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PRINZESSIN NOFRETETE
(Nico Dostal)
Besuch am
16. April 2017
(Premiere)
Die Musikalische Komödie (MuKo) der Oper Leipzig hat sich für die Darbietung der Operette Prinzessin Nofretete von Nico Dostal wahrlich was einfallen lassen. Schon beim Betreten des Gebäudes fühlt man sich um 100 Jahre zurückversetzt. Garderobieren, Einlassdamen und ‑herren im Reisestil zu Beginn des 20. Jahrhunderts umsorgen den Gast. Schilder weisen den Weg zum Fahrkartenschalter und zur Gepäckabgabe, selbst die Gastronomie wird wieder zur Mitropa. Und bei der Premiere wurden vor dem Eingang der Musikalischen Komödie sogar Kamele gesichtet. Vom Moment des Betretens des Hauses an ist der Operettengast ein Reisender, der von „MUKO-Tours International“ auf eine vergnügliche Abenteuerreise sowohl in die Zeit der Ausgrabungen in Luxor als auch in das alte Ägypten der Pharaonen mitgenommen wird. Garniert wird der Einlass mit einem Coupon-Heft, dem eine altägyptische Landkarte und ein ägyptisches Alphabet beigefügt sind. So ausgestattet, kann die dreistündige Operettenexpedition beginnen. Bevor der Vorhang sich hebt, erscheint die Reiseleiterin Pollie Miller und gibt einige Grundregeln für die Reise bekannt. Dazu gehört unter anderem, dass das Fotografieren während der Vorstellung ausdrücklich erlaubt ist, wenn ein Fotografier-Zeichen aufleuchtet. Ein herrlicher und nachahmenswerter Einfall, von dem im Publikum eine Menge Mitreisende gerne Gebrauch machen. Das Publikum begibt sich nun auf eine Operettenexpedition und wandelt auf den Spuren der Prinzessin Nofretete, einer Operette von Nico Dostal, die nach ihrer Uraufführung 1936 in Köln in der Versenkung verschwand und nun als szenische Erstaufführung nach der Uraufführung quasi wie ein musikalischer Schatz wiederentdeckt und gehoben wird.
Der 1895 im niederösterreichischen Korneuburg in der Nähe Wiens geborene Nico Dostal musste auf Wunsch seines Elternhauses Jura studieren, wandte sich indessen heimlich der Musik zu und studierte Kirchenmusik in Wien. Nach seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg entschied er sich allerdings für die Theaterlaufbahn und begann als Kapellmeister in Innsbruck. Nach mehr oder weniger enttäuschenden Stationen in St. Pölten und in Salzburg entschloss er sich 1924, in Berlin als Arrangeur und Kopist bei einem Musikverlag zu arbeiten. Nach Erfolgen mit Schlagern komponiert er seine erste Operette, die ihm zum großen Durchbruch verhilft: Clivia, mit Lillie Claus, Dostals späterer Frau, in der Titelpartie. Von nun an reiht sich Erfolg an Erfolg, Clivia wird an über 90 Bühnen in Deutschland nachgespielt, auch als Filmkomponist ist Dostal begehrt. So schrieb er unter anderem die Musik für Kaiserwalzer mit Marta Eggert. Den größten Erfolg hatte er dann mit der Operette Die ungarische Hochzeit von 1939. Nach dem Krieg wurde es ruhiger um ihn, 1981 starb Dostal in Salzburg.
