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Als Ritter von der traurigen Gestalt ist Don Quijote hinlänglich bekannt. Die literarische Figur aus dem Roman des Miguel de Cervantes hat den Nürnberger Ballettchef Goyo Montero schon immer beschäftigt. Klar, er ist Spanier, und das spanische Ritterepos aus dem 16. Jahrhundert war für ihn Schullektüre. Aber ihn reizte an dieser seltsamen Gestalt des selbst erfundenen Streiters für ein scheinbares Ideal der innere Widerspruch und gleichzeitig das Verwobensein von Realität und Wahnsinn, von Illusion, idealem Streben und die Parodie darauf; alles das ist vereint im labilen Charakter des Don Quijote; der reagiert auf seine literarischen Vorbilder, hält sie schließlich für Wahrheit, erfindet seine eigene Welt und bewegt sich darin, indem er fiktive und echte Kämpfe ausficht gegen und mit der Wirklichkeit. Am Ende findet er sich wiedergespiegelt in dem Werk, das der Dichter für ihn öffnet. Alles ein Traum, eine Fiktion?
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Bei Montero beginnt das getanzte Geschehen seines Don Quijote in einem kahlen, geschlossenen Raum mit einer Wand im Hintergrund; diese Bühne von Eva Adler und Montero verengt sich später oder weitet sich scheinbar durch einen Vorhang, kann auch transparent werden bei der Projektion von Schattenrissen. Die Gestalten in bräunlich-erdfarbenen Anzügen von Angelo Alberto und Montero haben nichts Individuelles an sich, scheinen austauschbar, erinnern noch an Menschen; durch das Licht von Olaf Lundt erhalten sie ab und zu rein körperliche Ausstrahlung. Diese irdische Masse bewegt sich durcheinander, ungeordnet, erinnert ein wenig an Abteilungen in der Psychiatrie oder an ein Flüchtlingslager, etwa durch die Säcke, oder an ein Gefängnis durch seltsame fahrbare Beobachtungsmaschinen mit Beleuchtung, die man auch besteigen kann. Durch den dunkler gekleideten Schriftsteller entsteht dann eine gewisse Unruhe, als er seinen Koffer öffnet und die Blätter seiner Erzählung herausflattern. Die bisher unmotiviert herumirrenden Gestalten erhaschen die Zettel, erhalten nun eine gewisse Richtung, nehmen Rollen an, der Äquilibrist, Hiroki Ichinose, trägt eine Lanze herbei. Alle scheinen auf etwas zu warten; eine „Dame“ in pompöser Robe, aber schon verblichener Eleganz, mahnt zur Ruhe, und schließlich nimmt einer, Sancho Pansa, die Ritter-Lanze – Montero bezeichnet sie als eine Art „Wünschelrute“ – und übergibt sie dem, der nun Don Quijote darstellt. So beginnt, nach einem Auftakt mit Glockenklängen und weihevollem Klang, in der eigens für das Ballett komponierten Musik des Kanadiers Owen Belton, die „eigentliche“ Handlung, wenn man nicht besser von Tanz-Assoziationen sprechen sollte. Wichtig erscheint dabei auch, dass die Irritation durch die mangelnde Eindeutigkeit der Figuren betont wird; denn die Hauptpersonen, also das Gespann von Herrn und Diener, werden nicht durch Männer, sondern durch Frauen verkörpert, und die Erinnerung an die angebetete „Prinzessin“ Dulcinea wiederum wird durch einen männlichen Tänzer dargestellt; dieser Iván Delgado seinerseits kann scheinbar schwerelos über die Bühne schweben und singt noch dazu wunderbar in der Szene Blindlings das altspanische, melancholische Lied A Ciegas über die Blindheit von Liebenden, während sich Don Quijote abmüht, die Zuneigung der widerstrebenden Aldonza zu erlangen. Musikalisch untermalt