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DIE WELT AUF DEM MONDE
(Joseph Haydn)
Besuch am
21. April 2017
(Premiere)
Fast 30 Jahre war Joseph Haydn in Diensten der ungarischen Fürstenfamilie Esterházy. Als Vizekapellmeister eingestellt, wurde er nach dem Tode seines Vorgängers zum Ersten Hofkapellmeister bestellt. Sein Aufgabenfeld war umfangreich, aber er fühlte sich wohl damit. Zwischen 100 und 150 Opernvorstellungen hatte er jährlich zu leiten. Darunter auch viele seiner eigenen, insgesamt 24 Opernwerke. An jedem dritten Tag des Jahres eine Aufführung. Eine davon fand am 3. August 1777 statt. Es war die Uraufführung von Il mondo della luna mit einem Libretto von Carlo Goldoni. Die Welt auf dem Monde wurde anlässlich der Hochzeit des zweiten Fürstensohnes gezeigt und fand keinen großen Anklang. Jedenfalls blieb es die einzige Aufführung auf Schloss Esterháza. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Oper wiederentdeckt und findet seither immer mal wieder auf die Bühnen zurück.
Der Riesenrenner ist das Werk auch 240 Jahre nach seiner Entstehung nicht. Haydn selbst fand, dass er an die kompositorischen Künste seines Freundes Mozart nicht heranreichte – und er hatte Recht. Auch Goldonis Schaffen schwankt noch zwischen der Commedia dell’arte und der charakterlichen Zeichnung der Figuren. Trotzdem hält Thomas Gabrisch, Leiter der Opernklasse an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, die Oper für die Aufführung dieses Jahres geeignet. Sie bietet den Sängern Gelegenheit, sich in den Arien und Rezitativen zu profilieren, ohne sie zu überfordern, lässt sich gut bearbeiten und enthält komödiantische Elemente, die den Darstellern Raum für ihre Schauspielkunst lassen. Das Publikum schließt sich seiner Meinung an und besetzt den Partika-Saal bis auf den letzten Stuhl. Und das, obwohl dieser Saal eigentlich als Konzertsaal ausgelegt ist und beileibe keine sängerfreundliche Akustik ausweist.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Im vergangenen Jahr stand Gregor Horres als Regisseur für die Zauberflöte auf den Plakaten, Peter Nikolaus Kante wurde als Co-Regisseur aufgeführt. Wie die tatsächliche Arbeitsteilung aussah, soll hier nicht diskutiert werden. In diesem Jahr jedenfalls steht Kante als verantwortlicher Regisseur auf dem Besetzungszettel. Studiert hat der Bariton Gesang an der Musikhochschule Köln, ist seit 1989 Mitglied des Ensembles der Deutschen Oper am Rhein. An der Robert-Schumann-Hochschule ist er für das Schauspieltraining der Sänger zuständig. Jetzt muss er also erstmals offiziell den Unterschied zwischen Theorie und Praxis beweisen. Um das Ergebnis mit der ihm eigenen, sympathischen Burschikosität vorwegzunehmen: Glückwunsch, Kante!
Regie kann so einfach sein. Ein ordentliches Bühnenbild, für das der Regisseur hier auch gleich noch sorgt, die Räume ordentlich aufgeteilt und mit Leben gefüllt, nachdem man dem Ensemble exakt mitgeteilt hat, wie man sich die Bewegung wünscht. Bei Kante stehen sich die Sänger im Duett gegenüber, nur dann an der Rampe, wenn es künstlerisch Sinn macht und bekommen für ihre Arien unauffällig ruhige Positionen, ohne in Deklamation zu erstarren. Da darf man sich dann auch schon mal einen freezing frame erlauben. Natürlich braucht es auch hier ein Team. An Kantes Seite Marcus Grolle, im vergangenen Jahr noch unter „Choreografie“ firmierend, jetzt als Co-Regisseur genannt. Er sorgt dafür, dass die mitunter turbulenten Bewegungsabläufe reibungslos vonstattengehen. Kante richtet dafür eine minimalistische Theaterbühne ein. Die vergleichsweise schmale Bühne schließt im Hintergrund mit einer weißen Fläche ab, in deren Mitte ein Schlitz einen zusätzlichen Zugang bietet. Davor ist ein roter Vorhang aufgehängt. Ein Sofa links, ein Tisch rechts, dazu einige Kastenelemente. Benötigt werden weiterhin eine Sackkarre, ein Bierkasten und ein paar Flaschen. Da sind schnelle Umbauten, von den Darstellern selbst vorgenommen, kein Problem und mit der nötigen Originalität bleibt auch kein Raum für Langeweile. In dieser Umgebung wirken die bizarren, witzigen und einfallsreichen Kostüme von Stefanie C. Salm von der Deutschen Oper am Rhein gleich doppelt. Die Rocky Horror Show im Barockzeitalter beschreibt es wohl am besten. Bernd Staatz und Mylene Breyer unterstützen den skurril-fantastischen Eindruck mit ihrer Maske. Großes Kompliment, wie hier mit wenig Einsatz und vielen originellen Ideen ein eindrucksvolles Bühnenbild geschaffen wird, das Beleuchter Volker Weinhart auch in diesem Jahr wieder sehr gekonnt in Szene gesetzt hat. Und ließe er Bonafede nicht im Dunkel über dem Vorhang „verhungern“, wäre es brillant. Eine Neuentdeckung ist Moritz Hils, der mit seinen Videoprojektionen für viel Spaß unter den Kommilitonen im Publikum sorgt. Auf diesen Namen wird man in Zukunft achten müssen.