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Schillernde Frauenfiguren stehen im Mittelpunkt seiner Operetten. Eine von ihnen ist die sagenumwobene Prinzessin Nofretete, in deren Grabkammern schon das eine oder andere Skelett eines verirrten Pioniers der Altertumswissenschaften herumlungert. Doch eine Koryphäe wie den tapferen Lord Callagan kann das alles nicht erschrecken. Ihm gelingt das Unglaubliche. Im geschäftigen Trubel massenhafter Ägypten-Touristen, die von der Reiseführerin Pollie tagtäglich durch das Areal geschleift werden, dringt er mit seinem Assistenten Totty in die privatesten Bereiche der Pharaonentochter vor. Doch der betuchte Totty, den Callagan für seine Tochter Claudia vorgesehen hatte, hat nur Augen für Pollie, während die selbstbewusste Claudia ein Faible für die besonderen Qualitäten der Einheimischen hat. Und weil Callagan mit seinem bedeutenden Grabfund ein großes Sakrileg begangen hat, orakelt der mysteriöse Wahrsager Abu seiner Tochter ein ähnliches Schicksal wie der einstigen ägyptischen Prinzessin. Nur zu dumm, dass sich im letzten Moment herausstellt, dass Nofretete einst den Mann ihres Herzens heiraten durfte. Am Ende wird natürlich alles gut, das Schicksal erfüllt sich, Claudia bekommt ihren Hjalmer, so wie Nofretete ihren Amar bekommt, gleiches gilt für Pollie und Teje ebenso wie für Totty und Thotopte.

Dass diese zugegebenermaßen etwas verrückte Geschichte in ihrer szenischen Neuentdeckung ein Riesenerfolg wird, hat mehrere Gründe. Da haben sich auf der einen Seite Operndirektorin Franziska Severin, die eine herrlich pointierte Inszenierung mit viel Augenzwinkern auf die Bühne gebracht hat, und Dramaturg Christian Geltinger, der für diese Inszenierung sogar Unterstützung vom Ägyptischen Museum Leipzig erhielt, verdient gemacht. Mit sehr viel Gespür für das Genre und Sensibilität, aber auch mit sehr viel Detailliebe knüpft Franziska Severin die Bande zwischen den Protagonisten und wandelt ohne Bruch zwischen den Zeiten und Stilen. Das wunderbare Bühnenbild von Frank Schmutzler, wechselnd zwischen Ausgrabungsstätte und Pharaonenpalast, ist technisch anspruchsvoll und vermittelt dem Operettenreisenden tatsächlich das Gefühl, in das Jahr 3000 vor Christus zurück zu reisen.
Die Kostüme von Sven Bindseil sind für das altägyptische Bild im Zwischenspiel farbenfroh und opulent, fast wie aus einem Historienfilm entliehen. Aber auch für die Szenen zur Zeit der Ausgrabungen um 1912 entsprechen die Kostüme dem damaligen Stil und vermitteln dem Mitreisenden auf dieser Operettenexpedition Authentizität.
Auf der anderen Seite ist das Ensemble der Musikalischen Komödie, das von einem Ägypten-Virus befallen zu sein scheint. Dass das Wort Spielfreude hier großgeschrieben wird, ist nicht neu. Was aber bei dieser Inszenierung abgeht, das ist schon mehr als abgedreht, aber im besten Sinne. Insbesondere Chor und Ballett sprühen nur so vor Spielfreude und brennen ein schauspielerisches Feuerwerk ab, wie man es selten zu sehen bekommt. Und was da aus dem Orchestergraben ertönt, das ist allererste Sahne. Nico Dostals Operetten bestechen durch ihre reiche Instrumentation und Klangsinnlichkeit in Verbindung mit den Rhythmen der 1920-er und 30-er Jahre. Gerade auf Grund der zeitlichen Distanz zur Uraufführung dieser großen Ausstattungsoperette, die Zeiterscheinungen wie Exotismus und aufkommenden Massentourismus ironisch auf die Spitze treibt, erschließt sich umso mehr der schräge Humor jenes wiederentdeckten Meisterwerks. Stefan Klingele am Pult des Orchesters der Musikalischen Komödie ist ein Meister des Wechsels der Stile. Grade noch Jazz und Swing, dann wieder große Bögen bis hin zur Walzerseligkeit, bis sich wieder Schlagerklamauk und Chansons ihren Platz zurückholen. Doch Klingele verliert bei dieser dynamischen Partie nie den Überblick, chargiert quasi zwischen den Stilen, und lässt dabei auch noch die Sänger gut aussehen. Chapeau! Ja, die Musik Dostals in dieser Operette ist so herrlich unbekannt, und doch meint man sie zu kennen. Waren da nicht grade Anklänge an Robert Stolz‘ Venus in Seide? Meinte man nicht grade musikalisch in Franz Lehárs Land des Lächelns zu sein? Oder doch in Emmerich Kálmáns Csárdasfürstin? Völlig egal, ob Dostal da bei seinen Kollegen geklaut hat oder nur einen musikalischen Zeitgeist gefrönt hat, die Musik ist schmissig, fetzig und wird mit großem Temperament dargebracht.
Auch die Sänger lassen sich mitreißen von dieser temperamentvollen musikalischen Scharade. Die Sopranistin Lilly Wünscher in der Doppelrolle der reichen Archäologentochter Claudia und der Prinzessin Nofretete nähert sich beiden Figuren mit großer Leidenschaft und schafft es, die unterschiedlichen Persönlichkeiten trotz der großen Ähnlichkeit darzustellen. Sängerisch wäre manchmal weniger etwas mehr, denn ihr ausgeprägtes Vibrato wirkt hin und wieder in den Höhen etwas zu kräftig. Radoslaw Rydlewski als Dr. Hjalmer Eklind und Amar überzeugt mit einem Belcanto-Schmelz, der ideale Operettentenor. Nur in den dramatischen Höhen wird die Stimmführung eng, und es klingt dann ein wenig zu angestrengt.
Nora Lentner begeistert als Reiseleiterin Pollie Miller respektive als Hofdame Teje mit leichtem Sopran und viel Spielwitz. Gleiches gilt für den Operettenbuffo Jeffery Krueger, der sängerisch und spielerisch aus der Doppelrolle Totty Tottenham und Prinz Thototpe alles rausholt und herrlich den arroganten Möchtegern gibt. Milko Milev, ein Urgestein der Leipziger MuKo, gibt mit seiner Darbietung als Lord Callagan und Pharao Rhampsinit dem Affen Zucker und sorgt für die Slapstick-Momente. Anne-Kathrin Fischer, Abonnentin auf die „Komische Alte“, ist in der Partie der reichen schrulligen Quendolin Tottenham ideal besetzt. Und Michael Raschle gibt den ägyptischen Dolmetscher Abu Assam als auch den Wahrsager Assambu mit kernigem Bass-Bariton so überzeugend, dass er jedem Mitreisenden im Publikum ohne Probleme einen fliegenden Teppich hätte andrehen können.
Der Chor der Musikalischen Komödie ist von Mathias Drechsler hervorragend eingestimmt und hat seinerseits sichtlich große Freude an den stimmlichen und tänzerischen Darbietungen. Erstklassig auch das Ballett, dessen Choreografie von Mirko Mahr voller orientalischer Exotik ist.
Das sehr gemischte Publikum ist euphorisiert von der Darbietung und spendet enthusiastischen Beifall. Die dreistündige Operettenexpedition ins alte Ägypten ist mehr als gelungen, auch wenn das Stück so manche Längen hat und eine Straffung oder Kürzung hier oder da dem Genuss nicht abträglich gewesen wäre. Ein farbenprächtiger lebendiger und schwungvoller Operettenschatz wurde in Leipzig nach über 80 Jahren Totenschlaf geborgen und zu neuem Leben erweckt mit dem Zeug zum Dauerbrenner. Ach ja, und für die Allgemeinbildung wurde auch noch was getan. Unter den dargereichten Coupons von „MUKO-Tours International“ sind unter anderem ein ermäßigter Eintritt in das Ägyptische Museum Leipzig und einmal Kamelreiten auf einer Haustierfarm. Und mit den erlaubten Szenenfotos kehrt der Teilnehmer dieser sicher einzigartigen Operettenexpedition mit einer Fülle an Eindrücken glücklich und zufrieden nach Hause zurück.
Andreas H. Hölscher