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Das Team um den Regisseur Andreas Kriegenburg mit Harald B. Thor, verantwortlich für das Bühnenbild, den Kostümen von Andreas Schraad und der Lichtgestaltung von Stefan Bolliger kreiert einen durch eine Vielzahl von Verstrebungen gebrochenen, aufwändigen Bühnenraum auf zwei Ebenen. Die werden jeweils im Übergang der Aktbilder auf ganzer Portalhöhe herauf- oder heruntergefahren, um die Welten des Geisterreiches und des Irdischen zu gestalten. Sie sind verbunden über eine schmale Wendeltreppe, welche den Protagonisten der Handlung ermöglicht, den jeweils anderen Orbit zu betreten und zu erforschen. Insbesondere die Lichtgestaltung schafft dabei eine Vielzahl wechselnder, atmosphärisch ausdrucksstarker Raumgestaltungen.
Das inszenatorische Konzept versucht Ängste, Realitätsflucht, potenzielle oder reale Kontrollverluste, Fragen der Verantwortung, und Erkenntnisprozesse, die im Textbuch in erster Linie der Kaiserin zugeordnet sind, aus der Perspektive der Färberin aufzugreifen und zu verarbeiten. Die Kaiserin wäre dann eine Imagination, in der Sprache der Psychoanalyse eine Traumerscheinung der Färberin, die als Frau in einer anderen Sphäre – gewissermaßen einer imaginierten Flucht- und Märchenwelt der Färberin – schlussendlich mit den gleichen existentiellen Fragen an sich selbst konfrontiert ist. Der Frage nämlich, ob man als Frau unter vorherrschenden schwierigen materiellen oder anderweitigen Bedingungen die Verantwortung für Kinder übernehmen kann, muss oder darf.
Auch unter den Umständen der Färberin beantwortet der Regisseur die Frage am Ende des Erkenntnisweges mit einem glatten und unkomplizierten „Ja“. So sieht man am Ende die Paare aus Geister- und Erdenwelt auf Bänken im Park sitzen, umgeben von spielenden und fröhlichen Kindern, die Frauen sich gegenseitig Blumen überbringend, von aller im Nachhinein geradezu unverständlicher und vergessener Bedrängnis erlöst und in allerschönster Einfalt verweilend.
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Mit der Einführung weiterer christlicher Symbole wie der an die Dornenkrone gemahnende Kopfschmuck des Kaisers, oder die Darstellung des Jünglings in der Gestalt des mit Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastians, Doppelgängerinnen beider Frauen, und Bildelementen aus einer psychiatrischen Anstalt wird die Handlung mit der in der Vorlage bereits übermäßig vorhandenen Symbolik weiter angereichert, um am Ende in der Bebilderung eines in seiner gänzlichen Schlichtheit einfältigen Glücks aufzugehen. So schön ist das Leben. So schwer der Weg, so sonnig sind die Paradiese der Erkenntnis am Ende im realen Sein und das Glück der Liebe mit vielen Kindern.
Das Erscheinungsbild der Inszenierung vermittelt keine Fragen an ein eventuell werkimmanentes, aus der Entstehungszeit, oder auch heute potenziell existentes, spezifisches Herrschafts- und Frauenbild, oder gar zu der zweifelhaften Ethik eines Überlebens und Gebärens zu Ende des Ersten Weltkrieges oder der Zwischenkriegszeit.
Dabei durften die Sänger – bei der über weite Strecken nicht vorhandenen Personenführung – in der Regel schön an der Rampe singen und nach Herzenslust die Arme recken.
Gesungen wird auf allerhöchstem Niveau, wobei immerhin die vier Sänger von Amme, Barak, Färberin und Geisterbote jeweils ihr Debüt in den Rollen geben.
Die Kaiserin von Emily Magee betört vor allem in den schwierigen Passagen im dritten Akt durch wundervolle Gesangsbögen und große Verinnerlichung und Ruhe in Stimme und Spiel. Der Kaiser von Roberto Saccà wird der in jeder Form schwierigen und teilweise sperrigen Rolle stimmlich und darstellerisch in hohem Maße gerecht. Das mit Lise Lindstrom und Andrzej Dobber besetzte Färberpaar stellt heute eine ideale Verkörperung dar. Der stimmlich wie in der Bühnenerscheinung rückhaltlos agierenden Lindstrom steht der bis zur Unerträglichkeit Geduld und Aufopferung personifizierende Dobber gegenüber. Mit beiden Rollendebüts gelingt eine in jeder Hinsicht einzigartig berührende Gestaltung. Auch Linda Watson singt die Amme zum ersten Mal. Ihre Bühnenpräsenz, langjährige Erfahrung in vergleichbar anspruchsvollen Wagner- und Strauss-Partien sowie stimmliche Beherrschung geben ihrer Darstellung Ausdruck und Durchschlagskraft.

Unter den vielen weiteren Beteiligten seien hier der Geisterbote von Bogdan Baciu, ein Hüter der Schwelle des Tempels und die Stimme des Falken von Gabriele Rossmanith, Erscheinung des Jünglings von Alex Kim sowie die Brüder Baraks von Alexey Bogdanchikov, Bruno Vargas und Markus Nykänen hervorgehoben. Sie alle tragen wesentlich zu dem musikalisch anspruchsvollen und äußerst gelungenen Abend bei.
Die Aufführung ist vor allem aber eine Sternstunde für das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter seinem Chefdirigenten Kent Nagano. Höchst selten hat man eine solche Klarheit in Klang und Struktur über alle Orchestergruppen, inklusive beispielsweise aller Holz‑, tiefen Blechbläser und Schlagwerke in diesem Hause gehört. Die feinsinnigen, irisierenden Elemente der Partitur wie auch die mitunter massiven Orchesterballungen werden mit höchster Transparenz und sinnvoller sowie ausdrucksstarker Dynamik von jedem einzelnen Orchestermitglied über den gesamten Abend gespielt. Das ist nicht nur die eindrucksvolle Leistung des Dirigats von Kent Nagano; vielmehr hat das Orchester mit seinem Chefdirigenten in den letzten Monaten seit Beginn der intensiven Zusammenarbeit zu einer Einheit gefunden, um die man das Haus beneiden kann. Diese Qualität, Intensität und Spielfreude machen den Abend zum Erlebnis.
Der Chor der Staatsoper Hamburg unter Eberhard Friedrich sowie die Alsterspatzen unter Jürgen Luhn runden den musikalischen Teil des Abends vortrefflich ab.
Das Publikum folgte dem Abend im nicht gänzlich ausverkauften Haus mit Spannung und Anteilnahme. Große Begeisterung und viele „bravi“ für die Sänger, am stärksten vielleicht für Andrzej Dobber. Langanhaltende Beifallstürme und Bravorufe für Kent Nagano und die Leistung der Philharmoniker. Applaus ohne Buhrufe auch für das Regieteam – bemerkenswert!
Achim Dombrowski