O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Im ägyptischen Stil

PRINZESSIN NOFRETETE
(Nico Dostal)

Besuch am
16. April 2017
(Premiere)

 

Musika­lische Komödie
der Oper Leipzig

Die Musika­lische Komödie (MuKo) der Oper Leipzig hat sich für die Darbietung der Operette Prinzessin Nofretete von Nico Dostal wahrlich was einfallen lassen. Schon beim Betreten des Gebäudes fühlt man sich um 100 Jahre zurück­ver­setzt. Garde­ro­bieren, Einlass­damen und ‑herren im Reisestil zu Beginn des 20. Jahrhun­derts umsorgen den Gast. Schilder weisen den Weg zum Fahrkar­ten­schalter und zur Gepäck­abgabe, selbst die Gastro­nomie wird wieder zur Mitropa. Und bei der Premiere wurden vor dem Eingang der Musika­li­schen Komödie sogar Kamele gesichtet. Vom Moment des Betretens des Hauses an ist der Operet­tengast ein Reisender, der von „MUKO-Tours Inter­na­tional“ auf eine vergnüg­liche Abenteu­er­reise sowohl in die Zeit der Ausgra­bungen in Luxor als auch in das alte Ägypten der Pharaonen mitge­nommen wird. Garniert wird der Einlass mit einem Coupon-Heft, dem eine altägyp­tische Landkarte und ein ägypti­sches Alphabet beigefügt sind. So ausge­stattet, kann die dreistündige Operet­ten­ex­pe­dition beginnen. Bevor der Vorhang sich hebt, erscheint die Reise­lei­terin Pollie Miller und gibt einige Grund­regeln für die Reise bekannt. Dazu gehört unter anderem, dass das Fotogra­fieren während der Vorstellung ausdrücklich erlaubt ist, wenn ein Fotografier-Zeichen aufleuchtet. Ein herrlicher und nachah­mens­werter Einfall, von dem im Publikum eine Menge Mitrei­sende gerne Gebrauch machen. Das Publikum begibt sich nun auf eine Operet­ten­ex­pe­dition und wandelt auf den Spuren der Prinzessin Nofretete, einer Operette von Nico Dostal, die nach ihrer Urauf­führung 1936 in Köln in der Versenkung verschwand und nun als szenische Erstauf­führung nach der Urauf­führung quasi wie ein musika­li­scher Schatz wieder­ent­deckt und gehoben wird.

Der 1895 im nieder­ös­ter­rei­chi­schen Korneuburg in der Nähe Wiens geborene Nico Dostal musste auf Wunsch seines Eltern­hauses Jura studieren, wandte sich indessen heimlich der Musik zu und studierte Kirchen­musik in Wien. Nach seinem Militär­dienst im Ersten Weltkrieg entschied er sich aller­dings für die Theater­laufbahn und begann als Kapell­meister in Innsbruck. Nach mehr oder weniger enttäu­schenden Stationen in St. Pölten und in Salzburg entschloss er sich 1924, in Berlin als Arrangeur und Kopist bei einem Musik­verlag zu arbeiten. Nach Erfolgen mit Schlagern kompo­niert er seine erste Operette, die ihm zum großen Durch­bruch verhilft: Clivia, mit Lillie Claus, Dostals späterer Frau, in der Titel­partie. Von nun an reiht sich Erfolg an Erfolg, Clivia wird an über 90 Bühnen in Deutschland nachge­spielt, auch als Filmkom­ponist ist Dostal begehrt. So schrieb er unter anderem die Musik für Kaiser­walzer mit Marta Eggert.  Den größten Erfolg hatte er dann mit der Operette Die ungarische Hochzeit von 1939. Nach dem Krieg wurde es ruhiger um ihn, 1981 starb Dostal in Salzburg.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Schil­lernde Frauen­fi­guren stehen im Mittel­punkt seiner Operetten. Eine von ihnen ist die sagen­um­wobene Prinzessin Nofretete, in deren Grabkammern schon das eine oder andere Skelett eines verirrten Pioniers der Alter­tums­wis­sen­schaften herum­lungert. Doch eine Koryphäe wie den tapferen Lord Callagan kann das alles nicht erschrecken. Ihm gelingt das Unglaub­liche. Im geschäf­tigen Trubel massen­hafter Ägypten-Touristen, die von der Reise­füh­rerin Pollie tagtäglich durch das Areal geschleift werden, dringt er mit seinem Assis­tenten Totty in die priva­testen Bereiche der Pharao­nen­tochter vor. Doch der betuchte Totty, den Callagan für seine Tochter Claudia vorge­sehen hatte, hat nur Augen für Pollie, während die selbst­be­wusste Claudia ein Faible für die beson­deren Quali­täten der Einhei­mi­schen hat. Und weil Callagan mit seinem bedeu­tenden Grabfund ein großes Sakrileg begangen hat, orakelt der myste­riöse Wahrsager Abu seiner Tochter ein ähnliches Schicksal wie der einstigen ägypti­schen Prinzessin. Nur zu dumm, dass sich im letzten Moment heraus­stellt, dass Nofretete einst den Mann ihres Herzens heiraten durfte. Am Ende wird natürlich alles gut, das Schicksal erfüllt sich, Claudia bekommt ihren Hjalmer, so wie Nofretete ihren Amar bekommt, gleiches gilt für Pollie und Teje ebenso wie für Totty und Thotopte.

