann wächst als Ortrud über sich hinaus und verliert auch in den exaltier­testen Passagen der „höchst­dra­ma­ti­schen“ Rolle nicht die Kontrolle über ihre große und intakte Stimme. Johannes Schwärsky überzeugt als Friedrich mit einer inten­siven Rollen­studie. Adäquat reali­siert Matthias Wippich die nicht ganz so dankbare Rolle des Königs Heinrich und Rafael Bruck wertet die Rolle des Heerrufers mit seinem kernge­sunden, wohlklin­genden Bariton merklich auf.

Begeis­terter Beifall des Premie­ren­pu­blikums für einen Lohengrin, auf dessen musika­lische Meriten das Haus stolz sein darf. Szenisch kann die Produktion nicht mithalten, verzichtet aber weitgehend auf sinnent­stel­lende, störende oder aufge­setzte Rohrkrepierer.

Pedro Obiera

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