die Komposition von Belton wie eine Filmmusik atmosphärisch die Szenen. Die Klänge vom Computer setzen dabei Material ein von Streichern, Glocken, Orgel, Percussion oder Gitarre, aber auch Geräusche wie klappernde Münzen oder Schritte auf Glas, elektronisch erzeugte Soundeffekte. Lediglich am Schluss, als der Dichter den „literarischen“ Koffer öffnet, als Don Quijote mit seiner Liebsten scheinbar vereint ist, erklingt – vom Band – das Adagio des zweiten Klavierkonzerts von Chopin, gespielt von Lang Lang, und alles endet versöhnlich. Aber es bleibt wohl nur ein Traum, ein Wunschbild übrig, während vorher die harte Wirklichkeit immer wieder die Illusion zerstört. Montero zitiert in seinem Tanzstück auch bekannte Stellen aus dem Roman des Cervantes, etwa den Kampf mit den Windmühlen oder dem Spiegelritter. Teilweise sind diese „Abenteuer“ auch als Schattenrisse zu sehen. Was irgendwie neu scheint, ist der Missbrauch der Macht, als Sancho Pansa, nun dargestellt durch Sayaka Kado, als bekrönter Gouverneur auf einem Berg von Säcken, seiner „Insel“, in der Hybris des Herrschers Hinrichtung oder Reinigung fordert, die zuckende Masse des „Volkes“ sich auf dem Boden wälzt, der gefesselte Don Quijote in einem rotierenden Kasten gefoltert wird, bis er vom treuen Esel, Luis Tena, wieder ins Leben zurück gebracht wird. Viele dieser starken, aber auch rätselhaften Bilder können irritieren, sollen aber auch spüren lassen, dass die Grenze zwischen Illusion und Wirklichkeit schwer zu ziehen ist.

Was an diesem Tanzstück fasziniert, ist vor allem der Einklang zwischen Musik und bewegter Gestaltung. Das 20-köpfige Ensemble beeindruckt immer wieder mit seiner synchronen, schnellen, tänzerischen Ausführung, häufig am Boden als sich rollende, sich windende, gleichgeschaltete Masse, aber auch in der räumlichen Aufteilung als wild hin und her laufende, verwirrte Leute, die nach vorne oder rückwärts rennen, sich zu Haufen sammeln, wie um Zuflucht zu suchen; einen Bruch bedeutet die Szene mit dem An- und Ausziehen einer Gefangenen. Aus der Masse heraus aber lösen sich Dulcinea, der tapsig wirkende Esel und der streng erscheinende, straff tanzende und als einziger als Individuum auftretende Dichter, Oscar Alonso. Unglaublich wandlungsfähig in ihren Bewegungen zwischen anschmiegsam, abrupt wild, abwehrend und verunsichert tanzt Esther Pérez als Aldonza. Bei Rachelle Scott als Don Quijote und Natsu Sasaki als Sancho Pansa fallen die bewundernswerte Geschmeidigkeit und Biegsamkeit, die Weichheit bei sehr geschwinden Bewegungen und ihre äußerst originell arrangierten Pas de deux auf. Nichts deutet hier hin auf einen steifen Ritter oder einen plumpen Gefährten, eher auf spielerisches Ausloten von Rollen. Das ist sicher Absicht. Montero will letztlich eine gewisse Verunsicherung, so dass der Zuschauer nicht weiß, ob dieser Don Quijote mit seinem Knappen „ein Idealist, Moralist, Enthusiast oder ein Wahnsinniger“ ist.
So ist das Premierenpublikum im ausverkauften Haus am Ende zwar beeindruckt, aber auch ein wenig irritiert durch die neue tänzerische Interpretation des bekannten Stoffes; sie weist ein paar Längen auf und folgt mit den von allen polyglott gesprochenen Passagen einer derzeit modischen Strömung. Aber Zuschauer und Fans feiern zu Recht die faszinierenden Leistungen des Nürnberger Balletts und die Ideen Monteros mit minutenlangem Beifall.
Renate Freyeisen