Foto © Kirsten Nijhof

Dass diese zugege­be­ner­maßen etwas verrückte Geschichte in ihrer szeni­schen Neuent­de­ckung ein Riesen­erfolg wird, hat mehrere Gründe. Da haben sich auf der einen Seite Opern­di­rek­torin Franziska Severin, die eine herrlich pointierte Insze­nierung mit viel Augen­zwinkern auf die Bühne gebracht hat, und Dramaturg Christian Geltinger, der für diese Insze­nierung sogar Unter­stützung vom Ägypti­schen Museum Leipzig erhielt, verdient gemacht. Mit sehr viel Gespür für das Genre und Sensi­bi­lität, aber auch mit sehr viel Detail­liebe knüpft Franziska Severin die Bande zwischen den Protago­nisten und wandelt ohne Bruch zwischen den Zeiten und Stilen. Das wunderbare Bühnenbild von Frank Schmutzler, wechselnd zwischen Ausgra­bungs­stätte und Pharao­nen­palast, ist technisch anspruchsvoll und vermittelt dem Operet­ten­rei­senden tatsächlich das Gefühl, in das Jahr 3000 vor Christus zurück zu reisen.

Die Kostüme von Sven Bindseil sind für das altägyp­tische Bild im Zwischen­spiel farbenfroh und opulent, fast wie aus einem Histo­ri­enfilm entliehen. Aber auch für die Szenen zur Zeit der Ausgra­bungen um 1912 entsprechen die Kostüme dem damaligen Stil und vermitteln dem Mitrei­senden auf dieser Operet­ten­ex­pe­dition Authentizität.

Auf der anderen Seite ist das Ensemble der Musika­li­schen Komödie, das von einem Ägypten-Virus befallen zu sein scheint. Dass das Wort Spiel­freude hier großge­schrieben wird, ist nicht neu. Was aber bei dieser Insze­nierung abgeht, das ist schon mehr als abgedreht, aber im besten Sinne. Insbe­sondere Chor und Ballett sprühen nur so vor Spiel­freude und brennen ein schau­spie­le­ri­sches Feuerwerk ab, wie man es selten zu sehen bekommt. Und was da aus dem Orches­ter­graben ertönt, das ist aller­erste Sahne. Nico Dostals Operetten bestechen durch ihre reiche Instru­men­tation und Klang­sinn­lichkeit in Verbindung mit den Rhythmen der 1920-er und 30-er Jahre. Gerade auf Grund der zeitlichen Distanz zur Urauf­führung dieser großen Ausstat­tungs­ope­rette, die Zeiter­schei­nungen wie Exotismus und aufkom­menden Massen­tou­rismus ironisch auf die Spitze treibt, erschließt sich umso mehr der schräge Humor jenes wieder­ent­deckten Meister­werks. Stefan Klingele am Pult des Orchesters der Musika­li­schen Komödie ist ein Meister des Wechsels der Stile. Grade noch Jazz und Swing, dann wieder große Bögen bis hin zur Walzer­se­ligkeit, bis sich wieder Schla­ger­klamauk und Chansons ihren Platz zurück­holen. Doch Klingele verliert bei dieser dynami­schen Partie nie den Überblick, chargiert quasi zwischen den Stilen, und lässt dabei auch noch die Sänger gut aussehen. Chapeau! Ja, die Musik Dostals in dieser Operette ist so herrlich unbekannt, und doch meint man sie zu kennen. Waren da nicht grade Anklänge an Robert Stolz‘ Venus in Seide? Meinte man nicht grade musika­lisch in Franz Lehárs Land des Lächelns zu sein? Oder doch in Emmerich Kálmáns Csárdas­fürstin? Völlig egal, ob Dostal da bei seinen Kollegen geklaut hat oder nur einen musika­li­schen Zeitgeist gefrönt hat, die Musik ist schmissig, fetzig und wird mit großem Tempe­rament dargebracht.