Und um die Zukunft geht es hier ja. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Umsicht Gabrisch die Sänger-Rollen besetzt. Im vergangenen Jahr noch in der zweiten Reihe angenehm aufgefallen, müssen sich einige von ihnen heuer an der Front beweisen. Aus der ersten Reihe an der Hochschule schon nicht mehr wegzudenken ist Anna Rabe, die sich als Punk-Flaminia gleich wieder in die Herzen des Publikums singt. Damit bestätigt die Schülerin von Konrad Jarnot den Eindruck des letzten Jahres. Auch Valerie Eickhoff lernt bei Jarnot. Als Lisetta tritt sie neben Rabe und bezaubert durch Gesang und Spielfreude. Während wir hier noch über Bachelor-Aspiranten reden, bereitet sich Johanna Werhahn bei Michaela Krämer auf ihren Master vor. Als Roberta zeigt sie viel Bühnenpräsenz, Mut zum Körpereinsatz und eine Stimme, die deutlich und begeisternd in den Raum hineinreicht. Auch Jana Marie Gropp lernt in der Krämer-Klasse, bereitet sich gerade auf ihren Bachelor vor, wirkt aber eigentlich als Clarice viel weiter. Bei den Herren ist Alexander Kalina nach vorn gerückt. Der Jarnot-Schüler entwickelt sich als Bonafede zum Held des Abends. Neben einer sich sauber entwickelnden Gesangskultur erfreut er schon jetzt mit seiner Freude am Schauspiel. Dass er darüber hinaus eine tänzerische Bewegungsfreude zeigt, sorgt für viel Vergnügen. Alexander Tremmel treibt die Handlung als Ecclitico voran, und Lorenz Rommelspacher begeistert als Kammerdiener Cecco und Mondkaiser. Dem Chor gelingt nicht ganz, was sich Kante erhofft hat. Kante ist davon ausgegangen, dass die Solistenstimmen sich im Ganzen zu einem glasklaren Gesang vereinen. Bemüht ist hier allerdings jeder, und der körperliche Einsatz ist enorm.

Für die richtigen Einsätze der Solisten sorgt Gabrisch. Bei dem Dirigenten können die Sänger sich im siebten Himmel fühlen. Glasklare Ansagen werden über Zusatzmonitore übertragen. Mit der Musik Haydns ist selbst das Universitätsorchester unterfordert, auch wenn sich hier und da Flüchtigkeitsfehler einschleichen. Da ist es hilfreich, dass Gabrisch mit exakter Führung für den nötigen Pep sorgt. Großartig die Auftrittsmusik von Flaminia und Clarice. Hier hat Gabrisch den fünften Satz aus dem vierten Streichquartett von Béla Bartók eingefügt. Da kommt Leben in die Bude. Weniger geglückt ist die Idee, Musiken aus der Konserve einzuspielen. Dramaturgisch gelungen, ist die technische Qualität der Sinatra-Melodien New York, New York, Come, fly with me sowie beispielsweise Samba Pa Ti oder Blue Velvet, übrigens eine fantastische Tanzeinlage von Eickhoff und Kalina, ein Bruch in der Aufführung und erreicht damit nicht ganz den erhofften Effekt.
Bei aller Leichtigkeit, die der Abend vorspiegelt, kann man nicht darüber hinwegsehen, wie viel professionelle Arbeit in dieser Produktion steckt. Seit Ende vergangenen Jahres haben die Studenten sich auf den Abend vorbereitet. Das Publikum weiß es, auf seine Weise, zu würdigen. Da entfleucht, bei langanhaltendem Beifall, sogar jemandem ein „Bravo!“. Aber egal, wie zurückhaltend sich das Publikum im Partika-Saal gewohnheitsmäßig auch bei Arien-Applausen zeigt: Rabe, Kalina und Kommilitonen haben heute Abend schon gezeigt, dass wir uns auf die Zukunft freuen dürfen. Und Kante? Der hat heute seine Empfehlungskarte abgegeben.
Michael S. Zerban