Auch die Sänger lassen sich mitreißen von dieser tempe­ra­ment­vollen musika­li­schen Scharade. Die Sopra­nistin Lilly Wünscher in der Doppel­rolle der reichen Archäo­lo­gen­tochter Claudia und der Prinzessin Nofretete nähert sich beiden Figuren mit großer Leiden­schaft und schafft es, die unter­schied­lichen Persön­lich­keiten trotz der großen Ähnlichkeit darzu­stellen. Sänge­risch wäre manchmal weniger etwas mehr, denn ihr ausge­prägtes Vibrato wirkt hin und wieder in den Höhen etwas zu kräftig. Radoslaw Rydlewski als Dr. Hjalmer Eklind und Amar überzeugt mit einem Belcanto-Schmelz, der ideale Operet­ten­tenor. Nur in den drama­ti­schen Höhen wird die Stimm­führung eng, und es klingt dann ein wenig zu angestrengt.

Nora Lentner begeistert als Reise­lei­terin Pollie Miller respektive als Hofdame Teje mit leichtem Sopran und viel Spielwitz. Gleiches gilt für den Operet­ten­buffo Jeffery Krueger, der sänge­risch und spiele­risch aus der Doppel­rolle Totty Tottenham und Prinz Thototpe alles rausholt und herrlich den arroganten Möchtegern gibt. Milko Milev, ein Urgestein der Leipziger MuKo, gibt mit seiner Darbietung als Lord Callagan und Pharao Rhampsinit dem Affen Zucker und sorgt für die Slapstick-Momente. Anne-Kathrin Fischer, Abonnentin auf die „Komische Alte“, ist in der Partie der reichen schrul­ligen Quendolin Tottenham ideal besetzt. Und Michael Raschle gibt den ägypti­schen Dolmet­scher Abu Assam als auch den Wahrsager Assambu mit kernigem Bass-Bariton so überzeugend, dass er jedem Mitrei­senden im Publikum ohne Probleme einen fliegenden Teppich hätte andrehen können.

Der Chor der Musika­li­schen Komödie ist von Mathias Drechsler hervor­ragend einge­stimmt und hat seiner­seits sichtlich große Freude an den stimm­lichen und tänze­ri­schen Darbie­tungen. Erstklassig auch das Ballett, dessen Choreo­grafie von Mirko Mahr voller orien­ta­li­scher Exotik ist.

Das sehr gemischte Publikum ist eupho­ri­siert von der Darbietung und spendet enthu­si­as­ti­schen Beifall. Die dreistündige Operet­ten­ex­pe­dition ins alte Ägypten ist mehr als gelungen, auch wenn das Stück so manche Längen hat und eine Straffung oder Kürzung hier oder da dem Genuss nicht abträglich gewesen wäre. Ein farben­präch­tiger leben­diger und schwung­voller Operet­ten­schatz wurde in Leipzig nach über 80 Jahren Toten­schlaf geborgen und zu neuem Leben erweckt mit dem Zeug zum Dauer­brenner. Ach ja, und für die Allge­mein­bildung wurde auch noch was getan. Unter den darge­reichten Coupons von „MUKO-Tours Inter­na­tional“ sind unter anderem ein ermäßigter Eintritt in das Ägyptische Museum Leipzig und einmal Kamel­reiten auf einer Haustierfarm. Und mit den erlaubten Szenen­fotos kehrt der Teilnehmer dieser sicher einzig­ar­tigen Operet­ten­ex­pe­dition mit einer Fülle an Eindrücken glücklich und zufrieden nach Hause zurück.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: